Die Geschichte von La Principessa, Herrscherin über Wind und Krone

Neun Langstreckenrekorden zum Trotz wurde dieser schnittige Fiat-Abarth nicht zur Königin gekrönt, sondern liebevoll zur Prinzessin ernannt. Doch eine Audienz auf der historischen Teststrecke auf dem Dach des alten Fiat-Werks Lingotto in Turin beweist: Der Principessa gehört die Krone!

Zu Höherem berufen

Motorsport kann nicht der einzige Lebenszweck eines Autoherstellers sein – vor allem, wenn die Existenz von der Wirtschaftlichkeit der Marke anhängt. Aus genau diesem Grund suchte Carlo Abarth Mitte der fünfziger Jahre nach Alternativen, um das Profil seiner gleichnamigen Sportwagen zu stärken – trotz der so unglaublichen wie beständigen Erfolge auf den Rennstrecken der Welt. Zu diesem Bemühen zählte es auch, neue Langstreckenrekorde aufzustellen. Zwangsläufig, scheint es, hatte der legendär eigensinnige Ingenieur mit dieser Strategie Erfolg.

Die Prinzessin

Aus der kleinen Reihe der äußerst stromlinienförmigen Rennmaschinen, die Abarth in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre konstruierte, sticht dieses liebevoll „La Principessa” getaufte Auto hervor – war sie doch eine der letzten und faszinierendsten Rekordflundern. Mit dem Design wurde Battista „Pinin” Farina betraut, der sehr eng mit einem Aerodynamiker im Windkanal der Polytechnischen Universität von Turin zusammenarbeitete, um diesen zierlichen aber sinnlichen Körper zu erschaffen.

Mit Kurven, die an eine Coca-Cola-Flasche erinnerten, einer markanten Radverkleidung und einem wie abgehackt wirkenden Lenkrad, hinter dem der Fahrer umgeben von der Glaskanzel eines Kampfjets Platz nahm, strotzt die Prinzessin vor Selbstsicherheit und Siegeswillen. Der Luftwidertandsbeiwert von 0,20 lässtselbst moderne Aerodynamik-Heroen wie den BMW i8 oder das Tesla Model S vergleichsweise alt aussehen. Unter der windschlüpfigen Karosserie hatte Abarth seinen „Bialbero”-Vierzylinder mit 1,0-Liter Hubraum platziert, der gut 100 PS bereitstellte und in Kombination mit dem Vierganggetriebe auf rund 217 Stundenkilometer beschleunigen konnte.

Die volle Distanz wagen

Es ist also kein Wunder, dass „La Principessa” für ihre Aufgabe bestens vorbereitet war: für eine sehr, sehr lange Zeit mit Höchstgeschwindigkeit zu fahren. Auf den historischen Steilwänden von Monza hat die Prinzessin nicht weniger als neun atemberaubende Rekorde erzielt, darunter 10.000 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 190 Stundenkilometern, 12 Stunden bei Tempo 203 km/h und 72 Stunden lang 187 km/h.

Der Mann, der bei einigen dieser bemerkenswerten Speed-Vorführungen hinterm Steuer saß, war Mario Poltronieri – ein Pionier der Marke Abarth, der später zu einem der berühmtesten Formel-1-Kommentatoren reifte. Es passt zu dieser einzigartigen Geschichte, dass genau in dem Jahr, in welchem die schöne Schnelle wieder einmal ihren Anspruch anmeldete, einer ihrer besten Piloten verstarb. 

Spiel der Generationen

Als die kleine Rennmaschine in Ehren in den Ruhestand verabschiedet wurde, ging sie erst in den Besitz von Pininfarina über und wurde dann von der Bertolero-Familie gekauft, wo sie seither residiert. Simone Bertolero, der so liebenswürdig war, diesen Abarth nach Lingotto zu bringen, berichtet uns auf dem Werksdach, wie die Geschichte von „La Principessa” weiterging: „Mein Vater kaufte das Auto vor langer Zeit direkt vom Pininfarina-Museum. Wir hatten eine ganze Reihe Autos von Pininfarina in unserer Sammlung – beispielsweise den Ferrari 512-Prototyp.

Ein holpriger Ritt

„Die Karosserie wurde nie restauriert und ist somit in wahrem Originalzustand. Beim diesjährigen Concorso d’Eleganza Villa d’Este haben wir die FIVA-Trophy für das am besten erhaltene Nachkriegsauto gewonnen.” Aber nicht nur die Juroren haben ihr Herz an „La Principessa” verloren. Selten wurden wohl so fieberhaft Smartphones gezückt, als in dem Augenblick, als der kleine Abarth fauchend ums Gelände der Villa d’Este fuhr. Ähnlich wild sauste er auf dem Dach von Lingotto, wobei die holprige, ausgediente Versuchsstrecke das 1,20 Meter niedrige Auto gehörig durchrüttelte. „Die Fahrbahn ist in schlechtem Zustand und wir haben eine Menge Krach gemacht, um die Turiner unter uns zu stören,” sagt Simone lachend, „aber es macht einen Riesenspaß, diese Auto zu fahren.”

Erfolg in Übersee?

Jetzt ist das Auto schon unterwegs nach Pebble Beach, wo Simone darauf hofft, dass die Juroren des wichtigen Concours d’Elegance ebenso wie ihre Kollegen bei der Villa d’Este ihren Hut vor „La Principessa” ziehen. Egal, ob sie nun über den feinen Kies rollt, auf dem ehrwürdigen Asphalt von Lingotto ihre Kreise zieht oder sich auf dem manikürten Rasen von Pebble Beach bestaunen lässt – wir sind uns ziemlich sicher, dass der Prinzessin zur rechten Zeit noch die verdiente Krone aufgesetzt wird. Als Zeugnis der innovativen Kunst Carlo Abarths und „Pinin” Farinas sollte möglichst viele Menschen dieses Auto sehen und bewundern dürfen. Unser Dank gebührt Simone, der die schlafende Prinzessin zu unserer Freude geweckt hat.

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2017

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