Hält der McLaren Senna das Versprechen eines großen Namens?

Bei einem Auto, das polarisieren dürfte, an Ayrton Senna, einem weltweit verehrten Formel 1-Fahrer zu erinnern, war ein mutiger Schachzug von McLaren. Da sich der Hype um das Hypercar wieder gelegt hat, wollten wir wissen, ob dieser Sportwagen der Legende ebenbürtig ist.

Eine Woche vor dem Großen Preis von Brasilien kamen Formel 1-Veteranen wie Emerson Fittipaldi und Felippe Massa mit Tausenden von leidenschaftlichen Zuschauern in São Paolo zusammen, um Aytron Senna da Silva 25 Jahre nach seinem tragischen Tod in Imola zu feiern. Aber die Bewunderung, die diesem außerordentlich talentierten Piloten entgegengebracht wird, reicht weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus. Die ganze Welt war damals von dieser Nachricht zutiefst schockiert. Unvergessen ist sein Alles-oder-nichts-Fahrstil, sein beherzter Griff am Lenkrad, seine Intuition, aber auch sein feiner Charme abseits der Rennstrecke.

Es brauchte bei McLaren schon eine gehörige Portion Mut, 2017 das neue, ultimative Ultimate Series-Modell nach dem brasilianischen Superstar zu benennen, zumal das kompromisslos funktionale Design nun wirklich nicht als schön bezeichnet werden konnte. Es war aber auch die Manufaktur aus Woking, die Senna mit den Formel 1-Fahrzeugen in Marlboro-Farben versorgte und dank seiner drei Meistertitel 1988, 1990 und 1991 auf immer mit dem grandiosen Pilot verknüpft bleiben wird. Der aberwitzig schnelle Über-Supersportwagen ist so fokussiert auf die Rennstrecke entwickelt worden - man denkt an Senna und wie er in Monte-Carlo in einer beinahe „außerkörperlichen Erfahrung” eins ums andere Mal die Rundenzeiten knackte. Dieses Fahrzeug erschien wie angemessene Art, um Senna zu ehren und immer an ihn zu erinnern. Oder aber, es handelte sich hier um ein besonders kühnes Marketingkalkül.

So oder so, letztlich wurden nur 500 Exemplare dieses Coupés mit den V-förmigen Türen gebaut und an ausgesuchte McLaren-Kunden für stattliche 750.000 Pfund (inklusive der unterschiedlichen nationalen Steuern) verkauft. Und dabei hatten die Glücklichen noch gar nicht das MSO-Individualisierungsatelier betreten. Wenig Wunder, dass die beschränkte Zahl, das aufreizende Design und die Leistung des Senna einen gewaltigen Hype generierten. Zeitweise wurden frühe Exemplare für schier unglaubliche Summen gehandelt. Die ganze Aufregung scheint sich inzwischen beruhigt zu haben. Der Senna unserer Fotostrecke ist tatsächlich der erste, der unter Listenpreis angeboten wird. Und dabei wurde weder bei der Spezifikation geknausert noch ist er ein Meilenmillionär. Er wurde nicht nur in einer geradezu herbstlich wirkenden MSO-Sonderlackierung getaucht, er hat alle nur erdenklichen optionalen Extras an Bord und zeigt gerade einmal 390 Meilen auf der Uhr.

Als leichtester, straßenzugelassener McLaren seit dem F1, bringt der Senna nur 1.200 Kilo auf die Waage. Kombiniert man dieses Leichtgewicht mit der überarbeiteten Version des doppelt aufgeladenen 4,0-Liter-V8 mit seinen 800 PS hat man ein überwältigendes Leistungsgewicht von 668 PS pro Tonne. Und natürlich bietet der Senna eine Fülle an technologischen Highlights, die helfen sollen, die persönliche Bestmarke bei Track Days in Spa-Francorchamps oder auf dem Nürburgring zu verbessern. Wenn man bedenkt, dass McLarens Vorteil immer im vielseitigen Einsatz ihrer Autos ruhte, war der Senna ein Paradigmenwechsel, war er doch ausschließlich auf seine Performance auf der Rennstrecke entwickelt worden. Die Designer waren sogar bereit, Komfort diesem Ziel zu opfern und sollen überlegt haben, ganz auf den Beifahrersitz zu verzichten. 

Wir finden dieses aufwändige, rein auf Aerodynamik ausgerichtete Design nicht wirklich ansprechend, zumal, wenn man es mit den schlanken und sinnlichen Karosserien des P1 und des radikalen neuen Elva vergleicht. Aber in der Realität ergibt diese Formensprache mehr Sinn, als sich seinerzeit durch McLarens Pressefotos erahnen ließ. Der beste Blickwinkel ist tatsächlich frontal: Dann erinnert das weit ausladende Gesicht des Senna, die großen Schalensitze und der sich über das gesamte Heck erstreckende Flügel an den legendären F1 GTR mit seinem abgeschnittenen Heck. Uns gefallen auch die vom F1 GTR inspirierten geteilten Seitenfenster, die sichtbaren Karbon-Türstreben und die ungewöhnlichen, nach oben geführten Endrohre. Wer je die Chance hatte, einen Senna zu hören, dass der schroff und donnernd tönende Motor akustisch weit beglückender ist, als beim 570S und 720S.

Man fragt sich schon, was Aytron Senna selbst von dieser Hommage in Form eines Hypercars gehalten hätte. Wenn wir ehrlich sind, hätte er sich schon vor der ganzen Optik gesträubt, die so anders war als die wunderbar minimalistischen Einsitzer, die er in den Jahren vor seinem viel zu frühen Tod so brillant lenkte. Dennoch, wäre er in seine charakteristischen Loafer geschlüpft und hätte ein paar pfeilschnelle Runden in Suzuka oder Interlagos in diesem Sportwagen, der seinen Namen trägt, gedreht, hätte ihm dieser Leistungsüberschwang das berühmte, ansteckende Kindergrinsen ins Gesicht gezaubert. Wären Sie selbst am Steuer, Sie wären so hin und weg wie der unvergessene Ayrton selbst.

Fotos: International Collectables by Edward Lovett © 2019