„Golden Boy“ Corrado Lopresto braucht keinen Ferrari für seine weltbekannte Sammlung

Nicht ein Ferrari, nicht ein Maserati – trotzdem besitzt Corrado Lopresto eine der elegantesten Autosammlungen der Welt. Zwölf dieser Klassiker werden dieses Jahr auf der Rétromobile in einer Sonderschau gezeigt. Zuvor durften wir dem „Golden Boy“ der Sammlerszene einen exklusiven Besuch abstatten.

Wer an Corrado Lopresto denkt, hat wahrscheinlich das Bild eines eleganten italienischen Gentlemans im Kopf, der mit seiner Familie um die Villa d'Este herumschlendert. Und seine Autos, mehr als 100 in der Zahl, mit denen er Preise auf der ganzen Welt gewonnen hat. Doch es gibt noch eine andere Seite an diesem Mann, wie wir schon nach wenigen Minuten feststellen konnten, als bei einem Rundgang durch Corrado Loprestos Sammlung mit ihm ins Gespräch kamen. Natürlich sprachen wir über Automobile, und uns wurde bewusst, wie viel Leidenschaft Lopresto für dieses Thema hat und wie gerne er die Geschichte hinter jedem einzelnen Klassiker erzählt. Und er ist ständig daran interessiert, neue Klassiker zu finden. Dabei zeigt sich Lopresto als äußerst gutmütiger Mensch, der viel lacht und gerne seine Leidenschaft mit anderen teilt.

Nachdem man im Jahr 2013 die Sammlung von Peter Mullin mit einer Sonderausstellung bei der Rétromobile würdigte, werden in diesem Jahr 12 ausgesuchte Klassiker von Corrado Lopresto auf der Pariser Messe zu sehen sein. Der Italiener ist wirklich der „Golden Boy“ der Sammlerszene, nicht aufgrund des Wertes seiner aktuellen Sammlung, sondern weil er der Einzige ist, der den Preis Coppa d’Oro at Villa d'Este unglaubliche vier Mal gewonnen hat. Bei unserem Besuch stellten wir dem Goldjungen einige Fragen über seine große automobile Leidenschaft.

Welches ist Ihre früheste automobile Erinnerung?

Als ich ein Kind war, besaßen meine Eltern ein großes Lagerhaus, in dem einige unserer Nachbarn und Freunde ihre Autos unterstellten – hauptsächlich Lancias. Und ich erinnere mich an einige sehr schöne Modelle. Auch daran, dass im Lancia meiner Eltern zur Schule fuhr. Es war eine Aurelia Berlina mit einem Lederinterieur, was zu der Zeit als äußerst seltene Ausstattung galt. Ich habe den Geruch des Leders noch im Kopf, der mir immer in die Nase stieg, wenn ich auf dem Weg zu Schule war. Eine andere Erinnerung: Ich war 15 und besaß ein Moped mit 50 ccm und mein Bruder eine Parilla, die wir gemeinsam restaurierten.

Wie begann Ihre Leidenschaft zum Automobil?

Als ich 18 Jahre alt war, sparte ich jeden Cent, um mir ein Auto leisten zu können. Mein Vater wollte mir damals keines kaufen. Letztlich reichte mein Erspartes für einen Fiat Balilla Lusso mit Dreigangschaltung. Im unrestaurierten Zustand, versteht sich. Die Instandsetzung dauerte ungefähr ein Jahr und war abgeschlossen, als ich in Mailand mein Studium begann. Es fehlte nur noch ein Detail: Der Streifen entlang der Seitenpartie. Also brachte ich den Wagen zu einer Lackiererei. Der Eigentümer zeigte mir ein Buch mit allen verfügbaren Streifen. Ich suchte mir eine Variante aus, dann sah er mich an und fauchte: „Hau ab und lass mich in Ruhe weiterarbeiten! Bist du verrückt? Du kannst doch nicht ernsthaft diese Streifen auf deinem Auto wollen, das sieht total falsch aus. Pass auf, lass den Wagen hier und komme in zwei Tagen wieder!“ Was ich nicht wusste, war, dass ich meinen Wagen zum Spezialisten gebracht hatte. Also, zu DEM Spezialisten. Tatsächlich besaß das Lusso-Modell ab Werk spezielle Streifen und der Eigentümer des Lackierbetriebs kannte diese. Er wollte, dass sie 100 Prozent mit dem Original übereinstimmten. Was hätte ich dagegen schon sagen können?

War das tatsächlich der Beginn Ihrer Sammlung?

Ja. Als ich begriff, dass ich ein besonderes Modell besaß, konnte ich es nicht mehr mit gutem Gewissen verkaufen. Ich besitze das Auto heute noch. Mein zweiter Wagen war ebenfalls eher bescheiden, da ich nicht viel Geld besaß. Es war ein Fiat 1100 Ministeriale mit langem Radstand und Faltsitzen im Fond. Wieder ein Restaurierungsobjekt. Der Ministeriale wurde nur in sehr geringer Stückzahl gebaut.

Und wie ging es dann weiter?

Den Großteil meiner Sammlung habe ich über Mund-zu-Mund beschafft. Alle meine Freunde wussten, dass ich nach Fiats, Lancias and Alfas Ausschau hielt. Wenn möglich, außergewöhnliche Modelle. Sobald sie von einem Auto hörten, sagten sie so etwas wie „dieses hier ist interessant: es wurde nur einmal gebaut“ oder „es ist ein sehr spezielles Modell, allerdings in schlechtem Zustand, der niemandem zusagt“. Das war genau das, was ich hören wollte, denn ich konnte diese speziellen Autos meist zum Spottpreis kaufen.

Wann haben sie die meisten Ihrer Autos gekauft, beziehungsweise gefunden?

In den 1990er und 2000er Jahren. Ich nahm 2001 das erste Mal an einem Concours d’Élégance teil, und die Leute erkannten schnell meine Ambitionen und Philosophie und halfen mir, weitere Klassiker zu finden. Einige wollten sogar einfach nur, dass ich ihr Auto kaufe, weil sie wussten, dass es dann in guten Händen sein würde.

Was genau ist Ihre Philosophie?

Ich bin ein Architekt, und ich bin Italiener. Also habe ich eine Passion für italienisches Design und die Personen hinter jedem Entwurf, jeder Zeichnung. Design ist nicht nur eine Frage der Form, sondern auch eine Frage der menschlichen Natur.

Bevorzugen Sie gut erhaltene Klassiker oder eher Restaurierungs-Projekte?

Definitiv gut Erhaltene. Patina ist etwas, das man nur sehr selten findet und unwiderruflich ist. Wenn ich ein Auto restaurieren muss aufgrund seines Zustandes, stecke ich viel Zeit in die Recherche, um zeitgenössische Dokumente aufzuspüren, damit das Ergebnis so nah wie möglich am Original anlehnt. So wie es sich die ursprünglichen Designer überlegt hatten. Und ich versuche immer, möglichst viele Originalteile zu erhalten und restauriere nur das, was unbedingt instand gesetzt werden muss.

Ihre Sammlung beinhaltet heute drei unterschiedliche Themen. Welche sind das?

Von Anfang an galt mein besonderes Interesse den speziellen und einzigartigen Karosserien, für die meine Sammlung bekannt ist. Aber ich besitze auch mehre Serienmodelle mit Fahrgestellnummer 1 sowie die jeweiligen Prototypen einer Serie.

Wenn Sie nur einen Prototypen besitzen dürften, welcher wäre das?

Der Alfa Giulietta Spider Bertone Prototipo. Es ist Franco Scagliones schönster Entwurf, entstanden fünf Jahre vor dem Höhepunkt seiner Laufbahn.

Und, wenn Sie nur eines der Chassis-1-Autos behalten dürften, welches wäre es?

Der Lancia Flaminia Berlina von Carlo Pesenti, der Lancia nach Lancia selbst und vor Fiat besaß.

Und wie sähe es bei den Spezialkarosserien aus?

Ich würde den Lancia Florida Two-Door Pininfarina behalten.

Bereuen Sie etwas?

Nein, ich habe keinen meiner Autokäufe bereut. Ebenso wenig einen Verkauf, schließlich habe ich nie ein Auto verkauft.

Träumen Sie von einem Auto, dass Sie noch nicht in Ihrer Sammlung haben?

Nicht wirklich. Ich kaufe Autos, wenn sich die Gelegenheit bietet – und es mein Budget zulässt. Doch ich muss zugeben, dass mir der Gedanke sehr gefällt, die beiden Lancia Aurelia Vignale aus der Blackhawk Collection in meiner Garage zu sehen.

Es gibt keinen Ferrari oder Maserati in Ihrer Kollektion, jedoch italienische Marken. Warum?

Mich interessieren Form, Design und Person hinter einem Automobil, dafür zahle ich den Preis. Nicht für das Prestige einer Marke.

Wer ist für Sie der beste Designer des 20. Jahrhunderts?

Mario Revelli di Beaumont, der für viele Karosseriebaubetriebe gearbeitet und einige überragende Formen entworfen hat.

Wir sahen viele Ihrer Autos bei verschiedenen Concours d'Élégance. Was ist Ihre Philosophie in Hinblick auf diese Veranstaltungen?

Seit 15 Jahren präsentiere ich meine Autos auf der ganzen Welt. Mein erster Concours war der am Comer See. Mit meinem Alfa Romeo 6C 2500 Villa d’Este Cabriolet gewann ich prompt den Titel Best of Show. Für mich ist jeder Preis eine besondere Anerkennung der Jury aus Experten und wichtigen Personen der Automobilszene. Anerkennung für die Forschungsarbeit an jedem Automobil, jedem Projekt. Ich möchte nicht prätentiös daher kommen, wenn ich meine Autos zeige und Preise einsacke. Ich möchte einfach nur dafür Anerkennung bekommen, dass ich ein Stück italienische Geschichte bewahre – italienische Automobilgeschichte.

Fotos: Rémi Dargegen for Classic Driver © 2015

Die folgenden 12 Klassiker der Lopresto Collection werden bei der Rétromobile 2015 in Paris vom 4. bis 8. Februar ausgestellt:

Lancia Florida 4 Portes Pininfarina Prototype

Lancia Sibilo Bertone

Lancia Aurelia B52 Vignale

Lancia Flaminia Speciale Pininfarina

Alfa Romeo Giulietta Pininfarina Prototype

Alfa Romeo Giulietta Spider Bertone Prototype

Alfa Romeo Praho Touring

Alfa Romeo 2500 SS Bertone

Alfa Romeo 2500 SS Pininfarina

Alfa Romeo 6C 1750 Aprile

Autobianchi A112 Giovani Pininfarina

Osca 1600 GT Touring