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McLaren bringt seinen vergessenen ersten Supersportwagen zurück

Jeder moderne McLaren-Supercar trägt seine DNA, doch das Original war weitestgehend in Vergessenheit geraten: Der M6GT war Bruce McLarens erster Straßensportwagen. Nun feiert ein viertes, von MSO aufgebautes Exemplar Premiere in Goodwood.

 

Bevor McLaren in den frühen Neunzigern mit dem F1 die Sportwagen-Welt auf den Kopf stellte, fokussierte sich das britisch-neuseeländische Unternehmen ausschließlich auf Rennwagen ohne Straßenzulassung. Oberflächlich betrachtet mag diese Annahme zutreffen. Wer sich jedoch näher mit der Historie der Marke beschäftigt, stößt auf den straßenzugelassenen M6GT, der 1969 und 1970 in Kooperation mit dem damaligen Produktionspartner Trojan konzipiert und gebaut wurde.

Bruce McLaren wollte mit dem Projekt beweisen, dass das technische Know-how seiner Rennsport-Schmiede auch auf öffentlichen Straßen funktioniert, und stellte deshalb auf Basis der offenen Rennwagen aus dem M6A-Programm, die in den späten Sechzigern die nordamerikanische Can-Am-Serie dominierten, ein geschlossenes Coupé auf die Räder, das mehr als 55 Jahre später wie der Urahn der heutigen Supercars aus dem Hause McLaren wirkt. Der M6GT pionierte das Grundrezept, das McLaren-Modelle wie den 750S oder Senna zu modernen Ikonen macht – der auf Leichtbau getrimmte und aerodynamisch optimierte Mittelmotor-Sportler wurde von einem kraftvollen Achtzylinder angetrieben, in diesem Falle von Chevrolets berühmtem Small-Block-V8, der mit vier Weber-Vergasern bestückt war. Insgesamt entstanden drei Exemplare, ein voll funktionstüchtiger Prototyp und zwei Showautos. Ersterer wurde von Bruce McLaren auf den Straßen Englands eingesetzt und für die Fahrten zu Geschäftstreffen genutzt.

 

Obwohl die Entwicklung offensichtlich schon weit fortgeschritten war, ging der M6GT nie in Serie – Grund dafür waren Änderungen an den Gruppe-4-Regularien und der plötzliche Tod von Bruce McLaren im Juni 1970. Der geschäftige Rennfahrer und Konstrukteur kam bei Testfahrten mit dem Can-Am-Rennwagen der nächsten Generation, dem M8D, auf dem Goodwood Circuit ums Leben. Unweit des Unfallorts, beim Goodwood Festival of Speed, das auf dem berühmten Anwesen im Süden Englands stattfindet, wird McLaren vom 9. bis 12. Juli daran erinnern, wie weit die hauseigene Supercar-Ahnenreihe zurückreicht. MSO (McLaren Special Operations), die auf die Realisierung exklusiver Sonderwünsche spezialisierte Individualisierungsabteilung des Sportwagenherstellers, hat nämlich ein viertes Exemplar des M6GT gebaut.

 

Um den Geist des Gründers zu bewahren, ging die Spezialabteilung bei der Konstruktion äußerst akribisch vor und nutzte historische Zeichnungen sowie Referenzmaterialien aus dem Firmenarchiv. Das Chassis stammt von einem im damaligen Zeitraum gebauten M6A-Rennwagen und wurde anhand historischer McLaren-Referenzfahrzeuge verifiziert. Das dazugehörige, ebenfalls vom M6A-Rennwagen abgeleitete Cockpit bildet als emotionales und physisches Herzstück den Kern des Wagens. Rund um dieses Cockpit fertigte MSO verborgene Strukturbauteile wie den Überrollbügel, die hintere Rahmenstützstruktur, die interne Verstärkung der Karosserieklappen sowie den Kabelbaum in Handarbeit. Die Karosserie selbst entstand mithilfe von originalen, im Vereinigten Königreich wiederentdeckten Formen, die historische Modifikationen aufweisen und damit eindrucksvoll die Evolution des damaligen Designs dokumentieren. Beim Fahrwerk kommt aufwendig restaurierte Original-Hardware des M6GT zum Einsatz, für die teils längst nicht mehr produzierte Lager im Imperial-Maß aufgetrieben werden mussten.

Der Respekt vor der Historie zieht sich bis in die kleinsten Details, was sich unter anderem in der Verwendung von geschlossenen Aluminium-Nieten zeigt, die von Fachkräften aus der Luft- und Raumfahrt exakt nach historischem Vorbild installiert wurden. Im spartanisch, aber stilvoll eingerichteten Innenraum trifft ein handgedrehter Walnussholz-Schaltknauf auf grüne Vinylsitze mit genähten Heißsiegel-Details. Angetrieben wird der Bolide wie sein historisches Vorbild von einem Small-Block-V8 mit sogenannten Camel-Hump-Zylinderköpfen gemäß Originalspezifikation, gepaart mit demselben Getriebe wie damals. Lackiert ist der Neuzugang der Heritage-Sammlung in dem eigens kreierten Weißton Colnbrook, der in Kombination mit dem grünen Interieur an die Farbgebung von Bruce McLarens allererstem Formel-1-Wagen, dem M2B von 1966, angelehnt ist.

 

Das rollende Stück Firmengeschichte wird nun beim diesjährigen Goodwood Festival of Speed im McLaren House ausgestellt. Dort soll es die Vision des Gründers, den Rennsport auf die Straße zu bringen, für das Publikum aus nächster Nähe greifbar machen. Die Präsentation fungiert dabei als begehbare Zeitreise und schlägt gekonnt die Brücke zwischen der Vergangenheit und dem aktuellen Supercar-Portfolio der Marke. So ist die originalgetreue Hommage nicht nur Seite an Seite mit historischen Meilensteinen wie dem M8A, dem Austin 7 Ulster oder dem F1 GTR zu sehen, sondern schlägt auch den Bogen zu den neuesten Supersportwagen wie dem W1 oder dem Artura. Diese hätten ohne Bruce McLarens Pioniergeist der späten Sechzigerjahre in dieser Form wohl nie existiert.

Fotos: McLaren

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