Direkt zum Inhalt

Magazin

Was diese CL-Studie bereits 1996 zeigte, bringt Mercedes 2026 in Serie

Vor 30 Jahren feierte der Mercedes F 200 Imagination Premiere. Die Hightech-Studie nahm nicht nur die Optik des zweiten CL vorweg, sondern gilt auch technisch als echter Pionier: Viele ihrer zukunftsweisenden Innovationen fanden erst in den letzten sechs Jahren ihren Weg in die Serie.

Designstudien sind ein zweischneidiges Schwert – während manche Showcars mit ihrer irren Optik und abgefahrenen Technik lediglich so viel Aufmerksamkeit wie möglich generieren sollen, bieten andere einen konkreten Ausblick auf kommende Serienmodelle sowie die Automobiltechnologie der Zukunft. Der Mercedes F200 Imagination, den die Marke im Oktober 1996 auf dem Pariser Autosalon enthüllte, liegt dahingehend genau in der Mitte.

Sein Exterieur-Design nahm bereits die grundlegende Optik der zweiten Mercedes-CL-Generation vorweg, die 1999 erscheinen sollte. Vor allem das Profil und die Fensterlinie fanden fast unverändert ihren Weg in die Serie. Der Entwurf wurde noch unter der Aufsicht des langjährigen Chefdesigners Bruno Sacco verwirklicht und wird hauptsächlich Christopher Rhoades und Harald Leschke aus dem „Advanced Design“-Team des Herstellers zugeschrieben.

 

Die bei Studien aus dieser Zeit fast schon obligatorischen Schmetterlingstüren schafften es naturgemäß nicht in die Serie – dasselbe gilt für das Felgendesign, das bei Trypophobikern Fluchtreflexe auslöst und die großflächigen Rückleuchten. Stattdessen lief die zweite Auflage des CL mit den von der 1998 eingeführten S-Klasse W220 bekannten Rückleuchten vom Band. An der Front bekam er Mercedes' typisches Vieraugen-Gesicht der späten Neunzigerjahre, während die Studie und die viertürige Version des Flaggschiffs dort noch Einzelleuchten trugen.

Das Interieur wirkt auf den ersten Blick wie eine abwegige Zukunftsfantasie, was vor allem an dem gänzlichen Fehlen eines Lenkrads sowie der Pedalerie liegt. Als Inspiration sollen bei der Gestaltung sowohl Flugzeugcockpits als auch die Controller der damals nagelneuen Playstation gedient haben. Die Kreativabteilung des schwäbischen Herstellers setzte auf ein vermeintlich revolutionäres Bedienkonzept mit zwei sogenannten Sidesticks, die auf der Fahrertür sowie der Mittelkonsole sitzen. Drei Jahrzehnte später muss man feststellen, dass sich diese Lösung niemals durchgesetzt hat, auch wenn sie einen Vorteil birgt – bei Bedarf kann die Person auf dem Beifahrersitz jederzeit die Kontrolle des Wagens übernehmen.

Interessant ist, dass dieses Bedienkonzept nur durch die revolutionäre „Drive by wire“-Technologie ermöglicht wurde, die sich erst in den vergangenen Jahren im Automobilbau – beispielsweise beim Tesla Cybertruck, aber auch der frisch eingeführten Facelift-Version des Mercedes EQS – durchgesetzt hat. Zwar arbeitete Saab im Rahmen von Forschungsprojekten bereits Anfang der Neunzigerjahre an dieser Technik, doch der F200 Imagination stellte das System 1996 erstmals der breiten Öffentlichkeit vor. Hierbei gibt es keinerlei mechanische Verbindung mehr zwischen dem „Lenkrad“ und den Vorderrädern oder den Bremsen. Um das ungewohnte Fahrverhalten ohne mechanische Verbindung sicher zu erproben, wurde der F200 Imagination intensiv in Mercedes' hauseigenem Fahrsimulator getestet, der bereits 1985 eingeweiht worden war – womit der Hersteller auch auf dem Gebiet der virtuellen Automobilentwicklung zu den absoluten Pionieren gehört. Diese Technologie ist für das autonome Fahren, also die automobile Zukunftstechnologie schlechthin, essenziell – und die Studie gehörte in den Neunzigerjahren zu den Vorreitern auf diesem Gebiet.

Wenn man den Armaturenträger genauer betrachtet, fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Über die komplette Breite zieht sich ein großer Bildschirm. Die Studie nahm also Mercedes' Hyperscreen vorweg, der erst 2021 in der vollelektrischen Oberklasse EQS sein Seriendebüt feiern sollte. Videokameras ersetzten die klassischen Rückspiegel – eine weitere visionäre Idee, die sich erst in diesem Jahrzehnt in der Autoindustrie durchgesetzt hat.

Früher in Serie ging dagegen das elektronisch gesteuerte ABC-Fahrwerk, das mit dem F200 Imagination angeteasert wurde und letztlich schon 1999 mit dem verwandten CL in Serie ging – später war es auch für die S-Klasse und den SL der Baureihe R230 bestellbar. Die Studie besaß bereits eine aktive Fahrwerksregelung, die Wank- und Nickerbewegungen der Karosserie in Echtzeit kompensieren konnte.

Bei dem futuristischen Coupé handelte es sich mitnichten um ein statisches Mock-up – für einen standesgemäßen Vortrieb sorgte der hauseigene V12 mit 6,0 Liter Hubraum und 394 PS, der nicht nur einen kraftvollen Durchzug, sondern vor allem eine exzellente Laufruhe bot. Bevor Elektroantriebe in einem Auto dieser Art tauglich waren, stellte der kultivierte und akustisch zurückhaltende Zwölfzylinder die beste Wahl für ein Luxuscoupé von diesem Schlage dar.

 

Der F200 Imagination mag bei seinem Debüt vor knapp dreißig Jahren wie realitätsferne Zukunftsmusik gewirkt haben, für Concept-Car-Verhältnisse war er aber überraschend wegweisend. Auch wenn sein Einfluss zum größten Teil erst heute spürbar ist. Es ist also kaum überraschend, dass die Kuratoren des Stuttgarter Mercedes-Museums ihm einen Platz in der Dauerausstellung reserviert haben.

Fotos: Freddie Atkins und Mercedes-Benz

Watch our latest YouTube videos