Und Sie dachten, der schönste Aston Martin aller Zeiten sei der DB5?

Wer denkt, der DB4 sei der erste Aston Martin mit einer italienischen Karosserie, der irrt! Schon vier Jahre zuvor bat der amerikanische Visionär „Wacky” Arnolt das Designstudio Bertone, einige DB 2/4 einzukleiden. Der Roadster, der so entstand, gehört zu den großen Schönheiten von Aston Martin.

Stanley Harold Arnolt II, seinen Freunden als „Wacky bekannt”, liebte in den frühen Fünfzigern zwar die britischen Sportwagen, fand aber, dass sie im Vergleich zu ihren dramatischen italienischen Zeitgenossen ein wenig bieder wirkten. Der junge US-amerikanische Unternehmer, der sich für den Verkauf britischer Autos in seiner Heimat stark machte, schmiedete eine intensive Beziehung zu Nuccio Bertone und dem Unternehmen dessen Vaters. Denn er hatte von Bertone eine große Zahl an MGs mit Sonderkarosserien bestellt, die 1952 auf dem Stand der Turiner Automesse zu sehen waren.

Verlässliche und robuste britische Technik trifft auf die emotionale Kraft italienischen Designs: Arnolt war von diesem Erfolgsrezept so begeistert, dass er auch Aston Martins Firmenchef David Brown als Vertreter der klassischen britischen Automobilschule davon überzeugen wollte. Er bestellte sechs fabrikneue Chassis des Aston Martin DB 2/4, die direkt zu Bertone in Turin geschickt werden sollten, um dort von Franco Scaglione, dem talentierten jungen Designer der Carrozzeria, überarbeitet zu werden. Zu diesem Zeitpunkt war der Jungstar gerade dabei, für Alfa Romeo die ultra-aerodynamischen „BAT”-Fahrzeuge zu zeichnen - vielleicht die verrücktsten und innovativsten Concept Cars, die je ersonnen wurden.

Drei der acht DB 2/4-Chassis erhielten elegante Roadster-Karosserien, darunter Chassis LML/505, das man auf unseren Fotos bewundern kann. Es war auch das einzige Exemplar, das nach „Deluxe-Spezifikationen” gebaut und mit seitlichen Screens, verchromten Stoßfängern, Drahtgitter-Kühlergrill und einem faltbaren Stoffdach ausgestattet wurde. Die Ausstattung sollte speziell David Brown davon überzeugen, welches Potenzial im britischen Sportwagen steckte. Das Auto wurde sofort auf der MV Britannic in die USA verschifft, denn bei der New York Motor Show von 1954 sollte auch Brown, der in Amerika Motorsporttermine hatte, einen Besuch machen. Arnolt hatte nichts unversucht gelassen, um bei Brown Eindruck zu schinden: Sogar die legendären Aston Martin-Flügel ließ er an der vornehmen, an den DB3S erinnernden Nase anbringen. Aber seine Bemühungen sollten umsonst gewesen sein. Angeblich soll David Brown den außergewöhnlichen Bertone Spyder nur eines kurzen Blickes gewürdigt haben. Die Ironie der Geschichte will es, dass Aston Martin nur vier Jahre später die Carrozzeria Touring in Mailand bat, ein Kleid für den neuen DB4 zu schneidern. Womöglich hatte Wacky doch den richtigen Riecher gehabt.

Im Scheinwerferlicht des Showrooms von JD Classics in Mayfair stellt die in „Chichester Blue” strahlende Schönheit selbst den wunderbaren Aston Martin DB5 Vantage in den Schatten. Der Roadster ist geradezu schmerzhaft schön, mit einer prononcierten Schulterlinie, die scharf genug ist, um eine Scheibe Brot zu schneiden und mit einem kurzen, kecken Heckschwung nach oben – ein optisches Echo der Nase. Das eng anliegende Interieur ist mit den damals noch ungewöhnlichen Sportschalensitzen genauso bemerkenswert wie das Lenkrad von Nardi, das die dreieckig angeordneten Anzeigen einrahmt.

Auch im heutigen London müsste die Anziehungskraft dieses speziellen Aston Martin so überwältigend sein wie 1954. Selten haben so viele Leute in kürzester Zeit ihre Handykamera gezückt. Selbst beim Wachwechsel vor dem Buckingham Palace folgen mehr Augen dieser brabbelnden blauen Beauty, als den vielen Reiseleitern lieb sein konnte. Andere Autofahrer verzichten großzügig auf ihr Vorfahrtsrecht. Der Hyde Park Corner ist normalerweise eine Herausforderung für jeden Piloten. Aber diesmal nicht, weil der Verkehr wie auf Samtpfötchen bewundernd um dieses einzigartige Auto streicht.

Auch wenn David Brown an diesem Tag in New York im Jahr 1954 vom Bertone Spyder überwältigt gewesen wäre und sofort das Gespräch mit Arnolt und Bertone gesucht hätte: Kaum vorstellbar, dass Scaglione und sein Team den glanzvollen LML/505 übertroffen hätten. Weil der Spyder von Hand aufgebaut wurde, ist er nicht frei von winzigen Fehlern, aber dennoch nahezu makellos. Der Reiz dieses Roadster besteht in seiner Einzigartigkeit, denn es wurde nur ein Aston Martin mit dieser speziellen Karosserie gebaut. Damit reiht das Unikat sich in die legendäre Historie der Marke ein, und erinnert zugleich an das, was hätte sein können.

Fotos: Adam Tait / Stoked Up für Classic Driver © 2016