Bis das Blut gefriert – mit „Zag the Ripper” im Londoner East End

In dieser Nacht der Nächte verwandeln sich selbst seriöse Menschen für einige Stunden in Serientäter, Ungetüme und Monster. Doch nicht für alle dunklen Gestalten endet der Spuk nach Halloween – sie dürften in diesem nachtschwarzen Aston Martin V8 Zagato einen würdigen Komplizen erkennen.

Der Londoner Stadtteil Whitechapel ist schon lange nicht mehr die Lasterhöhle des 19. Jahrhunderts, in der bittere Armut und Verbrechen Hand in Hand gingen. Trotzdem lauern auch heute noch düstere Gesellen in den engen, mit Kopfstein bepflasterten Gassen, die jenseits der gentrifizierten Fassaden in die Dunkelheit führen. An vielen Originalschauplätzen, an denen Jack the Ripper einst sein Unwesen trieb, sind neue Stadtlandschaften entstanden, wurden Straßen umbenannt. Doch nachts lauert hier noch das Unheimliche, begleitet von lichtscheuem Gesindel mit unguten Absichten.

Unter den bösen Buben ist der Aston Martin V8 Zagato da schon fast ein Blaublüter, ein Graf Dracula auf vier Rädern, der zu seiner Zeit für reichlich Intrigen und Kontroversen gesorgt hat. Könnte es also einen besseren Begleiter für eine nächtliche Schleichfahrt durch die engen und vernebelten Straßen dieses berüchtigten Quartiers geben? Unser "Zag the Ripper" weiß, wie man geschickt das Licht der Straßenlaternen umkurvt. Sein Lackumhang schimmert rabenschwarz, sein kantiger Körper schleicht gefährlich durch die Finsternis, zusätzlich betont von messerscharfen Sägeblatt-Rädern und getönten Fenstern, die jede unheilvolle Präsenz am Steuer verbergen.

Obwohl Straßengangs diese Erscheinung anerkennend als mördermäßig gut bezeichnen würden, könnte man jetzt einwenden, dass die Begleitmusik des V8 alles andere als verschwiegen daherkommt. Aber so wie Jack the Ripper einst Scotland Yard immer einen Schritt voraus war, kann es sich dieser Unrufestifter auch leisten, dem Ort des Geschehens mit heiserem Wummern seiner Weber-Vergaser zu enteilen. Als schneller Geselle mit Leichtbaukarosserie flitzt er auf flinken Sohlen dem Auge des Gesetzes davon. Zumal die Polizeistation in der Brick Lane um acht Uhr abends ihre Pforten schließt. 

Auch die Details dieses Aston Martin sind geradezu teuflisch. Als wäre sein Outfit noch nicht genug, um ihn als schwarzes Schaf in der hochwohlgeborenen Markenfamilie hervor zu heben, trägt er äußerlich und innerlich mit einer Fülle von gezackten Emblemen auf, die den dunklen Zagato-Charakter betonen. Wer sich nach dem Gefühl kalten Metalls in der Hand sehnt, wird den stahlummantelten Schaltknauf lieben, den auch noch ein wie mit dem Rasiermesser gezogenes Z ziert. Zur Aufnahme in den Zagato-Clan musste sich der V8 von den Rücksitzen trennen. Aber welcher Bösewicht mit Ehrgefühl wäre nicht bereit, den Passagierraum zu Gunsten eines vergrößerten Stauraums zu opfern?

Seinerzeit wurden viele Metzger zu den Verbrechen des Rippers befragt, weswegen es nur passend war, den berühmten Frischmarkt von Spitalfields zu besuchen. Dort herrscht um diese Uhrzeit heftige Betriebsamkeit, denn das Fleisch für die Metropole wird in Kühlwagen geladen. Kräftige Männer in blutbefleckten Schürzen gehen ihrem ganz normalen Handwerk nach. Ein Verbrecher könnte hier gut Unterschlupf finden, ehe es zur nächsten Tat übergeht. 

Folgen wir weiter der Spur des fürchterlichen Massenmörders im London des 19. Jahrhunderts, kommen wir zu jener berüchtigten Nacht, in der von ihm gleich zwei Morde verübt wurden. Bei unserem Versuch vermeiden wir den „Old Bill” an der Rotunde des Museum of London. Wie Schauertouristen dieser beliebten Führungen wissen, lagern hier die Gebeine von 14.000 Menschen, die an der Schwarzen Pest starben. Stattdessen beschließen wie Halloween in Begleitung des Zagato in der historischen Taverne im Bleeding Heart Yard. Sie trägt ihren Namen nach dem sagenumwobenen Mord an der Society-Schönheit Lady Elizabeth Hatton – über dessen Einzelheiten des Sängers Höflichkeit schweigt. Eine Nacht geht nun zu Ende, die wohl auch dem schrecklichen Jack nicht schlecht gefallen hätte. Aber es ist an der Zeit, dass nun auch „Zag” mit seiner dunklen Legendenbildung beginnt.

Fotos: Alex Lawrence / The Whitewall für Classic Driver © 2016