Dieser Vogelkäfig-Maserati gefiele sicher auch dem Weihnachtsmann

Viele halten den Maserati Tipo 60/61 „Birdcage“ für einen der ikonischsten Sportprototypen aller Zeiten. Der als Antwort an die Heckmotor-Revolution gebaute Nachfolger T63 genießt nicht diesen Ruhm. Ist aber ein wunderbarer Fall dafür, was hätte sein können...

Die Geschichte des Maserati „Birdcage“ (zu deutsch: Vogelkäfig), speziell die der späteren Modelle mit Heckmotor, ist geheimnisumwoben. Nicht zuletzt bedingt durch die finanziellen Probleme der späten 50er- und frühen 60er-Jahre, die zu einer zunehmend chaotisch geführten Rennsportabteilung führten. Da wurden Ersatzteilkisten geplündert, Chassisnummern getauscht und gewisse Autos so maskiert, das sie einem anderen Modell glichen. Speziell die Geschichte des ersten Tipo 63 Testautos von Giulio Alfieri, das einen Großteil seines Autolebens auf einem Schottplatz verbrachte, ist fast unglaublich

Alfieris Antwort

Was wir jedoch definitiv über diese automobilen Schätze wissen, ist ihr (leider dann nicht) voll abgerufenes Potential. Inspiriert von der Heckmotor-Revolution, die - angezettelt von den britischen Garagisten – die Motorsportwelt über Nacht auf den Kopf stellte, passte Ingenieur Alfieri (1924-2002) das Tipo 61-Chassis auf den Einbau eines Heckmotors an. Und baute damit einen der ersten italienischen Mittelmotorsportwagen. Während eine Handvoll mit dem ursprünglich für den 250 F-Monoposto vorgesehenen V12 bestückt wurden, erhielten frühe Modelle wie hier, einen drehmomentstarken 2,8-Liter-Vierzylinder, ganz ähnlich dem aus dem Tipo 61.

Automobiles Vogelhaus 

Der Tipo 63 wurde mit einer rudimentären, hauchdünnen Aluminium-Haut überzogen, die heute noch genauso polarisiert wie damals. Doch je länger man sich das Auto betrachtet, desto mehr Sinn macht es. Die riesige und sehr flache Cockpitkanzel geht organisch in den sinnlichen Karosseriekörper über. Und als Spezialität an diesem speziellen Auto krönt eine haifischflossenartige Finne die hinter dem Piloten angebrachte Kopfstützenverkleidung. Die transparente Verkleidung gewährt einen fast schon unanständigen Einblick in die Eingeweide des Chassis. Wer sich je fragte, woher der Kosename „Vogelkäfig“-Maserati stammt, erfährt nun Aufklärung. Ironischerweise schaut das filigrane Gitterrohrrahmenskelett zu dieser Jahreszeit eher so aus wie der Schlitten von Santa Claus. Seine Geschenke dürfte der weißbärtige Mann im roten Gewand wohl kaum in dieser kleinen Höhle unterbringen – doch einer vorweihnachtlichen Spitztour im Tipo 63 wäre er sicher nicht abgeneigt...

Zweiter Wind

Ohne das nötige Budget für einen echten Werkseinsatz verkaufte Maserati die Tipo 63 an drei Privatteams, darunter die Scuderia Serenissima des Grafen Volpi. Unter dessen Bewerbung lief auch dieses Exemplar mit Chassisnummer 63.004. „Graf Volpi war sehr designorientiert. Seine Autos sollten nicht nur schnell sein, sondern nach außen wie Meisterstücke wirken“, erklärt Egon Zweimüller, der sich im Auftrag des Besitzers um den Birdcage kümmert und uns freundlicherweise den Fototermin verschaffte. „Ein wenig inspiriert vom Jaguar D-type, ließ er bei Fantuzzi die Bugpartie verlängern und für einen besseren Geradeauslauf bei hohen Geschwindigkeiten die Heckfinne montieren.“ Maserati zeigte das Auto sogar auf seinem Stand in Genf, was für einen Rennwagen eine echte Ehre war.

Während als einziges nennenswertes Resultat einer flüchtigen Rennkarriere ein fünfter Platz bei der Targa Florio von 1961 heraussprang (ein weiterer Tipo 63 lief sogar auf Platz vier ein), erreichte ein Tipo 63 des Teams um Briggs Cunningham, diesmal angetrieben von einem V12, in Le Mans Platz vier – das beste Resultat, das Maserati jemals in der Sarthe erreichte. Danach feierten die Autos noch einige schöne Erfolge in den USA; ehe sie vom kürzeren Tipo 64 abgelöst wurden. In den Händen seines aktuellen Besitzers tauchte 63.004 bereits wieder bei verschiedenen historischen Meetings auf, darunter am Nürburgring und in Laguna Seca. Zugleich gab er einen glanzvollen Auftritt beim diesjährigen Concours of Elegance im Hampton Court. „Das Auto trägt seine originale Karosserie, den Motor, das Chassis und die Aufhängungen“, betont Zweimüller. „Wir wollen den Birdcage in den kommenden Jahren öfter statisch und auch dynamisch zeigen. Das ist ein Kriegspferd, und es wäre eine Schande, es immer nur im Stall stehen zu lassen.“ Hört, hört!

Was hätte sein können...

Am Ende beschnitten das diffizile Fahrverhalten, die mangelnde Zuverlässigkeit und die fehlende Weiterentwicklung das Potential des Maserati Tipo 63. Ohne Zweifel war er auch über lange Distanzen ein sehr schnelles Auto, speziell mit dem V12 im Rücken. Doch werden wir nie wissen, wie erfolgreich er mit einem soliden Finanzgerüst im Rücken gewesen wäre. Oder mit mehr Erfahrung im Einsatz von Heckmotorwagen. Heute steht das Auto sinnbildlich für eine wechselvolle Ära Maseratis. Und zu dieser Zeit des Jahres taugt er allemal dazu, etwas automobile Freude in die Welt zu tragen. Rentiere ziehen seinen Schlitten, doch vielleicht hat der Weihnachtsmann ja doch einen Trick verpasst? 

Fotos: Stefan Bogner für Classic Driver © 2017

Die definitive Geschichte der Maserati Birdcage mit Heckmotor erzählt eine Autorität der Marke, Willem Ooshoek, in seinem 335 Seiten starken Prachtwerk Birdcage to Supercage. Sie können ein Exemplar hier erwerben.

Alternativ finden Sie eine breite Auswahl an klassischen und modernen Maserati im Classic Driver Markt gelistet.