Wie der Lamborghini Diablo GT1 zum Tanz mit dem Teufel bat

Wäre Lamborghini in den 1990er Jahren nicht so knapp bei Kasse gewesen, dieser Diablo GT1 hätte sich wohl gegen McLaren F1 GTR und Porsche 911 GT1 behaupten können. So bleibt das spektakuläre Homologationsmodell bis heute die radikalste Inkarnation eines Renn-Lamborghini.

Der Lamborghini Diablo GT1 Stradale verkörpert wirklich alles, wofür Lamborghini steht. Ein hellgelber Kraftprotz-Keil, der sich zu seiner Zeit mühelos einen Platz an der Schlafzimmerwand der meisten Teenager gesichert haben dürfte. Das ultraflache Geschoss war, wenn man so will, das letzte Aufbäumen der Marke, ehe Audi die strauchelnde Marke Lamborghini vor dem finanziellen Kollaps bewahrte und in gründlich deutscher Manier das Steuer nochmal herumwarf. 

Die Renaissance der Sportwagenrennen Mitte der 1990er Jahre erinnerte viele Hersteller an die Werbe- und Marketingeffekte, die Einsätze mit hochgerüsteten GT-Prototypen mit sich bringen konnen. Unter den interessierten Marken war auch Lamborghini, zumal man mit dem Diablo das ideale Modell in den Startlöchern wähnte. Wobei dies streng genommen nicht ganz zutraf. Denn was Sie hier sehen, ist keineswegs ein waschechter Diablo. Das Auto mag zwar mit seiner keilförmigen Karosse dem Supersportwagen ähneln, doch abgesehen vom Motor war alles neu. Inklusive der aus Kohlefaser gepressten Karosserieteile. Signes Advanced Technology (SAT), ein Spezialist zur Vorbereitung von Rennwagen aus Toulon in Frankreich, wurde mit dem Aufbau des Biests betraut. Dessen Herzstück war ein mit mehr Hub und modifizierten Einspritzdüsen beglückter Lamborghini V12 – ein Motor, der in nochmals schärferer Ausführung später im Diablo GT und in den 6.0-Liter-VT-Modellen auftauchte. Er schüttelte furchteinflößende 655 PS aus dem Kurbeltrieb, was in Kombination mit einem Gewicht von knapp über einer Tonne ein Fahrerlebnis erzeugte, das dem Styling in keiner Weise nachstand. 

Die neue Kohlefaser-Hülle hob sich dramatisch vom Serienmodell ab, mit aggressiven, tief heruntergezogenen Spoilern vorn wie hinten sowie einem vom Dach extrem nach hinten gezogenen Langheck. Wären da nicht die beiden riesigen Lufteinlässe für den Motor und den Diffuser – selbst ein Helikopter hätte wohl auf dieser riesigen Abdeckung landen können. Im Interieur fand sich eine Mixtur aus Lamborghini-Alcantara und Motorsport-Teilen – wie die den Einstieg behindernden Streben des Überrollkäfigs, die an den McLaren F1 gemahnende Pedalbox und das frei liegende Schalthebelgestänge. Dieser GT1 mag niemals ernsthaft ein Rad auf der Rennstrecke gedreht haben, doch hat er zweifellos seine spirituelle Heimat (leider) nie gesehen.

Lamborghinis Anteil an dem Projekt bestand auch darin, das Auto durch das italienische Verkehrsministerium und natürlich durch die FIA homologieren zu lassen. Und tatsächlich gelang die Zulassung. Doch weil sich das Top-Management plötzlich nicht mehr dafür erwärmen konnte, weiterhin Geld in das Rennprojekt zu pumpen, wurde es ruckzuck wieder eingestampft. Am Ende wurden nur zwei Modelle gebaut: Das gelbe „Stradale“-Modell, das bei SAT verblieb und für Ausstellungszwecke genutzt wurde, und ein nach Japan geliefertes Schwestermodell, das dort mehrere Jahre lang in der hartumkämpften JGTC-Serie zum Einsatz kam. Diesem Diablo wurde sogar die Ehre zuteil, als erster Lamborghini im kultigen Konsolespiel Gran Turismo auftreten zu dürfen. 

Ob der Wagen bei einem „grünen Licht“ des Vorstands tatsächlich wettbewerbsfähig gewesen wäre, werden wir nie erfahren. Schade, ein Duell gegen die Porsche 911 GT1 und die McLaren F1 GTR mit Langheck wäre ein Leckerbissen gewesen, verfolgten doch diese Modelle ähnliche Konstruktionsprinzipien. Fakt bleibt: Dieses Auto war weit mehr als nur ein modifizierter Diablo. Die todgeborene Evolution zeigte, was noch möglich gewesen wäre in der Vor-Audi-Zeit – ein finales Statement für einen Independent-Lamborghini in seiner extravagantesten Ausprägung.  

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Federico Bajetti © 2016