Classic Concepts: Lamborghini Athon

Seit 1965 hatte Marcello Gandini als Bertone-Designchef das Gesicht von Lamborghini entscheidend geprägt. 1980 trat Marc Deschamps seine Nachfolge an – und führte das Turiner Designstudio mit dem keilförmigen Lamborghini Athos Concept ohne Umwege ins Schulterpolster-Jahrzehnt.

 

Das Debüt des Lamborghini Athon im April 1980 auf dem Turiner Salon war in vielerlei Hinsicht eine Überraschung. Zum einen hatte Automobili Ferruccio Lamborghini bereits am 28. Februar 1980 Konkurs anmelden müssen – erst ein gutes Jahr später sollte die Sportwagenmarke einen neuen Besitzer finden. Zum anderen basierte die Designstudie auf dem Chassis und der Technik des Lamborghini Silhouette, dessen Produktion bereits zwei Jahre zuvor aus finanziellen Gründen eingestellt worden war. Die Rahmenbedingungen für Marcel Deschamps Vorzeigeprojekt als neuer Designchef bei Bertone waren somit mehr als ungünstig, eine baldige Serienproduktion schien von Vorneherein ausgeschlossen. Auch das Vermächtnis seines Vorgängers Marcello Gandini, der mit den Lamborghini-Modellen Miura, Espada und Countach unangefochtene Klassiker geschaffen hatte, lastete auf den Schultern des bei Peugeot, Renault und Ligier ausgebildeten Franzosen. Doch Nuccio Bertone wollte seinen langjährigen Auftraggeber aus Sant’ Agata nicht sterben sehen – und richtete die Konzeptstudie Athon als Geste der Hoffnung an die Sportwagenwelt.

Classic Concepts: Lamborghini AthonClassic Concepts: Lamborghini Athon

In der Tat wurde der kantige Lamborghini Athon von der Automobilpresse mit Ovationen begrüßt. Passend zum Modellnamen, den man einem ägyptischen Sonnengott entliehen hatte, war der Athon als reiner Roadster konzipiert. Ein Dach hatte Deschamps nicht vorgesehen. Dafür war die nur 1,07 Meter hohe Studie so futuristisch wie nur möglich gestaltet. Die Front wirkte klar, kantig und im Stil der frühen Achtzigerjahre natürlich überaus grafisch und geometrisch-akkurat. Eine große, superflache und in Richtung der filigranen A-Säulen leicht gewölbte Windschutzscheibe setzte die Linie der Fronthaube fort. Viel Gestaltungsarbeit war offensichtlich auch in die Heckabdeckung mit ihren integrierten Luftfiltern für den darunterliegenden Achtzylinder-Motor geflossen. Vor allem die Baukasten-Silhouette mit ihren plakativen Diagonalen und die kastig-kantige Heckansicht mögen aus heutiger Sicht etwas ungelenk und befremdlich wirken, nach den opulenten Siebzigerjahren war der unterkühlt-modulare Science-Fiction-Look im Frühjahr 1980 allerdings der letzte Schrei. Den Lamborghini Athon, soviel war klar, durfte man nur mit modisch-schrägem Kurzhaarschnitt und dicken Schulterpolstern fahren.

Classic Concepts: Lamborghini Athon
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Tatsächlich durften sich nach der Turiner Premiere sogar einige Journalisten in das superfuturistische, mit beigefarbenem Leder bezogene Cockpit gleiten lassen und einige Runden drehen – schließlich war der Prototyp voll funktionsfähig. Doch der 260 PS starke 3,0-Liter-V8-Motor aus dem Lamborghini Silhouette dürfte die Presse weniger beeindruckt haben als das außergewöhnliche Design. Im Design der Serienmodelle, die Lamborghini in den Achtzigerjahren trotz chronischer Finanznot auf die Straße brachte, fand sich Marcel Deschamps Entwurf übrigens nicht wieder. Dennoch ist der Lamborghini Athon ein wichtiges Zeugnis der bewegten Kooperationsgeschichte, die Bertone und Lamborghini seit den Sechzigerjahren verbindet. Und natürlich steht er, wie viele Design- und Konzeptstudien, exemplarisch für die ästhetischen Ideale seiner Zeit – auch wenn man diese heute nicht mehr völlig nachvollziehen kann. Am 21. Mai 2011 wird der Lamborghini Athon im Rahmen des Concorso d'Eleganza Villa d'Este versteigert.

 

Fotos: Tom Wood ©2011 Courtesy of RM Auctions