

Viele Besucher des Goodwood Revival 2021 oder all jene, die den damaligen Livestream verfolgt haben, erinnern sich sicher noch an die Schlussphase des „RAC TT Celebration Race", als sich die AC Cobras von Romain Dumas und Oliver Bryant ein beinhartes Duell um die Führung lieferten. Unvergessen, wie diese rot-goldene „Schlange" – die am Ende das bessere Ende für sich behielt – dank der brutalen Kraft ihres Shelby-V8 in fast jeder Kurve das Heck heraushängen ließ. „HEM-6" – wie sie in Cobra- und Sammlerkreisen allgemein bekannt ist – fühlte sich auf der Rennstrecke in West Sussex schon immer pudelwohl. Als eines der weltweit bekanntesten noch existierenden Exemplare dieser Gattung siegte der Wagen bereits 1965 hier – und war auch beim ersten Goodwood Revival im Jahr 1998 erneut am Start. Bei den letzten sechs Revival-Ausgaben kletterten seine Fahrer viermal aufs Podium – inklusive des Gesamtsiegs 2021.
Die rechtsgelenkte 289er-Cobra wurde 1964 von AC Cars nach Rennspezifikationen gefertigt – unter anderem mit ausgeschnittenen Türen und FIA-konformen Radlaufverbreiterungen. Zunächst wurde sie – ohne Motor und Getriebe – an C. T. „Tommy" Atkins geliefert, dessen Karriere bereits in den frühen 1930er-Jahren auf Douglas-Motorrädern begonnen hatte. Nach dem Krieg wollte er seine Rennsportaktivitäten fortsetzen und gründete dazu ein eigenes Team mit Namen „High Efficiency Motors".


Zwischen 1958 und 1960 setzte Atkins Cooper-Rennwagen (in der Formel 2 und Formel 1) ein, pilotiert von Fahrern wie Ian Burgess, Roy Salvadori und Jack Fairman. Seinen wohl größten Erfolg feierte das Team 1958 beim GP von Deutschland auf dem Nürburgring: In einem gemischten Starterfeld aus Formel-1- und Formel-2-Wagen belegte Ian Burgess am Steuer eines Cooper-T43-Climax den siebten Gesamtrang und Platz drei in der Formel-2-Wertung. 1959 erreichte Roy Salvadori in Monaco mit einem T45-Maserati den sechsten Platz; er bestritt auch den letzten Grand-Prix-Einsatz von High Efficiency Motors beim GP der USA 1960 in Riverside, wo er in einem Cooper-T51-Climax als Achter ins Ziel kam.
Nach dem Abschied aus den Formel-Klassen verlagerte Atkins den Schwerpunkt auf den Sportwagensport. Als Erstes kombinierte er den Antriebsstrang eines Maserati mit einem Cooper-Monaco-Chassis, um damit mit Salvadori bei nationalen Rennen anzutreten. 1963 erhielt er von Jaguar einen E-Type Lightweight, mit dem Salvadori bei der Goodwood TT den dritten Platz hinter Graham Hill und Mike Parkes errang. Im Juli 1964 setzten Atkins und Salvadori dann ihre neu erworbene AC Cobra – eben diesen „HEM-6" – im Rahmenprogramm des Großen Preises von Großbritannien in Brands Hatch erstmals ein.


Noch mit blanker Aluminium-Karosserie ging Salvadori von der Pole-Position ins Rennen und markierte mit Platz drei den Beginn der glanzvollen Rennkarriere von „HEM-6". Am ersten August-Wochenende 1964 überließ Atkins – wiederum in Brands Hatch – das Steuer der Cobra dem jungen Neuseeländer Chris Amon. Der „Kiwi", zu diesem Zeitpunkt bereits in seinem zweiten Formel-1-Jahr, rechtfertigte das in ihn gesetzte Vertrauen mit Platz zwei in der GT-Wertung der „Guards International Trophy".
Der erste Auftritt der Cobra in Goodwood folgte dann bereits Ende August bei der nur für GT-Wagen ausgeschriebenen Tourist Trophy. Noch einmal saß Roy Salvadori im Cockpit, doch konnten weder er noch Atkins ahnen, dass ein Kupplungsproblem in der 80. Runde nicht nur das Aus im Rennen, sondern auch das Ende ihrer mehrjährigen beruflichen Zusammenarbeit bedeutete.

Denn nach dem tragischen Tod von C. T. „Tommy" Atkins im Jahr 1965 wurde „HEM-6" von Graham Warners Team Chequered Flag Ltd. erworben – und unter dem Kennzeichen GPG 4C neu zugelassen. Die Cobra wurde passend zu den Teamfarben weiß lackiert – mit schwarzem Streifen und schwarzer Frontpartie – und mit einem Holman-Moody-Motor bestückt. In den kundigen Händen von Roy Pike, Roger Mac und Bob Bondurant gewann „HEM-6" die Sussex Trophy und belegte bei der Whitsun Trophy – beides in Goodwood – Platz eins in seiner Klasse. Zudem trat die Cobra bei der TT in Oulton Park und der Redex Trophy in Brands Hatch an, wo der Amerikaner Bondurant P3 in der Klasse erreichte. Während der Saison 1965 verbuchte „HEM-6" vier bedeutende Siege beziehungsweise Klassensiege sowie zahlreiche Podiumsplatzierungen und Erfolge bei Clubrennen.
Als Chequered Flag die Cobra zum Verkauf anbot, wurde sie als „anerkannt schnellste und beste Cobra des Landes" angepriesen. Neue Eigner wurden Keith und Wendy Hamblin, die ihre Neuerwerbung in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts bei Clubrennen ausführten. 1970 ging „HEM-6" in den Besitz von Shaun Jackson über; er ließ den Wagen rot lackieren und mit einem markanten goldenen Streifen, der sich über die Frontpartie zog, verzieren. Nach zwei erfolgreichen Rennsaisons verkaufte Jackson das Auto an Mick Hill, der im darauffolgenden Jahr zahlreiche Siege bei Clubrennen einfuhr. Alistair Walker kaufte den Wagen 1973 und gab ihn im nächsten Jahr an den Händler Brian Classic weiter, von wo ihn Martin Hilton erwarb. Hilton ließ die Cobra erneut umlackieren – diesmal in einem hübschen Dunkelblau mit einem weißen Streifen, der quer über die Front verlief. Anschließend beauftragte er Mathwall Engineering damit, den Motor nach Gurney-Weslake-Spezifikationen neu aufzubauen.


Im Jahr 1978 erwarb Peter Agg „HEM-6" und beschloss, das Fahrzeug komplett neu aufzubauen und es wieder in seiner auch persönlichen Lieblingsoptik (rot/gold) neu zu lackieren – ein Prozess, der durch eine Vielzahl chronologisch geordneter Fotos dokumentiert ist.
Agg blieb knapp zwei Jahrzehnte lang Eigentümer des Wagens, der in dieser Zeit weiterhin bei Wettbewerben zum Einsatz kam. 1995 entschloss er sich dann, den Wagen bei einer Auktion von Brooks in London zum Verkauf anzubieten, wo er dann von der Familie ersteigert wurde, in deren Besitz er sich bis heute befindet.


Über die vergangenen 30 Jahre blickt „HEM-6" auf eine ununterbrochene Einsatzgeschichte zurück, mit Hunderten von Starts und zahlreichen Erfolgen bei den bedeutendsten europäischen Events. Während der gesamten Zeitspanne wurde das Auto von führenden Spezialisten umfassend gewartet, was seine unverändert hohe Wettbewerbsfähigkeit sicherstellte.
Heutigen Motorsportfans ist „HEM-6" vor allem durch die Auftritte beim Goodwood Revival ein Begriff. Nachdem der Wagen bereits an der allerersten „TT Celebration" im Jahr 1998 teilgenommen hatte, wurde er seither von namhaften Piloten wie Marino Franchitti, Darren Turner und Jake Hill gefahren. Seit 2010 erreichten die Fahrer siebenmal das Podium – mit dem Höhepunkt im Jahr 2021, als Turner und „Olly" Bryant den eingangs erwähnten Triumph feierten.


Begleitet von einer umfangreichen Dokumentation – darunter historische Unterlagen, Rechnungen, Publikationen und zeitgenössische Originalfotos, die die gesamte Renngeschichte des Fahrzeugs von den Anfängen an belegen – zählt „HEM-6" zu den beliebtesten noch erhaltenen 289er-Cobra-Rennversionen; zugleich ist wohl keine andere Schlange so oft in ein Autorennen gegangen wie diese. Immer gefahren von renommierten und weltweit anerkannten Sportwagenpiloten, gehegt und gepflegt von begeisterungsfähigen und leidenschaftlichen Eigentümern, eröffnet „HEM-6" dem nächsten Besitzer die außergewöhnliche Chance, bei den prestigeträchtigsten historischen Rennveranstaltungen der Welt aus dem Stand konkurrenzfähig an den Start zu gehen.

































































