Ist der Aston Martin Virage Shooting Brake das ultimative Sammlerauto?

Als Einzelstück von Zagato zum 100. Geburtstag von Aston Martin gebaut, erfüllt der Aston Martin Virage Shooting Brake alle automobilen Träume. Bevor er bei der Grand Basel zu sehen ist, haben wir uns den Kombi für eine Stadtrundfahrt ausgeliehen – und einige Designexperten um ihre Meinung gebeten.

Ein Meisterwerk zeitgenössischer Karosseriebaukunst

Unter den 100 automobilen Meisterwerken, die in der ersten Septemberwoche beim Debüt der Grand Basel zu sehen sein werden, ist der Aston Martin Virage Shooting Brake eines der eindrucksvollsten Beispiele zeitgenössischer Karosseriebaukunst. Zum einhundertsten Markenjubiläum hatte Aston Martin im Jahr 2013 seine alten Beziehungen zum Mailänder Designstudio Zagato wieder aufleben lassen und ein maßgefertigtes Trio von Geburtstagsmodellen auf Basis des damaligen Flaggschiffs Virage in Auftrag gegeben. Während Coupé und Volante im Sommer 2013 bei den Feierlichkeiten in London zu sehen waren, verblüffte der Shooting Brake ein gutes Jahr später bei der Arts & Elegance in Chantilly das Publikum.

Love it or hate it 

Seit Zagatos Design-Wunderkind Ercole Spada im Jahr 1960 den ikonischen Aston Martin DB4GT Zagato entwarf, ist die Kombination aus „Double-Bubble-Dach“ und dem „Z“ an Flanke zum heiligen Gral aller Aston-Martin-Sammler geworden. Auch die typisch britische Shooting-Brake-Form gilt spätestens seit der goldenen Epoche des Coachbuilding in den 1950er und 1960er Jahren als distinguierteste Wahl all derer, die sich den Traum von der automobilen Individualität mit einer Karosserie auf Maß erfüllen. So kann man den nur ein einziges Mal gebauten Aston Martin Virage Shooting Brake nicht nur als ultimatives Sammlerauto bezeichnen – sondern auch als Blaupause für den gerade in Kleinserie gebauten Aston Martin Vanquish Zagato Shooting Brake. Wie viele Zagato-Designs zuvor, hat der Großraum-Virage durchaus das Potenzial zu polarisieren. In England spricht man in diesen Fällen von einem „Marmite Car“, dass man nur lieben oder hassen kann. Und nachdem wir nun einen Tag hinter dem Steuer des außergewöhnlichen Aston Martin verbracht haben, waren wir doch sehr neugierig auf die Meinung einiger Freunde aus der Design Community, die wir um eine kurze Analyse gebeten haben.

Ab zum Supermarkt

“In Zeiten wie diesen schätze ich alles, was noch auf Maß gefertigt, handgemacht und ungewöhnlich ist – und dieses Auto erfüllt für mich alle Wünsche auf einmal”, antwortete uns der Kunstkritiker, Galerist und Autosammler Kenny Schachter. „Klar, die Idee eines so exklusiven und geradezu unanständig teuren Transportmittels für einen einzigen wohlhabenden Menschen ist erst einmal absurd. Bei uns in den USA bezeichnen wir solche Autos übrigens etwas weniger hochgestochen als station wagons – das sind meist große, kastenförmige und nur wenig sinnliche Karossen, die man mit Kindern, Tieren und Einkäufen vollstopft. Dieser Aston Martin ist so gigantisch wie glatt, nicht alle Linien ergeben für mich Sinn, und ich bin unsicher, was überhaupt seine Funktion sein soll. Dennoch ergibt er auf seltsame Art Sinn. Irgendwie finde ich ihn sogar verdammt cool – auch wenn ich mich schäme, das zuzugeben. Ab zum Supermarkt.“

Diese feminine Eleganz

„Der dramatischste aller Aston Martin Shooting Brakes wird wohl keine Hundehaare in seinem Gepäckraum ertragen müssen, dafür lassen sich mit ihm äußerst stilvoll die Gewehre zur Jagd transportieren“, meint Aston-Martin-Experte Stephen Archer. „Während die meisten Kombis mit ihrem Pappkarton-Design ästhetisch nur wenig überzeugen, transportiert dieses Auto die Formensprache von Aston Martin so leichtfüßig, das es eine Freude ist – und auch den aktuellen V12 Zagato in den Schatten stellt. Die feminine Eleganz dieser Formen dürfte allerorts den Verkehr zum Erliegen bringen. Ich liebe dieses Auto!“

Nicht Everybody's Darling

“Die Bezeichnung marmite car trifft den Aston Martin Virage Shooting Brake schon recht gut“, sagt der Autodesigner und Kritiker Chris Hrabalek. „Ich gehöre zu den Menschen, die ihn lieben. Er zeigt, dass ihm eine ganz klare Vision zugrunde liegt, er trifft eine originelle Aussage und bringt die Idee ohne basisdemokratische Kompromisse vom Papier auf die Straße. Man erkennt sofort, dass es sich bei diesem Shooting Brake um einen echten Zagato handelt – aber es ist kein einfallsloses Design nach dem Motto „Malen nach Zahlen“. Natürlich gefällt dieses Auto nicht allen Betrachtern, doch ein Einzelstück muss ja auch nicht everybody’s darling sein. Die stilistische Koherenz ist verblüffend und das Designthema ist so stark, dass es einem noch lange im Gedächtnis bleibt.“

So eindrucksvoll wie brutal

“Der Aston Martin Virage Shooting Brake ist so eindrucksvoll und maskulin, weil er sich die muskulösen Aston-Modelle der 1980er Jahre zum Vorbild nimmt“, findet Mai Ikuzawa, die Kreativchefin des Magazins Bow Wow und Tochter des berühmten japanischen Rennfahrers Tetsu Ikuzawa. „Als berufstätige Großstadtmutter, die ihre Freizeit gerne in der Natur verbringt und mit SUVs nichts anfangen kann, hat dieses Auto auch ganz praktische Reize. Ich mag, dass es so lang, elegant und skulptural aussieht und auf Spoiler und Diffusoren im Couchtischformat verzichtet. Dieses Design hätte sogar Steve McQueen gefallen. Bei modernen Autos sind die Proportionen ja meist sehr berechenbar und enttäuschend im Vergleich zu ihren Vorfahren. Das ist bei diesem Virage anders, er hat sogar etwas Aristokratisches an sich. Mir haben es vor allem die Scheinwerfer angetan, die den Kühlergrill zu den Seiten verlängern. Die großen Ikonen der Automobilgeschichte hatten ja allesamt charakteristische Scheinwerfer – man denke an den Dodge Charger, Citroën SM, Alfa Romeo SZ, Alfa Romeo Montreal oder Buick Riviera. Nur dass man mit diesem Auto zum Jagen oder Golfspielen fahren soll, sehe ich nicht ein – keine dieser Sportarten verdient solch ein attraktives Auto!“

Ein Zagato muss polarisieren

„Erst einmal finde ich, dass Karosserien von Zagato grundsätzlich polarisieren sollten“, sagt Auto- und Uhrendesigner Matt Humphries. „Zagato hat seine Betrachter stets gefordert, weil ihre Entwürfe die jeweils geltenden Regeln für gutes Design in Frage stellten. Das habe ich immer bewundert. Irgendwie sind die Autos nie ganz stimmig und ergeben gerade deshalb besonders viel Sinn. Und ich liebe Shooting Brakes – es hat etwas sehr britisches, einem tollen Sportwagen oder GT eine funktionale Ebene zu verleihen. Weniger englisch ist derweil die langgezogene Font, denn normalerweise arbeitet man hier mit kurzen Überhängen im vorderen Bereich. Ungewöhnlich ist auch der Grill mit den eingefügten Scheinwerfern, der die Schnauze breiter und länger macht, als sonst von Aston Martin gewohnt. Trotzdem ist das Design ausgewogen. Es ist ein echter Shooting Brake nach britischer Rezeptur, aber italienisch Gewürzt – für mich die beste Kombination überhaupt!“

Fotos: Tom Shaxson for Classic Driver © 2018

Der Aston Martin Virage Shooting Brake ist auf der Grand Basel 2018 zu sehen. Wir bedanken uns bei seinem Besitzer, der uns so vertrauensvoll für einen Tag die Schlüssel überlassen hat.