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Magazin

Das sind für uns die wahren Helden des Genfer Autosalons 2019

Der diesjährige Salon am Lac Léman war weder besonders aufregend noch inspirierend. Doch unter der Fülle monotoner Elektro-Hatchbacks, SUVs und vermeintlicher Supersportwagen fanden sich doch noch einige Autos, die unser Herz wirklich erwärmten...

Ist das Konzept der klassischen Automobilmesse endgültig tot? Der noch bis zum übernächsten Wochenende geöffnete Genfer Salon 2019 trägt jedenfalls nicht dazu bei, das Gegenteil zu beweisen. An den Pressetagen waren gefühlt weniger Besucher als noch im Vorjahr unterwegs, zugleich füllten weniger Stände die Hallen des Palexpo. Dazu zogen es auch – wie eigentlich immer - viele Hersteller vor, ihre Neuheuten bereits vorab aus dem Sack zu lassen. Entweder Online oder in einer Instagram-freundlicheren Umgebung (GFG-Style gefällig?). Und so blieben nur noch wenige wirkliche Überraschungen über. Doch gottlob fanden sich neben den zahllosen elektrischen Start-ups, zweifelhaften Sonder-Editionen und konventionellen Studien – die per Definition eigentlich nicht konventionell sein sollten! – noch einige alte wie neue Modelle, die das Flugticket nach Genf am Ende doch rechtfertigten. 

Der Stich des Scorpions

Schon lustig, aber nicht die elektrisch-flüsternden Supersportwagen, sondern eine ausgelassene Horde historischer und Kohlenwasserstoff ausstoßender Abarth zauberten uns dieses Jahr das breiteste Lächeln aufs Gesicht. Wenn ihnen die Autos bekannt vorkommen, dann deshalb, weil sie Teil der Möll Collection sind, die wir letztes Jahr auf Classic Driver vorgestellt haben und die nun zur Feier des 70-jährigen Abarth-Jubiläums nach Genf gebracht wurden. Wer auf der Messe war, hat vielleicht auch den ein oder anderen der alten Recken entdeckt, die sie damals gescheucht haben.

Do it yourself

Seit die Manifattura Automobili Torino (MAT) auf dem letztjährigen Genfer Salon bekanntgab, 25 Exemplare ihres „New Stratos“ zu bauen, blieb es eher still um das Thema. Nichtdestotrotz zeigte der Kleinhersteller diesmal neben einem Modell in Alitalia-Farben mit Rallyescheinwerfern ein elegantes blaues Auto mit auf dem Dach mitgeführten Ski und – vielleicht noch wichtiger – einem Schaltknüppel zwischen den Sitzen. Zwei Worte kommen uns spontan in den Sinn: „Ja“ und „bitte“. 

Spaceship Lagonda

Wir kommen nicht umhin uns zu fragen, ob Aston Martin durch die fortlaufende und zusammen mit Red Bull und Adrian Newey betriebene Entwicklung von Ultra-High-Downforce- und sündhaft teuren Hypercars wie Valkyrie und AM-RB 003 nicht versehentlich seine Brot-und-Butter-Kunden verprellt? Dennoch, uns gefiel das Spaceship-artige Lagonda All-Terrain Concept, ein Modell, das aus ästhetischer Perspektive dort weitermacht, wo 2018 das Vision Concept aufhörte. Das schärfste Detail ist der zwischen den Sitzen schwebende Schlüssel - einfach magisch. Eine weitere gute Nachricht: Gebaut werden soll die Serienversion im neuen Werk St Athan in Wales. 

Bereit für St. Moritz! 

Sorry, aber standen neue Modelle auf dem diesjährigen Porsche Stand für Genf? Wir hatten ehrlich gesagt nur Augen für diesen sehr frühen 911 2.0 von 1965, komplett mit Chrom-Radkappen und Skiträger auf dem Dach. Von seinem Hersteller als „perfekter Sportpartner“ angepriesen, können wir nur zustimmen und feststellen: Potentielle Nennungen für den nächsten International Concours of Elegance in St. Moritz könnten nicht stilvoller sein!

La Voiture Noire

Zugegeben, es ist nicht die wirklich moderne Interpretation des Type 57SC Atlantic, auf die wir alle gehofft hatten. Und mit 16,72 Millionen Euro ist der als Einzelstück aufgelegte Bugatti La Voiture Noire auch unverschämt teuer. Die sehr gemischten Reaktionen auf unseren sozialen Medienkanälen haben uns leicht geschockt, wenngleich nicht völlig überrascht. Wenn Sie sich noch keine feste Meinung gebildet haben, dann schauen Sie sich doch vielleicht das Video mit La Voiture Noire-Designer Etienne Salomé an, in dem er auf unserem YouTube-Kanal das Design nochmals genauer erklärt. Wir betrachten das Auto als ein modernes Stück automobiler Kunst und hoffen, dass sein Besitzer es von Zeit zu Zeit fährt. 

Verpasste Gelegenheit? Wir denken: Nein

Ist es wirklich überraschend, dass der lang erwartete Automobili Pininfarina Battista dem Ferrari 458 Italia ähnelt? Immerhin ist der 458 der letzte von gefühlt 60 oder noch mehr Ferrari, die das Studio aus Cambiano seit den 50er-Jahren für die Marke mit dem Springenden Pferd entwarf. Zum Glück versprüht der Battista in Realität weitaus mehr visuelles Drama als auf den vorab gereichten Presserenderings. Und dieses Drama wird unterstrichen durch monumentale Leistungswerte: 1.900 PS, 2.300 Nm Drehmoment, 0–100 km/h in unter zwei Sekunden und eine Reichweite von 450 Kilometer – für die man den kroatischen Antriebs- und Batterieentwicklern von Rimac danken muss. Sehr schön, dass man ein traditionelles Mittelmotor-Design beibehalten hat. Wir denken, der alte Battista „Pinin“ Farina wäre stolz...

Ein zertifizierter moderner Klassiker

Kaum zu glauben, aber es ist schon 20 Jahre her, dass der allererste Pagani Zonda C12 das Werk verlassen hat. Diese Tatsache ist fast so bemerkenswert wie die Anzahl an immer schnelleren und extremeren Limited-Editions und Einzelstücken. Chassis 001 diente nicht nur als Test- und Entwicklungs-, sondern auch als Crashmodell. Man könnte also sagen, dass seine für den Genfer Salon vorgenommene umfangreiche Restaurierung wohlverdient war. Der Zonda muss 1999 mit seinem Jetfighter-Aufbau und dem Quad-Auspuff einfach umwerfend gewirkt haben. Einige der heutigen Supersportwagenanbieter können sich von Horacios puristischem Erstlingswerk eine Schnitte abschneiden.

Britisches Biest

Akula – russisch für „Hai“ – heißt der neue und 583 PS starke Supersportwagen von Ginetta. Wenn man über das „Funktion-vor-Form“-Styling (es ist kein Hingucker, oder?) hinwegsieht, präsentiert sich hier ein exquisites Stück britischen Engineerings. Mit einem Kohlefaserchassis, aus einem einzigen Stück Aluminium gefrästen V8, sequentiellem Sechsgang-Getriebe und einer Kohlefaser-Karosserie, die nur fünf Prozent weniger Anpressdruck erzeugt als die LMP3-Prototypen von Ginetta. 

80 Jahre Ruf

Instagrams Lieblings-Automarke, Ruf Automobile, ist ein Stammgast in Genf. Und 2019 markiert das 80-jährige Jubiläum des Tuners aus Pfaffenhausen. Unter den eindrucksvollen Exponaten auf dem Ruf-Stand sind der 78. und gerade erst frisch restaurierte Porsche 901, der erste Serien-CTR Anniversary - als 360 km/h schnelle Hommage an den legendären „Yellowbird“ - und der neue GT auf Basis 991.2. 

Fotos: Mathieu Bonnevie für Classic Driver © 2019 

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