Wellenreiten in Portugal mit diesem rennerprobten Renault R8 Gordini

In den späten 1960er Jahren startete der Portugiesische Rallyefahrer Heitor de Moraes mit seinem Renault 8 Gordini bei Rallyes in ganz Europa. Sein neuer Besitzer hat dem ozeanblauen Rennwagen nun eine ganz andere sportliche Rolle zugedacht – als Surfmobil zum Wellenreiten an der Algarve.

Es war das Jahr 1968, erst sechs Jahre später sollte die „Nelkenrevolution“ die Diktatur in Portugal beenden. Für die Bürger war das Leben hart und entbehrungsreich. Nur nicht für Heitor de Moraes: 1968 war nämlich auch das Jahr, in dem er der erste Besitzer eines sehr attraktiven blauen Autos wurde. Und nun spult man die Zeit vor ins Jahr 2020. Ein neues Kapitel in der Geschichte dieses blauen Autos wird geschrieben, denn auch der dritte Besitzer genießt am Steuer des Renault R8 Gordini die kurvigen Straßen Südportugals. Nur diesmal fahren Surfbretter auf dem Dach mit.

Beim Verkauf des Autos wurde es von folgender Geschichte begleitet: Heitor selbst war ein durchaus erfolgreicher Rennfahrer, was nicht weiter erstaunlich ist. Mit diesem Auto wurden in den späten sechziger Jahren Rallyes in ganz Europa bestritten wie beispielsweise die Tour de Corse, die Rally Poland, Rallye Açores und die Boucles de Spa, um nur die bekanntesten zu nenne.

Der Renault 8, um den es sich hier dreht, wurde 1962 als Nachfolger der unvergessenen Dauphine vorgestellt. Aber wer hätte damals schon voraussehen können, dass in dem bescheidenen Viertürer ein künftige Rennlegende steckte? Doch dank des technischen Genies von Amédée Gordini entpuppte sich Heitors kleines blaues Auto als nicht zu unterschätzende Maschine.

Gordini wurde 1899 im italienischen Bazzano geboren und begann seine Rennfahrerkarriere in den späten zwanziger Jahren. In den dreißiger Jahren arbeitete er für Simca und Fiat. Es sollten noch einmal zwanzig Jahre vergehen, ehe er sein eigenes Unternehmen gründete, dass schließlich 1957 von Renault übernommen wurde. Sein neues Arbeitgeber ließ ihn zwei Jahre schmoren, ehe er das erste Auto bauen durfte. Wie sich alsbald herausstellte, hatte sich das Ausharren mehr als gelohnt.

Zusammen mit Renaults Rennfahrer Jean Vinatier überarbeitete Gordini das Fahrwerk, verkürzte die Gebtriebeabstufungen und entwickelte einen neuen Motorkopf. Der erste 8 Gordini debütierte mit 1.100 Kubik-Maschine, die 89 PS leistete. Das Exemplar in den Fotos ist bereits eine überarbeitete Version, die einen 1.300 Kubik großen Motor mit 100 PS erhalten hatte. Außerdem wurden zwei zusätzliche Frontscheinwerfer verbaut, die diesem außergewöhnlichen Renault 8 ein markantes Aussehen verliehen.

Seinerzeit bot Gordinis Schöpfung ein nahezu unwiderstehliches Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein möglicher Rivale wie der BMW 2002 sollte erst 1972 Premiere feiern und die Giulia von Alfa Romeo war um rund 30 Prozent teurer. Damit war das blaue Auto mit den weißen Streifen ein Geschenk des Himmels für die jungen Enthusiasten Europas – vermutlich das einzige, wirklich sportlich ausgelegte Auto, das sie sich leisten konnten.

Das jüngste Kapitel im Leben unseres Hauptdarstellers wurde spät im Jahr 2020 aufgeschlagen. Das war der Moment, als der aktuelle Besitzer das kalte und verregnete Polen verließ, um den Winter im sonnigen Portugal zu verbringen. Die letzten Monate hatte er wie so viele während der Corona-Beschränkungen sein Business über Emails und Zoom-Videokonferenzen weitergeführt. Warum, dachte er sich, geht das nicht genauso gut von Portugal aus?

Der Wunsch, eines von Gordinis Meisterstücken zu besitzen, hatte ihn schon eine ganze Weile begleitet. Er wusste auch, das so ein Exemplar perfekt zu seinem Alpine A110 1600S von 1971 und seinem Renault 5 Turbo von 1984 passen würde, denn auch diese beiden künftigen Garagengefährten sind blau und beide Teil der Galerie La Squadra im polnischen Katowice. Wenn es darum geht, Klassiker zu erwerben, folgt er einer einfachen und bewährten Regel: „Die Geschichte des Fahrzeugs und des Käufers müssen auf eine bestimmte Art und Weise mit einander verbunden sein. Wenn ich diesen Gleichklang spüre, dann weiß ich auch, dass dieser Neuankömmling in meine Sammlung passen wird.“

Und genau das war der Fall mit diesem Gordini. Das Auto wurde von der Timeless Garage in Lissabon gekauft, wo man übrigens auch eine umfassende Restaurierung durchgeführt hatte. Wenige Tage später und nach einigen mechanischen Korrekturen sowie der Befestigung eines Surfbrett-Dachträgers konnte die echte Mission R8 Gordini starten: Endlich sollte dieses Auto wieder die kurvigen Straßen der Algarve unter die Räder nehmen dürfen. Schnell war am Lenkrad klar, dass auch nach 50 Jahren Amédée Gordinis einmalige Ingenieurskunst nicht enttäuschte.

Aber lassen wir den Besitzer sprechen. „Ich war tatsächlich vom Handling überrascht. Weil ich eine Reihe von Autos aus dieser Epoche schon gefahren habe, rechnete ich nicht damit, dass das Fahrerlebnis so überzeugend sein würde. Fast so agil wie mein Alpine“, erzählt er. „Sie besitzen sogar das gleiche Fünfganggetriebe. Das Lenkrad ist allerdings wesentlich größer als in Rédélés Wunderwerk, dennoch ist es direkt und überzeugend.“

Und so etwas wie die Kirsche oben drauf ist das ursprüngliche Voxon-Radio für das auch Kassetten in einem ungewöhnlichen Format benötigt werden. Zum Glück wurde das Auto zusammen mit zwei Originalkassetten verkauft. Lauscht man ihnen, während man sich diesen verrückten Küstenstraßen hingibt, kann der neue Besitzer in Heitors Glück auf denselben Routen hineinspüren, damals in den dunklen Zeiten Portugals in den sechziger Jahren, als nur dieses blaue Auto einen Lichtblick bot.

Text und Fotos: Andrzej Cieplik für Classic Driver © 2021

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