Dieser handgefertigte Werks-Aston Martin war Newport Pagnells Schwanengesang

Nur acht Exemplare dieser wunderbaren Aston Martin V8 Vantage Volante wurden um die Jahrtausendwende vom hauseigenen Team für spezielle Projekte gebaut. Als inoffizieller Abschied vom langen und ruhmreichen Kapitel handgefertigter Sportwagen aus Newport Pagnell...

Wahrscheinlich werden in diesen Tagen einige sehr wohlhabende Individuen Aston Martins Werk in Gaydon besuchen, um dort die Spezifikation ihres Valkyrie festzulegen. Des revolutionären 1000 PS-Hybrid-Sportwagens, den Aston zusammen mit dem Red Bull-Formel 1-Team entwickelt. 

Ganz sicher werden diese Individuen Gaydons blankgeputzte Sandstein-Fassade, die rund um das Gelände geparkten Neufahrzeuge, den live in der Lobby angezeigten Aktienkurs des Unternehmens und die Virtual Reality-Technologie bestaunen, die es ihnen erlaubt, schon einmal in ihren neuen Autos Platz zu nehmen, ohne sie nur einen Meter gefahren zu haben. Und zurecht – denn das alles ist sehr beeindruckend. 

Noch vor 20 Jahren war Aston Martin eine völlig andere Firma. Die sich den von Lionel Martin angesichts neuer Industrietrends und Gesetze schon Jahrzehnte zuvor formulierten Prinzipien verpflichtet fühlte. Die da hießen: Qualität durch maßgeschneiderte Handwerkskunst. 

Selbst heute noch wissen die Wenigsten, dass sogar die allerletzten V8, die Anfang der 2000er-Jahre Newport Pagnell verließen, handgefertigte Autos waren. Hochqualifizierte Männer in langen Kitteln schweißen die Chassis auf Spannvorrichtungen, dengelten die Bleche mit dem Hammer in Form, nähte das Connolly Leder und setzten auch die Motoren komplett per Hand zusammen. Müßig zu betonen, dass in der Werkskantine keine Flat Whites mit Soya serviert wurden. 

Allgemein gilt der brutale Vantage Le Mans V600 als Newport Pagnells Schwanengesang. Doch gebührt diese zweifelhafte Ehre in Wahrheit jenem aufregenden Cabriolet, dass wir Ihnen hier vorstellen möchten: dem Aston Martin V8 Vantage Volante Special Edition. 

 

Aus welchem Grund auch immer hat Aston das elegante V8 Cabriolet nie mit den von zwei Kompressoren hemmungslos aufgeladenen 550- und 600-Motoren des Coupés ausgerüstet. Doch die Vorstellung einer limitierten Serie leistungsgesteigerter Volantes war für die Abteilung für Spezialprojekte, die bereits einige wild aufgebrezelte Einzelstücke für Kunden wie den Sultan von Brunei gebaut hatte, dann doch zu verführerisch. Zumal die Zeit mit Blick auf den geplanten Umzug nach Gaydon langsam auslief. 

Nachdem also der Samen ausgesät war, fragten die Special Projects Ingenieure Steve Bolton und Shaun Rush bei Astons treuesten und enthusiastischsten Kunden das Interesse an einem solchen Modell ab. Und siehe da: Trotz des heftigen Basispreises von £230.000 fanden sich acht Käufer für diese letzten von Hand aufgebauten Specials. 

Mit dem Wissen, dass diese acht Autos zu den letzten aus Newport Pagnell gehörten, setzte man alles daran, sie zum absoluten Highlight der 30-jährigen Geschichte der V8-Modelle zu machen. Und zwar in punkto Qualität und erderschütternder Performance.

Wie die legendären DB4GT Zagato aus den 60er-Jahren, so unterschied sich jeder Wagen leicht vom anderen, weil alle nach den exakten Wünschen des jeweiligen Kunden komplettiert wurden. Unser rechtsgelenktes Fotoauto ist das fünfte von acht und wurde im Juli 2000 an einen gewissen Ron Collier ausgeliefert. 

Als V550 ausgeliefert und dann vom Werk zum V600 aufgerüstet, nahm das in der Farbe Rolls-Royce Royal Blue lackierte Cabriolet ebenso wie einige weitere Exemplare der Kleinserie einige Upgrades des V600 Le Mans vorweg. Das Interieur ist das wohligste und komfortabelste, in dem wir wohl jemals haben Platz nehmen dürfen. Selbst bei geöffnetem Verdeck durchdringt der satte Duft von Connolly Leder die Luft. 

Jemand beschrieb damals diese aufgeladenen Astons als 320 km/h schnelle Wohnzimmer – und diesen Jekyll und Hyde-Charakter verströmen sie in der Tat. Einmal in Bewegung, ist das Auto zugleich extrem komfortabel wie unvorstellbar schnell. Haut man mit dem ultrakurzen Schaltknüppel den zweiten Gang rein und drückt das Gaspedal so weit durch, wie es der Mut zulässt, wird der Körper so hart in den Sitz gedrückt, dass man den Aston mehr hält als fährt. Das Fahrerlebnis mit diesem zwei Tonnen schweren Luxus-GT übersteigt die Vorstellungskraft. 

Während sich die heutigen Aston Martin gegen ultramoderne Lamborghini und Ferrari behaupten müssen, wandten sich die Modelle aus der Newport Pagnell-Ära an eine gänzlich andere Zielgruppe. Sie waren per Definition subtil „anders“ und atmeten „altes“ Geld. 

Sie waren streng betrachtet weder besser noch schlechter, nur anders. Mögen wir zunächst diese old-school-Mammuts nicht gebührend gewürdigt haben, so schätzen wir sie nun in der Rückschau und angesichts einer zunehmend automatisierten Automobilproduktion als das, was sie waren: unglaublich luxuriöse, überbordend kraftvolle und in Handarbeit fabrizierte Grand Tourer, welche eine Aston Martin-Ära prägten, die nicht in Vergessenheit geraten darf. Und dieses spezielle Auto, Newport Pagnells inoffizielles „letztes Hurra“, ist fraglos das magischste von allen. 

Fotos: Robert Cooper für Classic Driver © 2019

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