Die Tour de Corse Historique war ein Härtetest für Rallyelegenden

Die Tour de Corse Historique führt über eine der atemberaubendsten Inseln des Planeten. Für die rund 200 Fahrer und ihre Beifahrer ist die Straßenrallye über korsische Berg- und Küstenstraßen so spektakulär wie herausfordernd.

Es ist schon ein erhabenes Erlebnis, von der Wallfahrtskirche Notre Dame da la Serra bei Calvi im Nordwesten von Korsika auf die schroffe Küste und das kobaltblaue Mittelmeer hinab zu blicken. Die Ruhe hier oben scheint grenzenlos – bis plötzlich ein Ford Escort mit walförmiger Heckpartie im Augenwinkel des Betrachters vorbeiprescht und mit seinem zischenden Turbo und ratternden Auspffsalven die Stille durchbricht. 

Vier Tage lang dröhnten und drifteten in der vergangenen Woche bei der Tour de Corse Historique ganze 200 klassische Rallyeautos durch die atemberaubenden Landschaften Korsikas – und folgten dabei jenen Rennlegenden, die auf eben jenen abenteuerlichen Berg- und Talstraßen in den 1970er- und 1980er-Jahren den Ruf der „Rallye der 10.000 Kurven“ begründet hatten. 

Im Gegensatz zur modernen Rallye Corsica führt die Strecke der historischen Ausgabe über fast die gesamte Insel. Beginnend in Porto Vecchio im Südosten, von wo aus sie sich zunächst nach Norden bis Bastia windet, um von dort nach Westen und hinab nach Calvi abzubiegen und schließlich wieder südlich in Ajaccio zu enden. Für die Teilnehmer standen 15 Sonderprüfungen auf dem Programm, darunter auch welche bei Dunkelheit. 

Die Bandbreite reichte von kurzen und technischen Sprintprüfungen durch dichte Wälder bis zu lähmend langen Geradeaus-Passagen über karge, von Maccia überwucherte Hochebenen, auf denen sich einst flüchtige Korsen vor der Blutrache versteckten. Die berühmte Fahrt zur berühmten Kirche von Notre Dame de la Serra zum Beispiel ist mit 42 Kilometern gleichermaßen eine mentale Herausforderung für die Fahrer wie eine physische für die Autos. Dazu kommen im mediterranen Herbst unvorhersehbare Wetterkapriolen – Regen und Nebel machen die Bergfahrten nur noch abenteuerlicher.

Doch auch wenn sich auf Korsika die Landschaft und das Wetter hinter jeder Kurve ändern können – 2018 gab es wohl mehr Regen als Sonnenschein –, so kann man sich auf eine korsische Konstante durchgehend verlassen: die engen, holprigen und verschlungenen Straßen mit ihren erwähnten, durchaus nicht übertriebenen „10.000 Kurven“. 

Wenn es einen Fahrer gibt, der den Reiz und die Herausforderung dieses Events wirklich versteht, dann ist es Didier Auriol – „Mister Tour de Corse“ persönlich. Der französische Rallye-Weltmeister gewann insgesamt sechs Mal hier, zum ersten Mal 1988, als er zugleich seinen ersten WM-Sieg feierte. Zur Feier des 30. Jahrestags dieses Erfolgs kehrte Auriol mit jenem Auto auf die Insel zurück, auf dem er damals erfolgreich war: ein Ford Sierra RS Cosworth, den er extra aus seinem Privatmuseum hervorgeholt hatte. Als er damit vor dem Start in Porto Vecchio vorrollte, war ihm ein begeisterter Empfang sicher. 

„Die Tour de Corse ist aus gleich mehreren Gründen speziell und einzigartig“, erzählte uns Auriol. „Die Insel ist schön, die Menschen sind immer sehr freundlich und man findet nirgendwo auf der Welt solche Asphaltstraßen.“ Man sagt ja, dass Rennfahrer nie ihren Wettbewerbsmodus abschalten. Und in der Tat: Auch wenn Auriols heckgetriebener Sierra gegenüber den allradgetriebenen Spitzenautos technisch im Nachteil war, bremste kaum jemand so spät und kalkulierte seine Driftwinkel so präzise wie der heute 60-Jährige aus Montpellier.

Auch wenn die Nennungsliste viele Veteranen der originalen wie der neuzeitlichen Korsika-Rallye umfasste, so war nicht jeder ein Profi. Daher auch die Aufteilung in die Kategorien „Regelmäßigkeit“ und „Competition“, angepasst an einen breiten Mix an Autos und Talenten. Von spielzeugartigen Autobianchi über halbstarke Abarths, bellende Lancia Stratos oder schlanke Porsche 911 bis hin zu einem Ex-Carlos Reutemann Peugeot 205 T16 aus der berühmten Gruppe B-Ära war alles vertreten. So konnten Zuschauer aller Altersgruppen ihren jeweils eigenen Erinnerungen nachhängen. Und da die Tour de Corse innerhalb der historischen Szene noch zu den eher unbekannten Events zählt, sind Kameradschaftsgeist und Freundlichkeit unter den Fahrern noch intakt. 

Wer einmal dem Virus Korsika verfallen ist, der kommt daher auch jedes Jahr wieder. Wie Edmond Simon, ehemals Mechaniker für Opel und Renault, der seit 1969 Stammgast ist und die Insel schon mit Fahrern wie Jean Ragnotti und Alain Oreille unsicher machte. „Das ist einfach ein wunderbares Rennen alter Schule“, schwärmt er. „Als ich damals mit meinen Opel-Teamkollegen anreiste, gab es teils 100 Kilometer lange Prüfungen. Die Durchschnittsgeschwindigkeiten waren außergewöhnlich, und bei der Hälfte mussten wir nachtanken! Dazu kam, dass wir im November fuhren, als Kastanien auf der Straße lagen – der pure Wahnsinn.“ Im Vergleich zu früher sei die historische Rallye „ein Spaziergang im Park“, so der heute 80-Jährige.

Tour de Corse-Neuling Pierre Novikoff zählt zu jenen, die definitiv auf die Insel zurückkehren werden. „Ich fühle mich wie ein Kind“, rief der Auktionator aus, nachdem er mit seinem charmanten Alfa Romeo 2000 GTV die anspruchsvolle Notre Dame de la Serra-Prüfung absolviert hatte. „Physisch ist es sehr fordernd, aber ansonsten ein fabelhaftes Event. Die Atmosphäre ist sehr warmherzig und es gibt viel Austausch zwischen Fahrern und Co-Piloten, sogar unter den Profis. Ich mag es, dass die Zwischenetappen kürzer sind als die Sonderprüfungen – man denkt, dass man sich nach einer langen Prüfung für einen Moment entspannen kann, doch schon nach zehn Kilometern oder etwas mehr muss man wieder den Helm aufsetzen! Wenn die Straßen eng sind und es kaum Grip gibt, lernt man wirklich schnelles Fahren. Anfangs fühlte ich mich durch die Geschwindigkeit und die große Anspannung ausgelaugt, aber man muss das ausblenden und sich immer wieder konzentrieren, um schneller zu werden. Das ist eben eine richtige Rallye und ich werde versuchen, ab jetzt jedes Jahr dabei zu sein!“

Man sollte meinen, dass in Zeiten wie diesen eine solche Veranstaltung in einem weitgehend unberührten Paradies Proteste der Einheimischen provozieren müsste. Doch selten würde man sich dabei so täuschen wie auf Korsika. Die Tour de Corse gehört zum Kulturgut der Insel, und dementsprechend heißen die Bewohner die historische wie auch die aktuelle WM-Rallye mit offenen Armen und typisch-korsischer Gastfreundlichkeit willkommen. Wir überlassen Pierre-Manuel Jenot – zusammen mit Beifahrer Slobodian Milosa Vljevic auf einem Ford Escort RS Mk2 Gesamtsieger der diesjährigen Tour de Corse Historique – das letzte Wort. „Korsika hatte schon immer einen mystischen Platz im Motorsport und die lange Geschichte der Tour de Corse macht auch die historische Rallye so erfolgreich. Die Insel ist ein außergewöhnlicher Spielplatz für uns, und die Menschen in den Städten, Dörfern, Restaurants und Hotels waren so glücklich, uns und die Autos zu sehen. Motorsport ist definitiv kein Tabu auf Korsika.“

Buchen Sie also schleunigst einen Flug oder eine Fähre, reservieren Sie ein Hotel oder holen Sie ihr Zelt aus dem Keller – stellen Sie nur sicher, dass sie bei der nächste Tour de Corse Historique dabei sind. Denn sie ist einfach magisch!

Fotos: Mathieu Bonnevie für Classic Driver © 2018 

Reizt es Sie, 2019 an der Tour de Corse Historique teilzunehmen? Sie wären dann bestens bedient mit einem Lancia Stratos Gruppe 4 von 1975, einem Werks-Lancia Delta HF von 1990 oder einem Porsche 911 SC/RSR 3.0 von 1983. Alles, was Sie dann noch brauchen, ist ein Co-Pilot, der gegen See- und Reisekrankheit immun ist.