Der Bugatti Centodieci ist eine einzige Hommage an den EB110 SS

Chris Hrabalek, Autodesigner, Supersportwagen-Kenner und regelmäßiger Classic Driver-Konsulent erklärt, warum Bugattis jüngstes Modell zu nicht weniger als 110 Prozent ein Molsheim-Vollblut ist…

Jeder, der einmal den Auftrag bekam, die Hommage an eine automobile Ikone zu erschaffen kann sicher ähnliche Geschichten erzählen. Die Herausforderung ist vergleichbar mit dem Versuch, einem Nummer Eins-Hit oder einem Kino-Kassenschlager einen zweiten Volltreffer folgen zu lassen. Übertragen auf das Automobildesign kommt dies einem Balanceakt auf Stacheldraht zwischen zwei Wolkenkratzern gleich – einer nennt sich „langweiliges Facelift”, der andere „Typennamen-Alibi“.

Der nur wenige Stunden vor dem Pebble Beach Concours d’Elegance bei The Quail enthüllte Bugatti Centodieci – italienisch für „110” – ist eine auf zehn Exemplare limitierte Hommage. Sie bewältigt diesen Balanceakt spielerisch, eine schlicht wunderbare Leistung. Ein passendes Prädikat, erweist das Fahrzeug doch einem früheren automobilen Wunderwerk aus gleichem Hause Referenz: dem Bugatti EB110.

In perfekter Synchronisation mit Bugattis 110. Geburtstag, rekurriert der „110” auf die legendäre Supersport-Version des EB110 – vom früheren Bugatti-Patron Romano Artioli 110 Jahre nach Ettore Bugattis Geburtstag vorgestellt. Anstelle des von vier Turboladern unter Volldampf gesetzten V12 des EB arbeitet im Centodieci eine auf 1.600 PS gekitzelte Version des Achtliter-W16-Triebwerks mit ebenfalls vier Turbinen. Das Preisschild weist acht Millionen Euro plus Mehrwertsteuer aus, doch längst sind alle zehn Exemplare verkauft.

Stilistisch betrachtet, nimmt das neue Auto viele subtile und auch weniger subtile Elemente des Vorgängers auf: Eine direkte Verbeugung ist die weiße Lackierung des Showcars. Die sich nämlich damals genauso auch an Artiolis EB110 SS Vorführwagen fand. Die Herausforderungen beim Design des neuen Modells beschreibt Bugattis Designdirektor Achim Anscheidt wie folgt: „Der EB110 war ein sehr flacher und keilförmiger Entwurf, ein sehr graphisches Design. Diesen klassischen Look - ohne ihn zu kopieren - neu zu interpretieren, war komplex, um es gelinde auszudrücken.” 

Während alle Bugatti Designs aus jüngerer Vergangenheit, vom Chiron und dem Divo bis zum La Voiture Noire eine Teamleistung waren, griff Anscheidt beim Centodieci persönlich zu seinen Buntstiften. Für ihn war der EB110 schon zu Jugendzeiten DAS Posterauto unter den Supersportwagen – daher jetzt auch sein Antrieb, beim Revival dieser magischen automobilen Kreatur die führende Rolle zu übernehmen. 

Sammler und automobile Investoren haben gleichermaßen und schon lange den Bugatti EB110 als „den nächsten McLaren F1” identifiziert. Nachdem er binnen zehn Jahren einen Wertzuwachs von im Schnitt unter 200.000 Euro auf über zwei Millionen Euro verzeichnen konnte, erscheint es angesichts ähnlich kleiner Stückzahlen nicht ausgeschlossen, dass der Bugatti zum „Big Mac” im nächsten Jahrzehnt aufschließen könnte.

Und lassen Sie sich nicht täuschen: Auch der Centodieci ist, wie sein Namensvetter EB110, zu 110 Prozent ein Bugatti.

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2019