Als der junge Marcello Gandini einen Jaguar zeichnete

Erstlingswerke kreativer Geister sind immer faszinierend – die ersten Song eines Musikers ebenso wie die erste Gemälde eines Malers. Der Jaguar FT war 1966 eine der ersten Arbeiten, die Marcello Gandini für Bertone entwarf. Noch deutete sich der spätere Genius allerdings nur an.

Die 1960er Jahre gelten noch immer als eine goldene Zeit des Automobildesigns. Darüber vergessen wir nur zu oft, dass es auch eine tolle Zeit für Autohändler war. Denn die Hersteller arbeiteten teils noch auf einer persönlichen Ebene mit Händlern und Importeuren zusammen. Und bauten – heute unvorstellbar – sogar auf ausdrücklichen Wunsch Autos nach Vorgaben eines Händlers. Das vermutlich prominenteste Beispiel ist der Porsche 356 Speedster, der auf Drängen des legendären US-Porsche-Importeurs Max Hoffman in Stuttgart aufgelegt und dann vor allem in denVereinigten  Staaten zu einem großen Erfolg wurde. Doch gab es daneben zahlreiche weitere Beispiele für Aufträge von Händlern, die dann zu teils sehr abgedrehten bis wunderbaren Wagen führten. 

Kommerzieller Auftrag

Dieser Jaguar FT von 1966 ist das Produkt eines solchen Auftrags, in diesem Fall von Giorgio Tarchini, dem damaligen Jaguar-Importeur für Norditalien. Der Auftrag an die Carrozzeria Bertone sah ein viersitziges Coupé mit Jaguar-Fahrgestell und -Antriebsstrang vor. Unter Beibehaltung des typisch britischen Luxus im Interieur sollte das Auto außen den würdig-zurückhaltenden Charakter eines Jaguars durch italienische Stilelemente auflockern. Das Ganze hoffte man dann in einer kleinen Serie in Italien zu verkaufen. Da Giorgio Giugiaro gerade zur Konkurrenz von Ghia gewechselt war, fiel der Auftrag für den Italo-Jag an ein neues Mitglied des Bertone-Designteams – den 28-Jährigen Marcello Gandini.

Debüt in Genf

Die Bodengruppe samt Motor und übrigen Antrieb stammte vom Jaguar 420, dem Vorläufer des erst 1968 vorgestellten ersten XJ. Das zu Ehren des Firmengründers Ferruccio Tarchini „FT“ getaufte Modell stand erstmals 1966 auf dem Bertone-Stand des Genfer Salons. Bilder von damals zeigen Jaguar-Gründer Sir William Lyons mit Nuccio Bertone und einer dritten Person, vermutlich Tarchini. Doch von da an lief es nicht mehr so wie geplant. Denn statt der angedachten Kleinserie wurden nur zwei Wagen gebaut – das Showcar von Genf und das hier in aller Pracht abgelichtete Exemplar. 

Kuriose Kurven

Wenn man dieses britisch-italienische Kuriosum heute im schmeichelnden südfranzösischen Licht von Marseille betrachtet, ist die Jaguar-DNA nur schwer ersichtlich. Und auch die spätere Genialität von Gandini, dem Vater des Lancia Stratos und des Lamborghini Miura, scheint erst zart durch. Der sehr eckige „FT“ polarisiert, wirkt – anders als zum Beispiel Giugiaros Studie des Jaguar Kensington von 1990 – deutlich mehr italienisch als britisch. Der vom Jaguar Mk X inspirierte Kühlergrill an der von je zwei Doppelscheinwerfern flankierten Frontmaske immerhin verrät Kennern, welches Fabrikat sich da gerade im Rückspiegel nähert. Von hinten jedoch wird es nahezu unmöglich, die Identität dieses Mysteriums zu erraten. 

Das Beste aus beiden Welten

Das Interieur hingegen gefällt uns schon weitaus besser: Ein harmonischer Mix aus englischer Dekadenz und italienischem Flair, mit plüschigen Sitzen, einer schönen Batterie von Kippschaltern sowie einem Holz-Armaturenbrett und -Lenkrad. Aus vergleichsweise großen Fenstern konnten die Auserwählten so in großem Komfort, ja Luxus, die an ihnen vorbeiziehende Außenwelt betrachten. Zumal mit dem 4,2-Liter-Sechszylinder aus der XK-Serie und einem manuellem Vierhanggetriebe plus Overdrive ein zweifellos famoser Antriebsstrang unter der kontroversen Verpackung saß.  

Vergessener FT

Der Jaguar kam als CKD-Bausatz – also in Einzelteilen „completely knocked down“ – nach Italien, ein damals durchaus übliches Prozedere. Erst dort wurde er zusammengesetzt und mit Gandinis Karosserie vermählt. Danach ging es weiter nach Madrid, wo ein wohlhabender Käufer schon seiner harrte. Doch danach fiel der FT in Vergessenheit, ehe ihn sein zweiter Besitzer in der Ecke einer Garage aufspürte. Seitdem wurde er in seiner Originalfarbe Emerald Green neu lackiert, doch das Interieur blieb unangetastet. Und legt heute mit seiner Patina Zeugnis über das Leben dieses unglaublichen Wagens ab.

Ob Sie sich nun entsetzt abwenden oder doch eine heimliche Sympathie für diesen sonderbaren Überlebenden einer schillernden Designepoche aufbringen – in jedem Fall ist dieser Jaguar FT ein erinnerungswürdiges Stück Auto- und Designgeschichte. Und es markiert den Startpunkt der Karriere des großen Marcello Gandini. Da es im diesem Jahr in Pebble Beach eine Klasse für „Jaguar Custom Coachwork“ gibt, dürften die Meinungen über diesen FT noch einige Zeit auseinandergehen.

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2017

Sie finden genau diesen Jaguar FT zum Verkauf im Classic Driver Markt.