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Dieser Shooting Brake gehörte dem ungekrönten König Italiens

Pininfarina kreierte Fiat 130 in den verschiedensten Formen und Farben. Der Shooting Brake Maremma auf Basis des eleganten Coupés verzückte 1974 das Messepublikum – und den Fiat-Patron Gianni Agnelli, der sich wenig später eins der drei Exemplare sicherte.

 

1969 brachte Fiat den 130 heraus, mit dem die Turiner an alte Zeiten anknüpfen wollten. Denn in seinen Anfangsjahren war Fiat ein veritabler Luxushersteller gewesen, dessen leistungsstarke Modelle bis in die Zwanzigerjahre zum Feinsten zählten, was die italienische Autoindustrie zu bieten hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich der Fokus: Nun galt es vor allem, die kriegsgebeutelten Italiener mit erschwinglichen Brot-und-Butter-Autos und kompakten Sportwagen zu versorgen. Ganz aufgegeben wurden die gehobenen Segmente deshalb aber nicht – in den späten Fünfziger- und Sechzigerjahren hielten die Sechszylinder-Limousinen 1800 und 2300 im automobilen Oberhaus die Flagge hoch, auch wenn sie außerhalb Italiens absolute Exoten blieben.

Mit dem 130 sollte nun alles anders werden: Die Limousine sollte sich auf dem internationalen Parkett gegen die deutsche, britische und französische Konkurrenz behaupten – und zugleich die italienische Regierung mit repräsentativen Dienstwagen versorgen.

 

Wie seine Vorgänger war auch der Fiat 130 von Pininfarina entworfen worden. Sowohl die Limousine als auch das 1971 nachgeschobene Coupé, das aus der Feder von Paolo Martin stammt. Der Zweitürer gilt unter Kennern heute als unterschätzter Designklassiker, der mit seiner schnörkellosen Linienführung und zurückhaltenden Eleganz begeistert. Für italienische Verhältnisse war das Coupé mit seinen 4,84 Metern aber auch ausgesprochen groß.

Pininfarina experimentierte auf der Basis des zweitürigen 130 mit weiteren Karosseriekonzepten – im März 1974 enthüllte das renommierte Designstudio auf dem Genfer Salon den eleganten Shooting Brake – auf Italienisch „coupé da caccia" – Fiat 130 Maremma, der nach einer Küstenregion zwischen der Toskana und dem Latium benannt wurde. Hinter der breiten und verchromten B-Säule baut sich ein massiv kantiges und großzügig verglastes Kombiheck mit angeschrägter Heckklappe auf.

Von außen stechen zwei Details besonders ins Auge: zum einen die Lamellen vor der C-Säule, die dezent an die Seitenfenster-Jalousien des Mercedes SLC erinnern, zum anderen der an einen Bürzel erinnernde und fest integrierte Dachspoiler, der das Verschmutzen der Heckklappe verhindern soll. Letztere verfügt über eine Ausbuchtung, die dem Maremma ein angedeutetes Stufenheck verleiht und ihn so zu einem Unikat im Kombi-Segment macht.

Pininfarina sah in den Siebzigerjahren wohl großes Potenzial im Konzept des Shooting Brakes, die Italiener präsentierten nämlich vor allem in der ersten Hälfte des Jahrzehnts einige zweitürige Kombis auf Coupé-Basis – beispielsweise den Peugeot 504 Riviera aus dem Jahre 1971, der konzeptuell ähnlich ist. Der Maremma blieb nicht Pininfarinas einzige Fingerübung auf Basis des 130 Coupé. Im selben Jahr realisierte der Karosseriebauer den 130 Opera, eine viertürige Version des Coupés, die auf dem Pariser Autosalon enthüllt wurde.

Angeblich wollte das Unternehmen seinen Auftraggeber Fiat mit den attraktiven Neuinterpretationen dazu bewegen, die Oberklasse-Modellfamilie weiter auszubauen. Doch daraus wurde aus mehreren Gründen nichts – zum einen wartete in Europa auf der Höhe der ersten Ölkrise niemand auf ein weiteres hochpreisiges V6-Modell, zum anderen blieben schon die Verkäufe der Limousine und des Coupés hinter den Erwartungen zurück – zusammengerechnet liefen während der achtjährigen Bauzeit nur rund 19.500 Exemplare vom Band. Der Name Fiat wurde in der Zwischenzeit eben eher mit cleveren Kleinwagen als mit luxuriösen und solide verarbeiteten Oberklasse-Modellen in Verbindung gebracht.

Oberflächlich betrachtet hätte vor allem der praktische und mit seinem 3,2-Liter-Lampredi-V6 sowie seiner Dreigang-Automatik standesgemäß motorisierte 130 Maremma das Zeug dazu gehabt, das Freizeitauto der Wahl für die italienische Oberschicht zu werden. Dies liegt nicht zuletzt auch an seiner edlen Lackierung in metallic Gold und seinem luxuriösen Innenraum mit dick gepolsterten Velours-Sitzen, die bei einem der drei Autos blau karierte Sitzflächen haben.

 

Drei Autos? Ja, der Maremma ist kein Einzelstück, Berichten zufolge sollen drei Exemplare komplettiert worden sein. Nachdem die Kreation 1974 in Genf und im Spätherbst auf dem Turiner Autosalon ausgestellt worden war, ließ Gianni Agnelli, der „Avvocato", 1975 eines der Exemplare auf sich zulassen, da er Gefallen an dem Luxuslaster gefunden hatte. Damit besaß der Pate des Fiat-Imperiums den zweiten Kombi auf Basis des Fiat 130 – bereits Anfang der Siebzigerjahre hatte er sich einen von vermutlich drei „Familiare" gesichert. Er nutzte seinen großen Kombi mit Holzbeplankung im amerikanischen Woodie-Stil als Ferienauto in St. Moritz.

Seinen 130 Maremma fuhr er drei Jahre lang, bevor er ihn an einen privaten Sammler veräußerte. 2013 tauchte er nach 35 Jahren bei der Ausstellung „Le Auto dell'Avvocato" im Museo Nazionale dell'Automobile (MAUTO) in Turin wieder auf. Vom zweiten Exemplar hieß es lange, es stehe im Firmenmuseum von Pininfarina – das hat der Karosseriebauer auf Anfrage jedoch dementiert. Der dritte Maremma gilt als verschollen. Vielleicht schlummert er in diesem Moment verstaubt in einem italienischen Schuppen und wartet dort auf seine Wiederentdeckung.

Fotos: Pininfarina S.p.A., Stellantis

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