Die Höhepunkte der Rétromobile 2015 in Paris

Die Rétromobile in Paris ist schon fast selbst ein Klassiker – in diesem Jahr feiert die französische Messe für Automobile mit Historie ihren 40. Geburtstag. Classic Driver war vor Ort.

Ein wenig sieht man der Retromobile ihr Alter schon an: Von der Decke leuchten in bester Siebzigerjahre-Manier gelbliche Scheinwerfer, die Teppiche haben schon bessere Tage gesehen – und wer sonst bei französischer Küche ins Schwärmen gerät, bringt besser eine Lunchbox mit. Was die Messe allerdings auch in ihrem fünften Jahrzehnt so attraktiv macht, ist die bunte Mischung – von Automobilia-Trödel und Motorteilen bis zu den Multi-Millionen-Klassikern findet sich in Paris eigentlich alles, was das Sammlerherz begehrt. Dafür sorgen nicht nur zahllose Händler, sondern auch die großen Automobilmarken und Auktionshäuser.

Ein Hingucker sind auch die immer sehr phantasievoll kombinierten Sonderausstellungen: So steht neben einem kostbaren und in seinen Dimensionen bereits gewaltigen Bugatti Royale aus der Sammlung Schlumpf ein Tiger-Kampfpanzer aus dem Musée des Blindés de Saumur. Spannend ist auch die Sammlung von Corrado Lopresto mit seinen ungewöhnlichen Einzelstücken aus der italienischen Automobilgeschichte – auch wenn die eleganten Lancias und Alfas am Ufer des Comer Sees doch ein wenig besser zur Geltung kommen. In etwas vorteilhafterem Licht stehen derweil die Klassiker der fast vergessenen Marke Pegaso, die in nur fünf Jahren – zwischen 1951 und 1956 – einige luxuriöse Sportwagen produzierte, die durchaus mit Ferrari, Jaguar und Mercedes mithalten konnten.
Apropos Mercedes – auch die Stuttgarter sind nicht mit leeren Händen nach Paris gekommen; in der Klassikabteilung von Daimler spielt in diesem Jahr das Thema Aerodynamik eine besondere Rolle. Neben einem kaum bekannten 500 K Streamliner hat uns einmal wieder die klare Silhouette der Konzeptstudie C111 begeistert. Ein Jammer, das der Keil nie in Serie gebaut wurde! Bei Bugatti erinnern ein von Paul Née in Paris karosserierter Typ 50 Roadster aus dem Jahr 1931 und ein Veyron 16.4 der „Centenaire Edition“ aus dem Jahr 2009 an die Höhepunkte französischer Automobilkultur, während Peugeot den 50. Geburtstag der von Paul Bouvot entworfenen Erfolgsserie 204 feiert und Renault nicht nur den 60. Geburtstag der legendären „Göttin“ zelebriert, sondern auch einen Ausblick auf die neue Alpine gewährt.
Während man bei den Ausstellungen und Herstellern bloß staunen darf, lässt sich auf den Ständen der Händler zu fast jedem Auto auch ein Preis herausfinden. Mit einem Heimvorteil starten in Paris natürlich die französischen Händler. Classic Spirit präsentiert sich mit zwei wunderbaren Ferrari Daytona, De Widehem zeigt mit einem Ferrari 250 GT Coupé und einem 512 BBi Gespür für die aktuellen Vorlieben der Sammler und Classic Sport Leicht beeindruckt einmal mehr mit seiner 300-SL-Kompetenz – auf dem Stand finden sich nicht nur der blau-weiße Roadster vom Pariser Salon 1958, sondern auch zwei Werks-Flügel aus der Sportabteilung, die einst Sir Stirling Moss durch die Kurven geprügelt hat. Serge Heitz hat sich derweil auf die Zuffenhausener Ikonen spezialisiert: Mehrere Porsche 356 Roadster und ein 356 AT2 von 1958 zogen zahlreiche Besucher an den Stand; ein 1993er Porsche 911 3,8 Liter Turbo S war am zweiten Tag bereits verkauft.
 
Jüngere Renngeschichte hat derweil die Ascott Collection im Angebot: Ein bunt beklebtes Venturi 600 LM Art Car war 1993 bis 1995 in Le Mans gestartet, ein March Porsche 85 G Group C hatte 1986 an der Sarthe einen Klassensieg errungen. Auch bei FA Automobile interessieren sich die Kunden vor allem für einen ehemaligen Werks-Porsche 914/6 von 1971 – Classic Driver hat den Wagen bereits vor der Rétromobile vorgestellt. Und Historic Cars zeigt mit Jack Brabhams Cooper Bristol T40, der berühmten Jaguar C-Type „Tool Room Copy“ und einem BMW 530 Juma Bastos, wie weit das Spektrum der begehrlichen Rennsport-Klassiker sein kann. 
Autos mit ganz besonderer Geschichte findet man derweil bei Movendi: Am Steuer des Porsche 906 Carrera 6 hat Jo Siffert im Jahr 1967 in Monza einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt, der Maserati Sebring wurde 1963 bei Vignale als Einzelstück für Commendatore Bompani karosseriert. Einige Schritte weiter bei Thiessen würden wir uns ohne zu zögern für einen 1972er Maserati Ghibli SS in bronze-metallic entscheiden, während uns bei Opus die Wahl zwischen einem unrestaurierten Lancia Stratos Stradale von 1976 im blauen Originallack und einem bei der Rallye Monte Carlo angetretenen Porsche 911 Carrera RS 2.7 schon deutlich schwerer fallen würde. The Gallery Brummen zeigt das Spektrum seines Angebots mit Ferrari Daytona und F40 sowie Lamborghini 400 GT. Bei HK Engineering teilt man sich derweil einen Stand mit Premiumfahrzeug – Erstere setzten auf gewohnte SL-Qualität, während Zweitere einen Porsche 550 Spyder von 1955 präsentieren. 
 
Große Ikonen haben vor allem auch die britischen Händler im Gepäck: Auf dem eindrucksvollen Stand von Fiskens kann man sich entscheiden, ob man seine Millionen lieber in einen Ferrari 250 GT California Spider, einen Aston Martin DB4GT, einen Martini-Porsche 3.0L RSR Prototype oder eine Pegaso Touring Berlinetta investieren möchte, während wir uns nebenan bei JD Classics gar nicht zu fragen trauen, was der graue Jaguar XKSS kosten sollte, neben dem sogar Ikonen wie Ferrari 275 GTB und Dino verblassen. William I’Anson hatte sein Geschäft derweil bereits am zweiten Tag gemacht – und einen neuen Besitzer für seinen Bugatti Brescia gefunden. 
Mehr Museum als Verkaufsstand ist auch die Präsenz von Lukas Hüni, der neben einem halben Dutzend historischer Bugatti auch große Karosseriebau-Kunst von Talbot-Lago und Hispano-Suiza in Szene setzt. Und wer sich für die Sportwagen-Duelle der 1980er und 1990er Jahre interessiert, findet bei Peter Wiesner alle wichtigen Modelle für ein „Remake“ – Ferrari Testarossa und F40, Bugatti EB110, nur schade, dass der passende Lamborghini Countach schon verkauft ist.
 
Fotos: Rémi Dargegen for Classic Driver © 2015