Das waren die Höhepunkte des Concorso d’Eleganza Villa d’Este 2018

Alle Jahre wieder trifft sich die internationale Hautevolée am Ufer des Comers Sees zum automobilen Schönheitswettbewerb. Classic Driver war natürlich dabei.

Schaukelnde Rivas auf den Wellen des Comer Sees, dröhnende Wasserflugzeuge im Landeanflug, elegante Menschen in Sommeranzügen, die über die Terrsasse des wahrscheinlich schönsten Grand Hotels südlich der Alpen schlendern – als ganzheitliche Erfahrung kommt der Samstag beim Concorso d’Eleganza Villa d’Este recht nah an eine Zeitreise heran. Nur die allgegenwärtigen Smartphones erinnern daran, dass wir uns im Jahr 2018 befinden, und nicht in einem der goldenen Jahrzehnte des Karosseriebaus, aus dem die meisten Autos im Wettbewerb stammen. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der Gestalter des stilprägendsten Mobiltelefons aller Zeiten – nämlich Apple-Designchef und iPhone-Erfinder Jony Ive – in diesem Jahr mit in der Jury sitzt.

Die eindrucksvollsten weil puristischen Automobile stammen auch dieses Mal aus den Rennsport-Werkstätten der 1930er Jahre: Da ist etwa der nicht in Rot, sondern „British Racing Green“ lackierte Alfa Romeo 8C 2300 Monza mit Zagato-Karosserie von 1931 aus dem Besitz von Roderick Jack, der nicht nur sein Debüt in Brooklands gewann, sondern einem späteren Besitzer auch dazu diente, seine Kinder zur Schule zu fahren.

Eine Überraschung ist auch, dass der avantgardistische Designer Marc Newson keine Concept-Car-Flunder, sondern einen wunderbaren Bugatti 59 Grand Prix von 1934 für sein Concorso-Debüt ausgewählt hat. Der Mann hat Geschmack!

Auch wenn es um automobile Eleganz geht, bleibt die Vorkriegsepoche unvergleichlich: Das unrestaurierte, von Anthony MacLean mitgebrachte Lancia Astura Serie III Cabriolet von 1936 mit Pinin-Farina-Karosserie und seidenweichem V8 gehört sicherlich zu den Titel-Favoriten, während die zwei burgunderrot-schwarzen Bugatti 57 – ein Atalante Coupe und Cabriolet – noch immer Ehrfurcht vor Ettore Bugattis Kunstfertigkeit gebieten.

Es ist erstaunlich, wie schnell die Automobilwelt nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu Hochform auflief – wenn auch in kompakterem, massentauglicherem Format. Fred Kriz aus Monaco hat ein Bentley Mk VI „Lightweight Coupe“ von 1949 mitgebracht, dessen sportlich geneigten Kühler die Kundschaft einst tatsächlich als „schockierend“ empfunden haben soll. Ein Hingucker ist auch der im Auftrag Max Hoffmans von Pinin Farina karosserierte Jaguar XK 120 SE von 1954, der die barocken Linien des Originals tatsächlich alt aussehen lässt.

Dass es nicht immer ein Testa Rossa sein muss, beweist derweil der österreichische Sammler Andreas Mohringer mit einem betörenden, silberblauen Ferrari 335 Sport – einem von nur noch drei Exemplaren, die von diesem Typ existieren und fast seinen Nachbarn, den Ferrari 250 GTO mit Chassisnummer 3445GT, vergessen lässt. 

Radikale italienische Rennsportlichkeit verkörpert auch der Abarth 2000 Sport SE 010, der in seinem Purismus durchaus mit Ikonen wie dem Ford GT40 oder dem Porsche 917 mithalten kann.

Am Comer See dürfen freilich auch die gelungensten italienischen Designexperimente nicht fehlen: Der Schweizer Sammler Albert Spiess hat in diesem Jahr keinen Lamborghini, sondern einen Alfa Romeo mitgebracht: Der 33/2 Alfa Romeo Stradale war 1968 schneller als alle seine Konkurrenten – und deutlich teurer als ein Ferrari 276 GTB/4. Nur 18 Exemplare wurden gebaut. Dass der Alfa mit der Coppa d’Oro – dem Publikumspreis des Concorso d’Eleganza – ausgezeichnet wurde, war nach dem donnergrollenden Auftritt beim Schaulauf der Sportwagen nur angemessen.

Eines der dramatischsten Concept Cars aller Zeiten  darf der amerikanische Sammler Phillip Sarofim sein Eigen nennen: Der 1970 vom Designgott Marcello Gandini erschaffene Lancia Stratos Zero düfte die „Stunde Null“ des Keilzeitalters markieren – und sorgte im Concours für viel Aufsehen. Dass Alois Ruf im letzten Moment Starthilfe gab und mit Avril Lavigne, der Freundin des Besitzers, einer der großen US-Popstars mit im Cockpit des UFOs saß, dürfte vielen Gästen auf der Terrasse nicht aufgefallen sein.

Wären wir Stammgäste im Grand Hotel Villa d’Este, wir würden uns mit zwei Autos für den täglichen Gebrauch zufrieden geben: Den goldenen Ferrari 500 Superfast, der einst Peter Sellers gehörte, für die Einkaufsfahrten. Und Giovanni Agnellis Fiat 500 Spiaggia für die Badeausflüge. Bei solchen Vorbesitzern kann man schließlich nichts falsch machen.  

Und dann waren da freilich noch die Formel-1-Renner: Das Auswahlkommitee hat in diesem Jahr sieben Rennboliden der Jahrgänge 1954 bis 1985 auf dem Kies der Villa d’Este versammelt und damit erneut einen frischen Akzent gesetzt – auch wenn die Eleganz der minimalistischen Maschinen nicht nach klassischen Kriterien bewertet werden sollte.

Doch allein der Anblick und Sound jenes B.R.M. P180, mit dem Marlboro einst seinen Sponsoring-Aktivitäten in der Formel 1 begann, des mythischen sechsrädrigen Tyrrell P34 oder eines McLaren MP4/2B aus dem Besitz von Gerhard Berger beim Defilée konnte alle Kritiker verstummen lassen. 

Fotos: Rémi Dargegen für Classic © 2018