Auf Bildungsreise mit einem besonderen Bentley Continental T in Como

Wenige Tage bevor beim Fuoriconcorso am 26. Mai die extravagantesten Bentley Continental der 1990er Jahre gefeiert werden, haben wir ein herausragendes Exemplar aus der Mulliner-Traumfabrik für eine ungewöhnliche Fotoproduktion nach Como entführt.

In den 1920er Jahren mag es eine tollkühne Geste gewesen sein, mit einem staubigen Rennwagen in den Tanzsaal des Ritz zu brausen – die verwegenste Aktion, derer sich ein wohlhabender „Bentley Boy“ des Jahres 2019 brüsten kann, dürfte es wohl sein, den Kontinentalexpress im absoluten Halteverbot vor dem Finanzamt zu parken, in das nächste Café zu schlendern und bei einer Tasse Capucchino zu beobachten, wie die Beamten das Nummernschild mit der letzten Vermögensdeklaration abgleichen. Glücklicherweise war die einzige illegitime Offshore-Aktivität, die sich der Besitzer dieses Bentley vorwerfen lassen könnte, das zu schnelle Fahren mit seiner Motoryacht auf den Wellen der  Côte d'Azur. Und so war der Anruf beim Hauptmann der Guardia di Finanza in Como, in dem wir ihn um Nachsicht für unsere Fotoproduktion vor dem Eingang der lokalen Finanzpolizei ersuchten, ein angenehmes und unbürokratisches Unterfangen.

Architekturkennern ist sicherlich schon aufgefallen, das es sich bei dem modernistischen Gebäude auf unseren Bildern nicht um irgendeine Polizeiwache handelt, sondern eines der bedeutenden Beispiele des International Style – der in den 1920er und 1930er Jahren von Architekten wie Le Corbusier, Frank Lloyd Wright und den Bauhaus-Lehrmeistern weltbekannt gemacht wurde – in Italien handelt. Entworfen vom visionären Baumeister Giuseppe Terragni und zwischen 1932 und 1936 errichtet, nistete sich im dem rationalistischen Gebäude mit Blick auf die Piazza del Popolo schon bald Benito Mussolini und seine Gespielen der faschistischen Bewegung ein, was dem Haus den unschönen Namen „Casa del Fascio“ einbrachte. Nach dem Krieg etablierte sich in der Bevölkerung der wohlwollendere Name „Palazzo Terragni“ und seit den 1950er Jahren residiert die Guardia di Finanza in dem bis heute gut erhaltenen Baudenkmal.

Heute ist das Gebäude mit seiner offenen, von einem strengen geometrischen Muster getragenen Fassade eine der großen zeitgenössischen Sehenswürdigkeiten der Stadt Como – und war damit geradezu prädestiniert, um eines der interessantesten europäischen Automobile der letzten Jahrzehnte vor seiner Kulisse in Szene zu setzen. 

Ursprünglich wurde der dunkelblaue Bentley Continental T Mulliner Special Commission im Frühjahr 1998 in Crewe gebaut und in der mythischen hauseignenen Individualisierungsabteilung mit zahlreichen interessanten Anpassungen versehen. James Carter LeBlanc, jener Kunde aus New York, der das Auto bestellt hatte, wusste genau was er wollte – und ließ sich selbst von den horrenden Kosten, die für jedes maßgefertigte Detail fällig wurden, nicht den Spass an seinem Einzelstück verderben. Heute gehört das große Reisecoupé in die Sammlung von Guglielmo Miani, dem Mailänder Modeunternehmer ,Herausgeber eines exzellenten neuen Bentley-Buchs und Gründer der Fuoriconcorso-Veranstaltungsreihe, bei der auch in Zukunft moderne Sammlerautomobile gewürdigt werden sollen.

James Carter LeBlanc entschied sich Ende der 1990er Jahre ganz selbstverständlich für das Topmodell der Baureihe, den im Vergleich zum Bentley Continental R kürzeren, stärkeren und agileren Continental T Mulliner. Während er die Karosserie in den eleganten Farbton „Cobalt Blue“ tauchen ließ, wurde der Innenraum zweifarbig mit Leder in den Erdtönen Sandstone und Tan ausgeschlagen. Der ungewöhnlichste Sonderwunsch war jedoch sicherlich der Verzicht auf die hintere Sitzbank, deren Beinfreiheit seit der Kürzung des Randstandes sowieso nicht mehr der Rede wert war. Statt der Sitze fand sich hinter dem Fahrer nun eine geräumige Gepäckablage und zwei verschließbare Geheimfächer. 

Ganz im Stil der Zeit ließ der Kunde den Innenraum möglichst extravagant und nach äußerst genauen Vorstellungen ausstatten. „Not soft tan but the old tan“, liest man beispielsweise eine Notiz zum genauen Lederton in den Dokumenten aus Crewe. So wurde das Cockpit zu einem Vorzeigeprojekt britischer Handwerkskunst. Während das Lenkrad zweifarbig in schwarzes und beigefarbenes Leder gekleidet wurde, kombinierten die Mulliner-Spezialisten an der Mittelkonsole beispielsweise die Farben „Sandstone“ und „Tan“. Auch was das Exterieur angeht, hatte LeBlanc spezifische Anforderungen: Der Kühlergrill beispielsweise wurde nicht in Wagenfarbe lackiert, sondern in alter Tradition verchromt und mit einer sogenannten „Badge Bar“ für Embleme versehen. Für das extra angefertigte „fliegende B“ als Kühlerfigur gab es derweil eine eigene Tragetasche in passendem Leder, da es nur bei besonderen Anlässen aufgesetzt wurde. Guglielmo Miani ließ den etwas altmodischen Grill übrigens durch ein sportlicheres „Hühnerstallgitter“ ersetzen. Das „Winged B“ dürfte aber dennoch deb Kühler krönen, wenn der Continental T im Kreise seiner Zeitgenossen beim Fuoriconcorso in der Villa del Grumello zu sehen ist. 

Und während der Bentley Continental T Mulliner mit Chassisnummer WCX67148 sicherlich eines der eindrucksvollsten Beispiele für die Kunstfertigkeit von Bentleys Traumwerkstatt in der Dämmerung des neuen Jahrtausends ist, muss man eigentlich am eigenen Leib erlebt haben, wie der 6,75 Liter große Turbo-V8 das 2,5-Tonnen-Koloss auf den schmalen Straßen entlang des Comer Sees mit schier unendlichem Drehmoment nach vorne zieht.

Nur 23 Exemplare des Bentley Continental T in Mulliner-Spezifikation wurden gebaut – und Guglielmo Miani ist sicherlich der einzige Besitzer, der sich bei einer Ausfahrt entlang des Seeufers nicht nur von den Gentlemen auf ihren Rivas und Boeschs mit zustimmendem Nicken gegrüsst wird, sondern fortan auch von den Offizieren der „Guardia di Finanza“ auf ihrem Patrouillenboot. Letztendlich gibt es doch keinen größeren Luxus als ein reines Gewissen, nicht wahr?

Fotos: Andrea Klainguti für Classic Driver © 2019

Der erste Fuoriconcorso findet am 26. Mai 2019 in der Villa del Grumello in Como statt. Im Zentrum stehen die großen Bentley Continental der 1990er Jahre. Zwischen 14.00 und 16.00 Uhr ist die Veranstaltung für Besucher geöffnet. Folgen Sie Fuoriconcorso bei Instagram, um mehr zu erfahren.