Mit Duccio Lopresto übernimmt die nächte Sammlergeneration das Steuer

Corrado Lopresto hat eine der wichtigsten Autosammlungen der Welt aufgebaut und zahlreiche Preise gewonnen. Nun will sein Sohn Duccio die Sammlung in die Zukunft tragen. Wir haben ihn kurz vor dem Concorso d’Eleganza Villa d’Este am Comer See getroffen.

Wir treffen Duccio Lopresto auf der Terrasse des Grand Hotels Villa d’Este, auf der es wenige Tage vor dem großen Spektakel des Concorso d’Eleganza noch überraschend friedlich ist. Doch es sind weder der maßgeschneiderte Anzug, die kunstvolle Uhr von A. Lange & Söhne oder der sinnliche Alfa Romeo Giulietta SS Prototipo, der im vergangenen Jahr an diesem Ort den Titel “Best of Show” erhalten hat, die uns verblüffen – sondern die frappierende Ähnlichkeit von Duccio Lopresto mit seinem Vater Corrado Lopresto, dem wichtigsten Autosammler südlich der Alpen und Hüter des Grals der italienischen Automobilkultur. 

In wenigen Stunden beginnt der Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2018. Wie fühlen Sie sich?

Ich kann kaum erwarten, dass es losgeht. In diesem Jahr werden wir ein ganz besonderes Auto präsentieren, dass die Philosophie unserer Sammlung wirklich auf den Punkt bringt. Wir haben Monate mit seiner Erhaltung verbracht und freuen uns nun, unsere Arbeit dem Publikum zu präsentieren. Ich bin wirklich aufgeregt – wie jedes Jahr in den Tagen vor dem Concorso d’Eleganza. Er ist für uns eben eine sehr wichtige Veranstaltung.

Ihr Vater Corrado Lopresto hat hier schon viele Trophäen eingesammelt – unter anderem den Titel „Best of Show“ für den Alfa Romeo Giulietta SS Prototipo, mit dem Sie heute hier sind. Was macht den Concorso d’Eleganza Villa d’Este so besonders?

Da kommen verschiedene Faktoren zusammen. Sicherlich hilft der einzigartige Ort. Einen Concours d’Elegance für klassische Automobile nicht nur am Ufer des Comer Sees abzuhalten, sondern auch noch auf dem Anwesen eines der luxuriösesten und exklusivsten Hotels der Welt, ist geradezu eine Killer-Kombination. Und dann sind da natürlich die Autos: Man muss immer im Hinterkopf behalten, dass die Villa d’Este einer der wenigen Orte ist, an dem seit mehr als 80 Jahren die elegantesten Autos der Welt zusammen kommen. Die Mischung aus automobiler Eleganz und avantgardistischem Design ist einzigartig. Das Auswahlkommitee leistet jedes Jahr hervorragende Arbeit und schafft es, den Geist der Villa d’Este zu wahren und das Event klein und exklusiv zu halten. Ich hoffe, das bleibt auch so.

Sie sind gerade von der Mille Miglia zurückgekehrt, wo sie mit dem wunderbaren Alfa 6C Aprile ihres Vaters angetreten sind, der hier vor ein paar Jahren die Coppa d’Oro Villa d’Este gewonnen hat. Wie war es?

Mit dem Alfa bei der Mille Miglia mitzufahren war eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens. Es war intensiv, ermüdend – aber einfach fantastisch. Zwei Dinge haben mich besonders beeindruckt: Erstens die Menschen. Ich hatte nicht erwartet, dass die Zuschauer uns derart enthusiastisch empfangen würden. Es fühlte sich an, als wären das alles unsere Freunde und wir würden sie schon ewig kennen. Als wird durch Tavullia – den Geburtsort von Valentino Rossi – fuhren, standen da fünfzig Schulkinder, die sich derart freuten, als wäre es der schönste Tag ihres Lebens. Das war berührend! Und dann war da natürlich auch das Auto selbst: Unser Alfa Romeo 1750 Aprile wurde 1931 gebaut und ist ein einzigartiges Auto, dass nicht nur in der Villa d’Este gewonnen, sondern auch einen Klassensieg in Pebble Beach erzielt hat. Anfangs war ich deswegen etwas ängstlich und fühlte mich nicht wohl. Aber nach ein paar Stunden hatte ich das alles vergessen und lebte nur noch im Moment. Dieses Auto zehn Stunden am Tag im Renntempo zu bewegen war für mich ein Erweckungserlebnis.

Wie einfach ist es, vom Rennsitz in die Rolle des Concours-Gentleman zu wechseln?

Ich habe meinen Vater schon immer zu den Concourse d’Elegance dieser Welt begleitet und fühle mich in diesem Umfeld zuhause. Ich hatte auch die Idee, den Alfa bei der Mille Miglia einzusetzen. Er mag ein perfekt restaurierter Concours-Gewinner sein, aber ursprünglich wurde er schließlich gebaut, um Rennen zu gewinnen. Er musste einfach wieder richtig gefahren werden. Unsere Autos mögen Museumsstücke sein, aber das heißt nicht, dass man sie nicht fahren sollte. Ich möchte die Autos der Sammlung in Zukunft noch mehr fahren, unter die Leute bringen – und die Grenzen zwischen Schönheitswettbewerben und historischen Rennen überschreiten. Die Autos sind zu schön, um sie nicht auch auf der Straße zu zeigen.

Ist der Alfa Romeo Giulietta SS Prototipo, der letztes Jahr bei der Villa d’Este gewonnen hat und mit dem Sie heute hier sind, Ihr Favorit?

Ich habe keinen Favoriten, denn jedes Auto in der Sammlung hat sein ganz eigenes Design und seine spezielle Geschichte. Aber die Giulietta SS ist ein Wesen von einem anderen Stern. Sie ist Italienerin, sie ist ein Alfa Romeo, sie ist ein Prototyp. Ich liebe sie einfach!

Wir sehen Sie immer öfter gemeinsam mit Ihrem Vater. Was ist ihre Rolle in der Sammlung? Führen Sie bald fort, was Corrado Lopresto aufgebaut hat?

Für mich ist das der logische nächste Schritt. Ich habe meinem Vater immer geholfen. Bisher war es jedoch eher eine Leidenschaft, die ich neben meinem Studium auslebte. Nun fühle ich mich bereit, die Sammlung in die Zukunft zu tragen. Eine spezielle Rolle habe ich nicht. Ich helfe nur, neue Autos zu finden, sie zu restaurieren und die Beziehungen zu unseren Partnern in aller Welt zu pflegen. Die Autos gehören unserer Familie und ich will die Mission meines Vaters fortführen, aber auf meine Art.

Ist die Autobegeistertung, die zumindest augenscheinlich alle Mitglieder ihrer Familie teilen, eine wichtige Triebkraft?

Absolut! Unser Familienbande helfen, die Sammlung immer besser werden zu lassen. Ich denke es hat meinem Vater viel Kraft gegeben, dass die Familie geschlossen hinter ihm und seiner Leidenschaft und Lebensmission stand. Alleine wäre das sehr schwierig gewesen. Ich denke sogar, dass unsere Familie so eng ist, weil sie durch die Autoliebe verbunden ist.

Was ist Ihre Vision für die Sammlung Ihres Vaters?

Ich bin sehr positiv gestimmt. Momentan restaurieren wir einige ganz außergewöhnliche Autos und arbeiten mit verschiedenen Museen zusammen. Mein Ziel ist es, die Mauern zwischen der Welt der Kunst und der Welt der Automobile einzureißen und selbst die wertvollsten Concours-Autos zurück auf die Straße zu bringen, so dass die Menschen sie bewundern können. Während der Milan Design Week habe ich eine fahrende Auststellung organisiert, das war ein erster Schritt. In Zukunft wird die Lopresto Collection nicht nur eine Autosammlung sein.

Was haben Sie als nächstes vor?

Ich möchte das Automobil mehr als Kulturgut positionieren. Ich denke etwa, die Präsenz der UNESCO beim Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2016 war ein wichtiges Signal. Auch wir wollen mit unserer Sammlung zum Welterbe beitragen und etwas schaffen, das zeitlos ist. Ich freue mich, das Erbe meines Vaters in diesem Sinn fortzuführen. In den letzten Monaten habe ich zudem die Redaktion einer neuen Publikation namens „The Key“ unterstützt, die erstmals alle wichtigen Sammler und Persönlichkeiten der Klassikerszene versammelt, Kommentare von Jean Todt, Sandra Button und Lorenzo Ramacciotti veröffentlicht – und wertvolle Markteinsichten gewährt. Für mich ist das ein „Game Changer“ und ich bin stolz, für den Visionären Geschäftsmann und Gründer Fritz Kaiser und den genialen Chefredakteur Antonio Ghini arbeiten zu dürfen. Ich denke, das Magazin dürfte seine Spuren hinterlassen.

Was denken Sie über die Entwicklung des Marktes für Sammlerautos?

Das Geschäft hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Es hat heute viel mehr Gemeinsamkeiten mit der Kunstwelt, es ist es sehr strukturiertes Business geworden. Dennoch ist noch viel zu tun. In den nächsten zehn Jahren wird es weitere einschneidende Veränderungen geben. Die meisten großen Sammler sind 70 Jahre und älter. Wir sind nicht sicher, ob die nächste Generation die gleiche Begeisterung für alte Automobile aufbringen wird. Entsprechend wird sich auch der Markt entwickeln. Was passiert, wenn die besten Sammlungen der Welt und die wertvollsten Automobile plötzlich zum Verkauf stehen? Man wird sehen. Die Preise sind heute schon realistischer als vor ein paar Jahren, als Investmentfonds und Spekulanten die Blase beinahe zum Platzen brachten. Das Preisniveau sinkt nun wieder etwas ab, aber von einem Kollaps kann keine Rede sein. Viele junge Menschen interessieren sich für klassische Autos und ich bin zuversichtlich, dass die Preise auch in Zukunft stabil bleiben.

In diesem Jahr sind beim Concorso d’Eleganza erstmals Formel-1-Rennwagen vertreten. Was halten Sie davon?

Ich liebe die Formel 1 seit Kindertagen und ich sehe mir oft Filme von Helden wie Senna und Schumacher oder Aufnahmen von Rennen aus den 1960er Jahren an. Als ich bei Lamborghini arbeitete und Antonio Ghini bei der Ausrichtung der Senna-Ausstellung in Sant’Agata half, nahm meine Leidenschaft noch zu. Ich sehe mir jedes Wochenende die Rennen an. Diese Autos zur Villa d’Este zu bringen könnte ein cleverer Schachzug sein, um ein jüngeres Publikum anzuziehen. Ich finde übrigens, dass man diese Autos durchaus als Kunstwerke betrachten kann. Sie folgen schließlich auf radikale Weise dem modernistischen Motto von der Form, die von der Funktion geleitet wird. Die großen Architekten des 20. Jahrhunderts hätten mir sicherlich zugestimmt. Ich denke, diese Rennwagen verleihen der Veranstaltung einen gewissen Schwung. Dennoch sollten wir nicht vergessen, dass es bei der Villa d’Este vor allem um Eleganz gehen sollte.

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2018

Diese Geschichte hat Sie neugierig gemacht? Zusammen mit Duccio Lopresto und Wilhelm Schmid, dem Chef von A. Lange & Söhne in Glashütte, haben wir in dieser Woche die Pilotfolge einer neuen Filmserie produziert, die wir Ihnen in diesem Sommer präsentieren dürfen. Bleiben Sie also gespannt.