Lamborghini Aventador Roadster: The Heat is on!

Tropensturm am Ocean Drive: Der neue Lamborghini Aventador Roadster passt zu Miami wie Speedboote, Alligatoren, neonfarbene Nachtclubs – und erreicht auch ohne Dach eine Windgeschwindigkeit von 350 km/h. Eine Reise ins Auge des Hurricanes.

Um hier aufzufallen, muss man immer einen Tick flacher, breiter, lauter und teurer sein.

Miami mag auf dem Papier zu den USA gehören, doch eigentlich ist es die nördlichste Stadt Südamerikas. Zwei Drittel aller Einwohner sprechen Spanisch. Und auch der ausgelassene Lebensstil erinnert an die Metropolen Brasiliens oder Kolumbiens. In den 1980er Jahren wurden hier unter Palmen die großen Waffen- und Drogendeals geschmiedet – Scarface und Miami Vice haben diese düstere Zeit ins kollektive Bewusstsein gebrannt. Heute ist Miami wieder bunt und hip, statt Kokain wird zeitgenössische Kunst gehandelt. Doch etwas zwielichtiger Charme ist erhalten geblieben. Street Credibility gibt es etwa am legendären Ocean Drive in South Beach nur für die breitesten Testosteron-Schultern, die drallsten Kurven, die knallengsten Hotpants – und auch bei den Autos ist Understatement ein Fremdwort: Auf- und abhüpfende Lowrider mit wummernden Bässen konkurrieren mit mattschwarzen Rolls-Royce, in deren couchtischgroßen Chromfelgen sich Palmen und Art-Deco-Fassaden spiegeln. Um hier aufzufallen, muss man immer einen Tick flacher, breiter, lauter und teurer sein. Oder eben einen Lamborghini ausführen, der offiziell erst in einem halben Jahr auf die Straße kommt.

Stresstest auf dem Homestead Miami Speedway

Lamborghini Aventador Roadster: The Heat is on!
Lamborghini Aventador Roadster: The Heat is on! Lamborghini Aventador Roadster: The Heat is on!

Szenenwechsel. Wer für einen Tag die Schlüssel zu einem 700-PS-Katapult in der Tasche hat, möchte trotz aller Eitelkeiten nicht nur im Stop-and-Go-Modus vor Bikinimädchen defilieren. Auf dem Homestead Miami Speedway messen sich sonst die NASCAR-Rennwagen und Craftsman-Trucks – heute dröhnen wir mit unserem Lamborghini Aventador Roadster nicht weniger lautstark durch die Steilkurven. Und es ist erstaunlich, wie präzise sich die unglaubliche Kraft des V12 unter der neu gestalteten Motorhaube auf den Track bringen lässt, wie stabil der Roadster auch bei voller Beschleunigung bleibt. Mit dem Composite-Hardtop, das aus zwei Elementen besteht und gerade einmal zwölf Kilo wiegt, ist der Unterschied zum geschlossenen Aventador nicht zu spüren. Offen ist es natürlich etwas lauter und stürmischer – vor allem, wenn man bei heruntergelassener Heckscheibe die Hardcore-Vmax von 350 km/h ausfahren möchte.

Jetstart mit offener Cockpit-Kuppel

Lamborghini Aventador Roadster: The Heat is on!
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Auch bei der Beschleunigung fühlt man sich am Steuer des Aventador Roadster wie ein Jet-Pilot, der beim Start auf dem Flugzeugträger versehentlich die Cockpit-Kuppel offen gelassen hat: In glatten drei Sekunden ist man bei Tempo 100 – und nähert sich, sofern man den Fuß weiter auf’s Gaspedal drückt, sturmumtost und in Windeseile der gefühlten Schallmauer. Gegen den Kontrollverlust in der nächsten Kurve helfen ein steifes Carbonfaser-Monocoque, die Push-Rod-Aufhängung nach Rennsport-Vorbild und ein Allradantrieb, der im Corsa-Modus 20 Prozent der Antriebskraft auf die Vorderräder leitet. Trotz technischer Fallseile ist der offene Aventador jedoch noch immer ein waffentaugliches Extremsportgerät – den brutalen Punch des V12 im Zaum zu halten und sich von den Peitschenschlägen der Schaltung nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, verlangt selbst fortgeschrittenen Fahrern einiges ab.

Riesenkrokodil mit Swag

Lamborghini Aventador Roadster: The Heat is on!
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Im Gegensatz zum Lamborghini Murciélago Roadster, dessen Zeltdachkonstruktion eine abgeschlossene Pfadfinderausbildung voraussetzte, lässt sich das Hardtop mit wenigen Handgriffen abbauen und im Gepäckraum verstauen – der dann allerdings auch voll ist. Aber in Miami Beach braucht man zu seinem Glück ja sowieso nur Sonnenbrille, Badehose, Kreditkarte – und vielleicht noch ein Reserve-Handtuch für spontan zusteigende Co-Pilotinnen. Zurück in South Beach macht der Aventador Roadster selbst im zivilen Strada-Mode (inklusive braver Zylinderabschaltung und Start-Stopp-Automatik) die Straße zur Bühne: Wie ein gerade den Everglades entstiegenes Riesenkrokodil kriecht der Lamborghini träge geduckt über breite Straßenkreuzungen, nur um Augenblicke später katapultartig nach vorne zu schießen und anderen Verkehrsteilnehmern mit seinem markerschütternden Gebrüll die Tränen in die Augen zu treiben. Selbst die härtesten Gewichtestämmer und Gesichtstattoo-Träger von South Beach bestätigen uns respektvoll: Mehr Swag kann ein Auto nicht haben!

Wirbel auf dem Ocean Drive

Lamborghini Aventador Roadster: The Heat is on!
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Doch die Show hat ihren Preis: Auf die 270.000 Euro für den geschlossenen Aventador muss man für einen Roadster noch einmal 30.000 Euro drauflegen. Und das ist erst der Nettopreis. Dazu kommt eine lange Warteliste: Wer jetzt bestellt und nicht über den beißfreudigen Hausalligator eines Sonny Crockett oder die bleihaltigen Argumente Tony Montanas verfügt, bekommt sein Exemplar wahrscheinlich erst zu Beginn der Hurricane-Saison im Sommer 2014. Auf dem Ocean Drive dürfte man dann aber noch immer für ordentlichen Wirbel sorgen.

Fotos: Jan Baedeker

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