Zurück auf Tempo 320 mit dem unglaublichen Aston Martin Bulldog

Vierzig Jahre nach seinem ersten Auftritt kehrt der Aston Martin Bulldog zurück. Wir haben uns mit seinem Erwecker Richard Gauntlett über die Bedeutung des 320 km/h schnellen Supersportwagens und den Designer William Towns unterhalten – und auch mit dem neuen Besitzer ein paar Worte gewechselt.

Richard Gauntlett liegt die Marke Aston Martin im Blut. Sein Vater war Victor Gauntlett, von 1981 bis 1991 als Executive Chairman für das Schicksal von Aston Martin verantwortlich. Er rettete die wieder einmal kriselnde Traditionsmarke, die eine Schließung der Produktion erwog, um sich danach nur noch auf Servicearbeiten und Restaurierungen zu konzentrieren. Es ist verblüffend, dass in dieser Situation ein so ambitioniertes Automobil wie der Aston Martin Bulldog auf die Räder gestellt wurde. 1979 aufgebaut und im März 1980 offiziell vorgestellt, beeindruckte das nur 1,09 Meter hohen Mittelmotorcoupé mit Flügeltüren, scharfen Karosseriekanten und einer Batterie von fünf Scheinwerfern, die sich hinter einer absenkbaren Klappe verbargen. Im futuristischen Innenraum wurde das bereits aus dem Lagonda bekannte Konzept digitaler Instrumentierung weiterverfolgt. 

Der extrem keilförmige Bulldog mit dem beachtlichen Cw-Wert von 0,34 wurde vom hauseigenen 5,3-Liter-V8-Motor angtrieben, der es mithilfe von zwei Turboladern – je nach Quelle – auf knapp 600 bis 700 PS brachte. Ende 1979 erreichte dieses Raumschiff auf Rädern auf dem englischen Testgelände MIRA in Nuneaton eine Höchstgeschwindigkeit von 309 km/h. Ein neuer Rekord – auch wenn er damit hinter der Werksangabe von 200 Meilen pro Stunde, also rund 320 km/h, zurückblieb. Nachdem das linksgelenkte Hypercar bis auf wenige Auftritte beim Goodwood Festival of Speed 2009 und zum 100. Geburtstag von Aston Martin im Jahr 2013 den Augen der Öffentlichkeit über 40 Jahre lang weitgehend verborgen geblieben war, lassen Richard Gauntlett und der neue Besitzer die Bulldogge nun komplett restaurieren. Erklärtes Ziel ist es, den Phoenix aus der Asche aufsteigen zu lassen und endlich die 200 Meilen zu erreichen, die er immer schon verdient gehabt hat. 

Richard, schön Dich wieder zu sehen. Kann man den Aston Martin Bulldog als weltweit erstes Hypercar vorstellen? 

Nun, wann spricht man von einem Hypercar? Wenn ein Supersportwagen im Vergleich zu allem, was sonst noch auf dem Markt erhältlich ist, ein neues Leistungsniveau erklimmt. Im Falle des Aston Martin Bulldog war dies tatsächlich so. Ende des Jahres 1979 beschleunigte er in MIRA auf 309 km/h – und zwar mit zwei Personen an Bord. Das war damals unerreicht.

Es war eine phänomenale Leistung, verglichen mit anderen Supersportwagen jener Zeit. 

Ja, damals holten Journalisten aus einem Lamborghini Countach vielleicht 275 km/h bis 290 km/h heraus. Und wenn man weiß, wieviel mehr Kraft man aufbringen muss, um von 275 km/h auf 310 km/h zu beschleunigen, dann war der Bulldog schon ein Quantensprung! Man darf nicht vergessen – das Projekt begann 1978 und war 1979 bereits abgeschlossen.

Das war ein ziemlich schneller Turnaround – von der Designfreigabe bis zu 309 km/h in zwölf Monaten! Noch ein paar Jahre zuvor war Aston Martin finanziell am Ende gewesen.

In der Tat! Ende 1974 war das Unternehmen in die Insolvenz gerutscht und das Werk hatte seine Tore geschlossen. Nur sechs Monate später ging es unter einem neuen Besitzer und als Aston Martin Lagonda Ltd. an den Neustart. Vor diesem Hintergrund war es faszinierend zu sehen, was mit dem Bulldog erreicht wurde. Und das Ergebnis war real, es wurde in MIRA zertifiziert!

Wenn man heute an Geschwindigkeitsrekordwagen denkt, dann handelt es sich meistens um Fahrzeuge mit speziellen Reifen, besonderen Treibstoffen und leistungsgesteigerten Motoren. Und hier wurden mit einem Beifahrer an Bord fast 310 km/h erreicht! 

In der modernen Welt würden McLaren und Ferrari eine spezielle Sonderserie bauen und angeben, dass sie 30 oder 60 Kilo leichter wäre. Beim Aston Martin Bulldog muss man sicher mehr aufschlagen, sagen wir einmal 75 Kilo für das durchschnittliche Gewicht eines Erwachsenen. Ich habe die originale Pressemeldung aus dem Jahr 1980 gefunden. Sie betonte, dass Aston Martin den weltweit besten Supersportwagen bauen wolle, ohne jene Tugenden, die einem Aston Marin-Kunden wichtig sind, zu schmälern.

Ich nehme an, ein Kunde von Aston Martin erwartete damals luxuriösen Komfort in allen Modellen?  

Nun, sie sagten nicht: „Wir bauen den weltweit schnellsten Straßensportwagen” – obwohl der Aston Martin Bulldog das sicher war. Es hieß, und ich zitiere: „Wir bauen den ultimativen Supersportwagen unter Berücksichtigung der Erwartungen unserer Kunden. Wir gehen keine Kompromisse bei Komfort und Klimatisierung ein und bieten auch dieses Auto inklusive eines halbes Dutzends toter Kühe und einer kompletten Stereoanlage an.

Erzähl uns doch ein wenig vom Designer des Bulldog, dem 1993 verstorbenen William Towns. Er muss ein faszinierender Charakter gewesen sein – mit vielen großartigen und wegweisenden Ideen. 

Wäre der Bulldog von Ferrari oder einem anderen Hersteller dieses Kalibers gebaut worden, hätte man von seinem Designer in ehrfurchtsvollen Worten gesprochen. Die Leute hätten geflüstert: „Oh ja, ich kann Sie dem legendären Mr X vorstellen.“ Verstehen Sie, was ich meine? Die Leute hätten sich darum gerissen, mit dieser Person einen Plausch zu halten.

Das ist ein sehr guter Punkt. William Towns scheint heute fast vergessen.

Ja, niemand hat seine Leistungen jemals so gewürdigt, wie sie es verdient gehabt hätten. Sein erster wichtiger Entwurf war das Rover-BRM Coupé mit Gasturbine, das 1964 in Le Mans fuhr. Danach entwarf er für Aston Martin den DBS und den Lagonda. Gefolgt wurden diese 1976 von zwei Stadtflitzern namens Minissima und Microdot. Er war mehr als nur ein Autodesigner, sondern ein echter Industriegestalter, er zeichnete eigentlich alles. Doch wie ein großer Architekt galt seine Aufmerksamkeit nicht nur der Optik. Der Microdot war ein Dreisitzer mit zentralem Fahrersitz und Hybridantrieb – und das im Jahre 1976!

Auch der Aston Martin Bulldog verschwand aus der Öffentlichkeit. Was passierte nach dem ersten Hochgeschwindigkeitstest? 

Sie wollten das Auto noch zum VW-Testgelände in Ehra-Lessien bringen, weil dort noch mehr Platz für Hochgeschwindigkeitsfahrten war als in MIRA. Auch wenn in der Pressemeldung die Rede von 190 Meilen pro Stunde war, glaubten sie alle daran, dass 200 Meilen pro Stunde möglich waren. Doch dazu kam es nicht mehr. Mein Vater Victor hatte die Firma im Januar 1981 übernommen. Und während noch immer viel über den Bulldog berichtet wurde, waren die Kosten für die angedachte Kleinserie von 15 bis 25 Fahrzeugen einfach viel zu hoch. Am Ende stand mein Vater vor der Entscheidung, sich entweder vom Bulldog oder von einer Reihe von Mitarbeitern trennen zu müssen. Man darf nicht vergessen, dass Aston Martin, als er den Job antrat, schon wieder in den Abgrund des finanziellen Ruins starrte.

Es muss eine Mammutaufgabe gewesen sein, in einer solchen Situation in eine Firma einzutreten und sofort so harte Entscheidungen treffen zu müssen. 

Nun, ich denke am Ende war es eine einfache Entscheidung für ihn. Der Wagen wurde an einen saudischen Prinzen verkauft und stand dann in dessen Haus – gleich neben drei Offshore-Rennbooten. Es hatte sich herumgesprochen, dass mein Vater das Auto verkaufen wollte. Und der Prinz rief meinen Vater an und sagte: „Wenn ich das nächste Mal in England bin, komme ich für eine Stunde vorbei, um ihn mir anzugucken.“ Also holten sie das Auto hervor und machten es präsentationsfertig. Er fuhr dann einmal die Straße rauf und runter und entschloss sich auf der Stelle zum Kauf. Und bestand darauf, ihn auch gleich mitnehmen zu können. Dann verschwand er am Steuer des Bulldog, gefolgt von drei großen schwarzen SUVs, über die M1 in Richtung London.

Irre! Was muss das für ein Anblick gewesen sein – eine königliche Prozession! 

Ja, aber er soll dann, wie mir erzählt wurde, auf der Autobahn bei vermutlich 270 km/h statt vom vierten in den fünften in den dritten Gang geschaltet haben. Man kann sich vorstellen, welchen Schaden er damit anrichtete. So kam der Wagen zurück, was ihn nebenbei dazu brachte, die Farbe in Grün ändern zu wollen. Für mich verlor das Auto dadurch im Vergleich zur Original-Lackierung von William Towns sehr viel an Dramatik. Daher sind wir jetzt bei der Restaurierung auch zurück auf das ursprüngliche Farbschema in Silber und Hellgrau gegangen.

Nun ist es an der Zeit, den neuen Besitzer des Autos vorzustellen – den eklektischen US-Sammler Phillip Sarofin, der auch schon den Lancia Stratos Zero besitzt und uns als perfekter Käufer für diesen wichtigen Supersportwagen erscheint. Wir sprechen Philip am Telefon.  

Philipp, herzlichen Glückwunsch! Wann hast du zum ersten Mal vom Aston Martin Bulldog erfahren?

Schon als Kind! Unsere Familie verbrachte immer viel Zeit in London und ich war fasziniert von der großen Handwerkskunst und dem Stil von Herstellern wie Rolls-Royce, Bentley und Aston Martin. Sie alle verkörperten diese kompromisslose und typisch britische Qualität. Ich habe immer schon Autos aus dieser Zeit geliebt. Die turbulente Geschichte von Aston Martin mit ihrem schnellen Wechsel von Glanz und Elend schien mir wie geschaffen für eine wahre Underdog Story – mit dem Bulldog als Höhepunkt: Er war die Fantasie eines großartigen Designers, geschaffen ohne Kompromisse als Skulptur aus Metall.

Er scheint wirklich nicht von dieser Welt. Man kann nur erahnen, was die Leute empfunden haben, die ihn damals live gesehen haben. Wie wichtig ist es für dich, den Bulldog zurück auf die Straße zu bringen, um dann endlich die magische 320-km/h-Marke zu erreichen? 

Eine Konzeptstudie ist oft genau das – ein Konzept. Die Leute unterschätzen oft die große Kluft zwischen den Entwürfen eines Designers und einem wirklich straßentauglichen, lebenden und atmenden Automobil. Zu jener Zeit gab es viele dramatische Studien – doch nur zu selten wurde daraus auch ein Serienmodell. Es liegt eine bittere Ironie darin, dass Autos wie der Lancia Stratos Zero und der Aston Martin Bulldog derart verehrt wurden, dass sie meist sofort ins Museum wanderten. Wo sie dann ihr großes Potential nicht abrufen konnten. Daher denke ich, dass man solche Autos zurück auf die Straße bringen sollte – als Anerkennung für die harte Arbeit und das Herzblut, dass in sie geflossen ist. Und als Würdigung für die Leistungen dieser Weltklasse-Designer und Ingenieure.

Richard, es scheint, Phillip und der Aston Martin Bulldog sind das perfekte Paar, oder? 

Ja, es ist großartig, Phillip an Bord zu haben. Er ist fest davon überzeugt, dass solche Autos dazu da sein sollten, die Menschen zu erfreuen. Wäre es nicht eine schöne Vorstellung zu erleben, wie heutige Kinder den Bulldog in Aktion erleben und hören und sich von ihm inspiriert fühlten, selbst etwas so Unglaubliches zu entwerfen? Diese Idee hat etwas sehr Reizvolles für mich – sie ist auch ein wundervolles Mantra fürs Leben und ich ziehe dafür meinen Hut vor Phillip.

Eine letzte Frage: Wer arbeitet jetzt an dem Auto? 

„Die Spezialisten von Classic Motor Cars in Shropshire sind mit dem Projekt beauftragt. Nigel Woodward und seine fantastische Truppe haben sich auch von den Widrigkeiten der Pandemie nicht unterkriegen lassen. Alle Herausforderungen, die ihnen das Auto stellt, meistern sie mit großem Know-How und sehr viel Akribie. Bis zur kompletten Fertigstellung werden voraussichtlich 12 Monate verstreichen.“

Gentlemen, vielen Dank, dass Ihr euch die Zeit für dieses Gespräch über den Aston Martin Bulldog genommen habt. Classic Driver kann es kaum erwarten, das Ergebnis Eurer harten Arbeit und Leidenschaft zu sehen! 

Fotos: Amy Shore © 2020

Der Aston Martin Bulldog hat seinen neuen Besitzer bereits gefunden. Im Classic Driver Markt stehen jedoch noch zahlreiche besondere Aston Martin zum Verkauf.