
Beim Anblick eines verrotteten 300 SEL von 1971 hätten die meisten Menschen wohl nur einen Ersatzteilspender gesehen. Eine Vollrestaurierung dieses einstigen Flaggschiffs verschlingt schließlich ein Vermögen. Die SEL-Baureihe bildete damals das Fundament für spätere S-Klassen und bot den Luxus des repräsentativen 600 Grosser in einem kompakteren Format, das zum Selberfahren einlud. Alan Iwamoto sah in dem verrosteten Exemplar jedoch keinen Schlachter, sondern die perfekte Basis. Was er in seiner Werkstatt Smokedogg Customs daraus erschuf, sprengt den Rahmen einer klassischen Restaurierung oder eines typischen Restomods. Es ist eine komplette Neuerfindung.


Die geistige Inspiration stammte von der Roten Sau, jenem 300 SEL 6.8 AMG, der 1971 beim Rennen in Spa die Konkurrenz überraschte. Iwamoto liebte diese Geschichte schon immer. Er störte sich allerdings daran, dass echte Rennwagen meist komplett ausgeräumt und rein funktional aufgebaut sind. Er wollte hohe Leistung mit einer großen Detailverliebtheit verbinden. Sein Ziel war ein Auto, das die Leistung der Roten Sau erbringt, sich aber genauso gut bei Treffen oder beim entspannten Sonntagsausflug sehen lassen kann.


Unter der wuchtigen Karosserie verbirgt sich ein eigens gefertigter Gitterrohrrahmen, der für die Achsträger und den Antriebsstrang einer Chevrolet Corvette C6 maßgeschneidert wurde. Iwamoto senkte die Dachlinie um drei Zoll ab, was dem Wagen sofort einen aggressiveren Stand verleiht. Die extrem breite Karosserie entstand komplett in Handarbeit, ganz ohne CNC-Fräsen oder 3D-Drucker. Trotz der enormen Verbreiterung blieben die klassischen Linien der Limousine erhalten.

Passend zur Corvette-Technik arbeitet unter der Haube ein 6,0-Liter-LS-V8, der für seine Standfestigkeit bekannt ist. Beatmet wird der Motor von zwei 62-Millimeter-Ladern. Diese wurden geschickt in den oberen Scheinwerfergehäusen platziert, sodass die Doppel-Scheinwerfer als direkte Luftansaugung dienen. Um die Kraft optimal zu dosieren, kommt ein manuelles T56-Sechsganggetriebe zum Einsatz. Dieses sitzt zusammen mit dem Differenzial an der Hinterachse, genau wie bei einem SLS AMG. Zusätzlich verbaut wurden nach hinten öffnende Selbstmördertüren, inspiriert von klassischen Modellen von Rolls-Royce und Lincoln Continental.


Der Wagen ist keineswegs nur ein reines Ausstellungsstück. Frontsplitter, Fahrwerk und Antrieb sind für den harten Einsatz gebaut. Iwamoto plant, die große Limousine driften zu lassen, auf der Viertelmeile einzusetzen, bei Time-Attack-Events anzutreten und bei der TX2K in Texas die Marke von 200 Meilen pro Stunde zu knacken.

Das gesamte Projekt entspringt einer tiefen Leidenschaft für echtes Handwerk. Iwamoto war einst der Erste, der sich an das Zersägen und Umgestalten eines Mercedes 300 SL Flügeltürers wagte. Er geht keine Kompromisse ein und setzt auf maximale Exzentrik. Den Namen Blauer Eber wählte er als humorvolle Anspielung auf die Rote Sau, da dieses Biest den historischen Rennwagen auf der Strecke schlagen würde.
Fotos von Darrien Craven













































