Pininfarina baut den schnellsten italienischen Straßensportler aller Zeiten

Pininfarina hat mehr als 1.4000 Automobilen ihre Form verliehen und einige der schönsten Karosseriekurven aller Zeiten gestaltet. Nun will sich die Marke mit einem limitierten Elektro-Hypersportwagen neu erfinden – und das passende Marktsehment gleich mit.

Das Glück war Battista „Pinin“ Farina hold, als er im Jahr 1930 in Turin seine eigene Karosseriemanufaktur gründete. Der italienische Automobilbau blühte, elegante Formen waren gefragt – und die Carrozzeria Pinin Farina kleidete die neuesten Modelle von Alfa Romeo, Fiat und Lancia mit ihren stilvollen Blechkleidern ein. Die großen Erfolge feierte Pininfarina jedoch nach dem Krieg mit puristischen Designikonen wie dem Cisitalia 202 oder den zahllosen unvergessenen Sportwagen, die seit den 1950er Jahren in Zusammenarbeit mit Ferrari entstanden. Seitdem hat Pininfarina mehr als 1.4000 Automobilen ihre Form verliehen und einige der schönsten Karosseriekurven und mutigsten Designstudien aller Zeiten gestaltet. Seit einigen Jahren entwirft und entwickelt Pininfarina auch Schnellzüge, Flugzeuge, Hochhäuser, Fussballstadien in aller Welt. Es gibt Satellitenstudios in Los Angeles und Shanghai. Nur ein Wunsch blieb den Pininfarinas bisher verwehrt: Ein eigenes Auto, dass den Familiennamen nicht dezent an der Flanke, sondern selbstbewusst auf der Front trug. 

Zum 90. Markengeburtstag von Pininfarina soll dieser Wunsch nun in Erfüllung gehen – und zwar mit Hilfe des indischen Automobilmagnaten Anand Mahindra. Dessen Konzern hat das Turiner Designstudio im Jahr 2015 übernommen und nun mit Automobili Pininfarina eine eigene Schwestermarke in München gegründet, die klassische Werte wie Exklusivität, Handwerkskunst und Herkunft mit emissionsfreier High-Tech verbinden soll. Unter dem weltweit bekannten „P“ des Logos sollen in Zukunft vollelektrische Luxusautos für den Weltmarkt entstehen. Auf dem Genfer Autosalon im Frühjahr 2019 ist bereits das erste Modell zu sehen – ein stromdurchflossenes Hypercar-Katapult, dass selbst Ausnahmesportler wie den LaFerrari oder den McLaren P1 abhängen und als schnellster Straßensportler Italiens Geschichte schreiben soll. 150 Exemplare des Pininfarina PF0 – so der Arbeitstitel – sollen weltweit verkauft werden. Zu einem Stückpreis von rund zwei Millionen Euro. 

Ortsbesuch bei Pininfarina in Cambiano nahe Turin. Paolo Pininfarina, der das Designstudio in dritter Generation führt, heißt die Gäste zusammen mit seinem Münchener Counterpart Michael Perschke willkommen. In einem fensterlosen Raum, in dem in der Vergangenheit den Vorständen die ersten Entwürfe präsentiert wurden, enthüllt Designchef Luca Borgogno ein Stylingmodell des neuen Hypersportlers. Der Prototyp ist tatsächlich atemberaubend – flach, breit, eine Skulptur unbändiger Geschwindigkeit. Und doch überrascht, wie glatt und elegant die Oberflächen gestaltet wurden. Die martialischen Lüftungskanäle der Konkurrenz sucht man vergeblich, die Batterien benötigen schließlich weniger Luftkühlung als ein Verbrenner. Das passt zu Pininfarinas puristisch-eleganter Designphilosophie, die man schon in den frühen Entwürfen erkennt – und die nun unter dem Schlagwort „Pura“ fortgeführt wird. Doch der „PF Zero“ kann auch anders, etwa wenn die schmalen Leuchtbänder an Front und Heck zu glühen beginnen oder die aktiven Aerodynamikelemente plötzlich in die Luft schnellen wie bei einer kampfbereiten Kragenechse. An Dramatik fehlt des dem Elektro-Katapult jedenfalls nicht.

Gebaut wird das neue Modell in Cambiano, der Antrieb und die Batterien kommen vom Zulieferer Rimac, an dem sich jüngst auch Porsche beteiligt hat. Vier an den Rädern positionierte Motoren sollen eine Leistung von rund 1900 PS auf die Straße bringen – das Doppelte eines F1-Rennwagens – und dank Torque Vectoring ein ganz neues Fahrerlebnis bescheren. Als Entwicklungsfahrer hat Pininfarina den Formel-1-Rennfahrer und Formel-E-Pionier Nick Heidfeld engagiert, der sich schon jetzt auf die phänomenale Beschleunigung freut: Von 0 auf 100 km/h soll es weniger als zwei Sekunden dauern, bis 300 km/h sind es 12 Sekunden. Damit die Batterie bei hohen Geschwindigkeiten nicht allzu sehr leidet, gibt es zwei Gänge. Und die Reichweite liegt bei rund 450 Kilometern – wenn auch bei etwas gemäßgterer Fahrweise. Für das Wiederaufladen (zum Beispiel im Access Ionity Network) sollte man 25 bis 40 Minuten einplanen, dann verfügt die Batterie wieder über 80 Prozent Leistung.

Auch das Cockpit ist funktional-schlicht gehalten, mit zwei Displays rechts und links des Lenkrads und zwei Rotationsschaltern für die Dynamikregelung. Der Individualisierung sind derweil jedoch kaum Grenzen gesetzt: Die Farbonfasern der Karosserie können auf Wunsch einzeln eingefärbt werden und das mögliche Farbspektrum reicht von Turiner Understatement bis zu visueller Neon-Extase für China und den Mittleren Osten. Und doch steht der futuristische Prototyp in visuellem Einklang mit den mutigsten Entwürfen von Pininfarina, dem Ferrari Modulo Concept oder dem F40, dem Formel-1-Prototypen Sigma oder dem wunderbaren Kleinserien-Speedster Sergio, mit dem Paulo Pininfarina seinem Vater ein rasantes Denkmal setzte. Wie pflegte Battista Farina, den sie „Pinin“ nannten, noch zu sagen? „Vor allen Dingen muss es schön sein.“ Wir sind uns sicher: Er wäre mehr als stolz, seinen Namen auf der Haube dieses außergewöhnlichen Automobils zu sehen.