Dieser Ferrari Mondial würde auch Frankenstein Angst und Schrecken einjagen

Er mag wohl charmant und unschuldig aussehen, aber dieser Ferrari Mondial T birgt ein wirklich verblüffendes Geheimnis. Blicken Sie unter die Haube – wenn Sie sich trauen!

Im tiefsten, dunkelsten Chorleywood ist etwas Seltsames unterwegs. Ein mysteriöser Ferrari schleicht auf Beutejagd herum, immer auf der Lauer nach unschuldigen Passanten, die sich von seinem unscheinbaren Äußeren täuschen lassen. Bei diesem argwöhnischen Mondial geht es anscheinend nicht mit rechten Dingen zu. Als er in seiner exzessiven Ära das Licht der Welt erblickte, war er bereits ein Objekt von Intrigen und Kontroversen, denn dieser angebliche „Ferrari für die Familie” erhielt nie die Zuneigung mit denen seine extravaganteren Geschwister überschüttet wurden. Das ist vermutlich schade für die Schöpfer, aber dafür eine Chance für andere.

Denn dieser besondere Mondial hatte das Glück, von DK Engineering neues Leben eingehaucht zu bekommen, einem Unternehmen, das sich dem springenden Pferd verschrieben hat. Unter der unscheinbaren Dr. Jekyll-Karosserie wartet ein böser Mr. Hyde in Form eines über 480 PS starken 4,3-Liter-V8 nur darauf, loszuschlagen. Wie in Dr. Frankensteins Labor wurde dieses kraftvolle Herz einem athletisch agilen F430 Challenge-Rennwagen entnommen. Um 15 Jahre jünger als der Mondial, musste er sich auch noch von seinem aus der Formel 1 entwickelten sequentiellen Getriebe und einer Reihe elektronischer Finessen trennen. Wie man sich lebhaft vorstellen kann, war diese Transplantation eine herausfordernde Prozedur. Aber dieses neue Geschöpf war dann doch aller Mühen wert.

Die Geschichte dieses Frankenstein-Ferrari nahm vor annähernd zwei Jahrzehnten ihren Anfang. Immer für einen Nervenkitzel zu haben, kam der Besitzer mit sehr genauen Vorstellungen auf DK zu. „Ein abenteuerlustiger Kunde mit großem Budget setzte sich mit uns in Verbindung, weil er ein paar Trackdays im Sinn hatte”, erinnert sich James Cottringham. „Aber da waren zwei Probleme: Erstens, war er sehr hochgewachsen, und, zweitens, wollte er keine manuelle Schaltung.” Statt ein neues Fahrzeug als Basis zu nehmen, wurde der Mondial T des Kunden mit seinem kupplungsfreien Valeo-Getriebe einer behutsamen Überarbeitung unterzogen. Optimierte F355-Bremsen und eine Federung wurden eingebaut und ein halber Überrollkäfig eingepasst. Damit war der Auftrag ausgeführt. Dachten zumindest alle.

Geschwindigkeit macht erschreckend süchtig – einmal erlebt, verlangt es einem nach mehr davon. Und so kehrte der Besitzer nach zehn Jahren zu DK zurück – diesmal mit dem etwas exzentrischen Wunsch, die Urgewalt des doppelt aufgeladenen V8 aus dem F40 in seinen Mondial zu verpflanzen. Für Cottringham kam die Idee nicht in Frage, allein schon, weil das Valeo-Getriebe der Wucht des Motors und des Drehmoments nicht gewachsen würde. Stattdessen überlegte, welche anderen Organspender die Begierden seines Kunden erfüllen könnten. „Jeder runzelte die Stirn und überlegte. Dann fiel uns ein, dass man seinerzeit wenig mit einem F430 Challenge anstellen konnte”, erzählt er. „Außerdem hatte er eine simple Traktionskontrolle und ABS, was die Umwandelung wesentlich erleichtern würde.”

Ein fast fabrikneue F430 Challenge wurde aufgetrieben und im Lauf der nächsten sechs Monate wurde sein in Karbon gekleidetes Triebwerk von DKs versierten Pferdeflüsterern mit höchster Sorgfalt in den Mondial T eingesetzt, zusammen mit dem mittels Schaltpaddeln bedienbaren Getriebe, elektronischen Bordsystemen, Rennsport orientierten Instrumenten und Schaltwerk. „Weil der Motor des Mondial T längs im Gegensatz zu den quer eingebauten Vorgängern war, konnten wir den existierenden Hilfsrahmen nutzen und musste ihn nur leicht für den V8 des Challenge modifizieren”, erklärt Cottringham. „Wir haben auch die hintere Trennwand angepasst, um Motor und Getriebe optimal einzupassen, dazu musste auf die Rücksitze verzichtet werden, ein neuer Tank war dann auch fällig. Aber die Karosserie und ein großer Teil des Interieurs entsprechen der Serie.” Sogar die Pioneer-Stereoanlage und die elektrisch bedienbaren Scheiben blieben erhalten.

Was allenfalls bei dieser doppelgesichtigen Schönheit für eine optische Überraschung sorgt, sind die Räder vom 575M Maranello, die nötig waren, um im Tandem mit den elektronischen am Rad montierten Sensoren aus dem F430 zu agieren, und die beiden zierlichen Endrohre. Allerdings profitiert der Mondial auch von diesen beiden visuellen Kennzeichen, denn sie verleihen dem typischen Design aus den achtziger Jahren eine aktuelle Note. Davon abgesehen, errät man aus der Ferne betrachtet nie und nimmer das dunkle Geheimnis, das in diesem Mondial steckt. Und er lässt sich gut fahren: Für Cottringham verbindet er den ungestümen Kick eines 430 Scuderia mit dem Raffinement, Komfort und der Balance eines, nun ja, Mondial.

Lupo vestito da pecora. So nennt man auf italienisch den Wolf im Schafspelz. Das ha gleich einen ganz anderen Klang, nicht wahr? Leider ist dieses Bild in der Autowelt längst zum Gemeinplatz geronnen, aber im Fall dieses manischen Mondial – einem idealen Komplizen für alles Dunkle – passt es wie angegossen. Nicht nur, dass seine Erscheinung zunächst nicht Angst und Schrecken verbreitet, auch der Preis führt nicht sofort zu Herzklopfen: Rund 100.000 Pfund. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wieviel das Spenderauto kostet. Man soll bekanntlich ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen – wo man es am wenigsten erwartet, harren die größten Geheimnisse auf ihre Entdeckung.  Anders gesagt, nehmen Sie sich an Halloween vor bestimmten gelben Autos in Acht!

Fotos: Alex Penfold