Ferrari World Design Contest 2011: Die Zukunft ist rot

Drei Studenten aus Südkorea haben den Ferrari World Design Contest gewonnen – ein Symbol für die Öffnung der italienischen Traditionsmarke. Man sucht nach neuen Märkten und Ideen.

 

Kim Cheong Ju, Ahn Dre und Lee Sahngseok von der Hongik Universität in Seoul sehen aus, als hätten sie die letzten zwei Wochen nicht mehr geschlafen. Übernächtigt, aufgeregt, und sichtlich stolz präsentieren sie den Eternità – ihren futuristischen Entwurf für den Ferrari des Jahres 2025, mit dem sie gerade einen der glamourösesten Preise im Automobildesign gewonnen haben. Für die drei bubenhaft grinsenden Studenten geht ein Traum in Erfüllung: 50 Design-Hochschulen aus aller Welt hatten sich im letzten Jahr beworben, sieben Teams schafften es in die Vorauswahl. Nun werden die Koreaner offiziell ausgezeichnet – noch vor den Studenten des renommierten IED in Turin und des hochangesehenen Royal College of Arts in London. Hunderte Journalisten aus aller Welt sind eigens für die Preisverleihung eingeflogen, Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo schüttelt Hände und auch Formel-1-Weltmeister Fernando Alonso klopft anerkennend auf Schultern.

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„Wir wollen die Fenster von Maranello zur Welt hin öffnen“, erläutert Montezemolo. „Und wir wollen die kreative Energie der kommenden Generationen fördern.“ Vor dem Hintergrund der aktuellen Schlagzeilen und Titelblätter, die Italien als absurd-tragisches Berlusconistan am ökonomischen Abgrund zeichnen, deutet die Botschaft über die Grenzen des Designwettbewerbs hinaus. Montezemolo setzt auf Optimismus. Und tatsächlich könnte die Sportwagenmarke Ferrari, die in diesem Jahr Rekordgewinne erwartet und auf 58 Märkten weltweit vertreten ist, als Vorbild für einen gelungenen italienischen Spagat stehen: Zwischen regionaler Verwurzelung und Traditionsbewusstsein auf der einen Seite, Jugendförderung und internationale Konkurrenzfähigkeit auf der anderen.

 

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Vor einem Jahr hatte Montezemolo zusammen mit dem damals frisch von Volkswagen nach Maranello gewechselten Designchef Flavio Manzoni den Wettbewerb ins Leben gerufen. Nicht weniger als ein Hypercar für das dritte Jahrtausend habe man gesucht, erklärt Manzoni. Und die Anforderungen des Design Contest hätten durchaus den grundsätzlichen Rahmenbedingungen einer tatsächlichen Modellentwicklung entsprochen. Neue Technologien und Materialien sollten einbezogen werden, und auch die Reduktion des Benzinverbrauchs durch Hybridantrieb und Leichtbau stand im Pflichtenheft der Studenten. Nach einer ersten, zweidimensionalen Konzeptionsphase entstanden die dreidimensionalen Entwürfe in einem 3D-Computerprogramm von Autodesk. Der amerikanische Software-Riese stattet Architekten und Designer weltweit mit CAD- und Animationsprogrammen aus, auch James Camerons Film Avatar entstand mithilfe der Simulationssoftware. Beim Ferrari Design Contest 2011 war Autodesk erstmals als Technologiepartner beteiligt und in der Jury vertreten – Studentenförderung ist schließlich auch Kundenbindung.

 

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Den Juroren ging es bei der Bewertung jedoch nicht nur um die Finesse der Studenten bei der Software-Beherrschung, sondern auch um Teamwork und natürlich auch um Augenmaß und Perfektion bei der Ausarbeitung der Modelle im Maßstab 1:4. „Es gibt keine Software, die das handwerkliche Geschick ersetzen könnte“, mahnt Manzoni die Studenten. „Allein die Aerodynamik“, so der Chef des Centro Stile, „ist heute eine fast esotherische Wissenschaft.“ Wichtig sei zudem, den Designprozess als anspruchsvolles Forschungsprojekt zu verstehen, in das man sein Herzblut investieren müsse – mit bloßem Styling habe das nicht viel zu tun. Dennoch, so Montezemolo, müsse ein Ferrari sein wie eine „bella donna“, eine schöne Frau, die man ins Auge fasst. Italien bleibt sich treu.

 

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Neben neuen Talenten sucht Ferrari bei diesem Design Award natürlich auch nach neuen Ideen. „Es sind super-super-super-sportive Ansätze unter den Entwürfen, die wir aufmerksam studieren werden“, kündigt Montezemolo an. Das fast alle der ausgestellten Modelle an der Keilform und dem feuerroten Lack festhalten, täuscht nur im ersten Moment: Tatsächlich haben die Studenten einige durchaus innovative Lösungen entwickelt. Die Öffnung für Inspiration von außen stimmt auch mit der neuen Rolle des Centro Stile, des internen Designstudios von Ferrari, überein. Zwar soll die langjährige Zusammenarbeit mit Pininfarina fortgesetzt werden, doch die großen Innovationen und eine stärkere Diversität des Modellprogramms, die Montezemolo in den nächsten vier bis fünf Jahren erwartet, fordert auch eine starke Design-Unit in Maranello. Verschiedene Ferrari für verschiedene Ferraristi, heißt die interne Devise. Der Ferrari FF ist das beste Beispiel. Zudem müssen Spezialversionen wie der Ferrari SA Aperta, die zukünftig eine wichtigere Rolle spielen, betreut werden. Und auch das Merchandising, eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle, braucht stilistische Führung.

 

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Auch technologisch hat Ferrari einiges vor: Der Nachfolger des F599 GTB Fiorano soll mit Hybridantrieb verfügbar sein. Sind auch rein elektrische Antriebe geplant? „Ich glaube nicht an Elektroautos“, sagt Montezemolo, „da sie der Umwelt nicht nachhaltig helfen. Ich glaube an den Hybrid – und wir werden den schnellsten der Welt bauen.“ Die Umwelt sei wichtig, aber auch der Hedonismus sei schützenswert. Bei der Umsetzung dieser Pläne will Montezemolo nun auch Design-Impulse aus Asien berücksichtigen – schließlich wird China im kommenden Jahr voraussichtlich zum zweitwichtigsten Markt für Ferrari aufsteigen. Und so ist es auch keine Überraschung, dass der Spezialpreis für die überraschendste technische Lösung an die Studenten der chinesischen Jiangnan Universität verliehen wird. Der Fokus verschiebt sich nach Osten. Gut möglich, dass die Ferrari der Zukunft nicht mehr Superamerica oder California heißen, sondern Superkorea oder Shanghai.

Text: Jan Baedeker
Fotos: Jan Baedeker, Ferrari