

Man könnte meinen, dass die Zeit der großen Scheunenfunde langsam, aber sicher vorbei sein sollte. Nach dem Oldtimer-Boom des letzten Jahrzehnts sollten so ziemlich jede Scheuer und jeder Stall nach verschollenem und unter Umständen millionenschwerem automobilem Kulturgut abgegrast worden sein. Der jüngste Coup der bayerischen Flügeltürer-Spezialisten HK-ENGINEERING beweist jedoch das Gegenteil.
Auf einen Anruf Enkels des Erstbesitzers hin begaben sich Experten auf den Weg nach Portugal, wo auf dem Gelände einer Korkbaumplantage nahe Lissabon seit rund drei Jahrzehnten ein 300 SL aus dem Jahre 1955 schlummerte. Dessen Vater hatte einst den Entschluss gefasst, das Auto zu restaurieren – sodass es wieder genau so aussieht, wie er es aus seiner Kindheit in Erinnerung hatte. Aufgrund der hohen Kosten und des hohen Zeitaufwands einer Restaurierung dieser Art ging es nach der Zerlegung erst mal nicht mehr weiter – der legendäre Sportwagen schlummerte eine gefühlte Ewigkeit in einer dunklen Lagerstätte vor sich hin und geriet allmählich in Vergessenheit.

Doch so weit sollte es nicht kommen. Die Familie, deren Geschichte eng mit der des Flügeltürers verbunden ist, kontaktierte das Team aus Polling, damit das traurige Schicksal des Wagens ein Ende hat und er dank des kompetenten Spezialistenteams wieder in altem Glanze strahlen darf. Daher flogen sie auch nicht nach Lissabon, sondern reisten direkt mit einem Gespann auf die iberische Halbinsel, um das Restaurierungsobjekt gleich mit nach Bayern nehmen zu können.
Vor Ort zeigte sich den Experten schnell die Einzigartigkeit dieser Mission. Es handelte sich um alles andere als eine Bastelbude oder einen Rosthaufen, sondern um ein ehrliches Auto mit einer leicht nachvollziehbaren Historie. Während die Welt sich weiterdrehte, war dieser 300 SL einfach aus der Zeit gefallen. Die Konfiguration, in der der 300 SL vor 71 Jahren ausgeliefert wurde, war besonders faszinierend: klassisches Silbergraumetallic traf auf eine dunkelblaue Lederausstattung und die seltenen Zentralverschlussfelgen. Ein echter Traum für die Historiker des Teams, untermauert durch alle originalen Dokumente.


Die improvisierte Korkbaum-Hochzeit
Die größte Herausforderung war technischer Natur. Die Karosserie, das Chassis und zahllose Einzelteile lagerten über Jahre getrennt voneinander. Um die hochempfindliche Karosserie transportfähig zu machen und sicher nach Bayern zu überführen, mussten das Fahrgestell und der grazile Flügeltürer-Body vor Ort wieder miteinander vereint werden. Ohne moderne Werkzeuge oder Hebebühnen erforderte dieses Vorhaben mitten auf der Plantage ein gewisses Improvisationstalent.
Ein landestypischer Korkbaum wurde kurzerhand zum Hebewerkzeug umfunktioniert. An einem der kräftigen Äste installierten die Mechaniker ein System aus Ketten- und Seilzügen. Damit das fragile Blech des Flügeltürers beim Anheben absolut gleichmäßig und ohne Verzug bewegt werden konnte, kam ein spezielles Hebegestell zum Einsatz, das die Last perfekt austarierte.

Die gesamte Gullwing-Karosserie löste sich vom Boden und hing für einen kurzen Moment völlig frei unter dem Korkbaum – ein Bild, das wohl niemand der Beteiligten jemals vergessen wird. Millimeter für Millimeter und erstaunlich ruhig wurde der Aufbau anschließend abgesenkt, bis er nach Jahrzehnten der Trennung wieder mit dem Chassis vereint war.
Genau diesen magischen Moment, in dem das Auto erstmals wieder ans Tageslicht kommt und die Hochzeit gefeiert wird, hat das Team in einem emotionalen Video festgehalten. Der packende Film dokumentiert die spektakuläre Bergung hautnah, lässt den Zuschauer die Anspannung spüren und zeigt das erlösende Aufatmen, als alles präzise ineinandergreift.
Nachdem das Fahrzeug provisorisch verschraubt und alle restlichen Teile sorgfältig verladen und dokumentiert waren, machte sich der Transporter auf den 2.500 Kilometer langen Weg nach Bayern. Beim gemeinsamen Abendessen in Lissabon realisierte das Team erst, was geschehen war: Aus einem ruhenden Familienprojekt war wieder ein vollständiger Gullwing geworden. Heute befindet sich der Wagen in Polling, wo die behutsame Restaurierung beginnt. Die schönste Stelle in dieser Geschichte dürfte aber das Endkapitel sein: Wenn der Enkel des stolzen Erstbesitzers nach Süddeutschland reist, um den Flügeltürer seines Großvaters endlich wieder so zu sehen, wie dieser ihn einst bei der Mercedes-Benz-Niederlassung übernommen hatte – als strahlendes, fahrbereites Gesamtkunstwerk.













































