Ein himmelblauer D-Type und wie ich lernte, diesen legendären Jaguar-Rennwagen zu lieben

Der größte Jaguar-Rennwagen aller Zeiten? Unser Stellvertretender Chefredakteur Tim Hutton hat seine Meinung geändert, seit in dieser Woche plötzlich ein wunderbarer blauer Jaguar D-Type in den Classic Driver Markt rollte.

C-Type oder D-Type? Wie oft habe ich mit Freunden über diese große Frage diskutiert. Ich persönlich bevorzugte die puren Formen des C-Type, weil er optisch gelungen die Grenze zwischen Straßen- und Rennwagen verwischt. Ganz anders als der düster-launische D-Type.  Doch dann entdeckte ich im Classic Driver Markt diesen grandiosen Jaguar D-Type aus dem Jahr 1955, der aktuell von Jarrah Venables angeboten wird

Als Erstes sorgt natürlich dieses zarte Blau der Lackierung für Schnappatmung. British Racing Green ist die legendäre Farbe Jaguars und erinnert an die Ursprünge dieses Autos. Aber der klassische Ton versteckt auch diese exorbitanten Kurven, die doch eigentlich zur Schau gestellt werden sollten. Geparkt und ruhend sieht dieser Jaguar schon schnell aus. Allein die Art, wie die Räder in den großen Bogen der Kotflügel eingebettet sind! Dieser Rennwagen erfordert einen Ehrenplatz im Wohnzimmer, um stundenlang andachtsvoll studiert zu werden. 

Im Gespräch mit Jarrah Venables merke ich rasch, dass dieses Auto nicht nur für Showauftritte gedacht ist. Denn in den letzten Jahren hatte Jarrah das Vergnügen, mit dem Jaguar im Auftrag des Eigners in Spa, Montlhéry und Le Mans an den Start zu gehen. Wie muss das sein, einen D-Type auf der Mulsanne-Geraden zu fahren? „Es ist erstaunlich. Zunächst denkt man: O Gott, wie furchterregend! Aber dann macht er einem keine Angst. Ehrlich, ich habe die Geschwindigkeit gar nicht bemerkt. Erst als ich das Video sah, dachte ich mir: Wow, diese Bäume fliegen wirklich schnell vorbei. Ich fragte dann den Mechaniker: Auf was ist der D-Type ausgelegt? Und er antwortete mir: Ach, ungefähr 290 Stundenkilometer.“ Kein Wunder, dass die Bäume derart vorbeirasten. Jarrah erzählt: „Es hört sich zwar lächerlich an, aber es war selbst bei Top Speed entspannend. Zumindest auf dem glatten modernen Le Mans-Kurs. Du fühlst dich, als könntest du nebenbei eine Zigarre rauchen und lässig einhändig fahren.“

Obwohl Le Mans und der D-Type zueinander gehören wie Zwillinge, gibt es doch einen Aspekt in der Historie dieses Rennwagens, der wirklich interessant ist – denn er hat einen Großteil seines Lebens in einem weitaus sonnigeren Klima verbracht. Der Wagen mit Chassisnummer XKD 545, unter der er heute noch bekannt ist, war Jaguars berühmtem US-Händler Max Hoffmann zugeteilt worden. Hoffmann haben wir also die umwerfende Konfiguration von Pastel Blue mit blauem Lederinterieur zu verdanken! Innerhalb von wenigen Monaten wurde das Auto an seinen ersten Besitzer verkauft, der damit sofort bei den 12 Stunden von Sebring antrat. Der D-Type lief gut, musste sich aber nach 120 Runden wegen Bremsenproblemen aus dem Rennen verabschieden. Übrigens saß 1956 kein geringerer als Briggs Cunningham für einen Medientag hinter dem Steuer. Man stelle sich vor: Ein Hot lap mit Briggs in einem D-Type!

George Constantine, Rennfahrer der US-Motorsportvereinigung SCCA, war der nächste Besitzer und startete mit wesentlich mehr Erfolg bei SCCA-Rennen. Was Constantine dann im Dezember 1956 anstellte, macht die Geschichte dieses Exemplars nochmal fesselnder: Er verschickte XKD 545 nach Nassau auf den Bahamas, um an der dritten, alljährlich stattfindenden International Bahamas Speed Week teilzunehmen. Er wählte zwei Rennen, die Governor's Trophy und die Nassau Trophy. Bei beiden erzielte er den fünften Platz im Gesamtklassement. Seine Ehefrau Mary wurde Sechste im Ladies Race. 

Die karibische Speed Week war einer jener typischen Events zum Ende der Saison, die von einem besonders romantischen Charme belebt war. Zu den Rennfahrern gehörten Stirling Moss, Colin Chapman, Carrol Shelby, Briggs Cunningham, Luigi Chinetti und andere illustre Teilnehmer. Man kann sich vorstellen, wie sie bei Sonnenuntergang an der Bar sitzen, Geschichten austauschen, entspannen und Pläne für das neue Jahr 1957 schmieden. Nur zu gern wäre man damals eine Fliege an der Wand gewesen. Und erst der Anblick des D-Type in Pastel Blue, der im Hafen von Nassau vom Schiff rollt, um bei der Speed Week unter Palmen zur Ziellinie zu jagen. 

Nach dieser lebhaften Karriere wird der als XKD 545 bekannte Jaguar D-Type heute in bestem Zustand angeboten, denn das Exemplar wurde – ohne Kosten zu scheuen – rundum gewartet und gepflegt. Beim Motor handelt es sich um ein jüngst neu aufgebautes 3.4-Liter-Aggregat in Schmalwinkel-Konstruktion. Im Gepäck hat das Auto auch noch ein großzügiges Ersatzteilpaket, zu dem ein wenig genutzter Weitwinkelmotor mit 3.4-Liter Hubraum zählt, ein weiterer, nicht vollständiger Motor, die Originalkarosserie, die ursprüngliche Motorhaube und Tür, ein eng abgestuftes Schaltgetriebe sowie die Heckachse und einiges mehr. Mitgeliefert wird auch eine umfangreiche Dokumentation zu seiner faszinierenden Historie. Auch wenn der künftige Besitzer nicht auf den Bahamas wohnt, ist der D-Type fahrbereit für die Landstraße wie für den Rennkurs. Vor diesem Hintergrund muss ich Jarrah unbedingt noch einen Frage stellen: Wie fährt sich dieser Jaguar denn auf der Straße? „Erst als wir kürzlich für die Fotos in den Cotswolds unterwegs waren, hatten wir Referenzpunkte für die Rasanz. Es fühlt sich nicht schnell an, aber dann gibt man im zweiten oder dritten Gang einen Schub Gas und sieht schlagartig, wo die Nadel im Tacho steht!“

Fotos: Alex Penfold © 2020

Noch mehr über diesen wunderbaren Jaguar D-Type erfahren Sie im Classic Driver Markt.