

Jean Sage (1940-2009) war durch die 1970er-, 1980er- und frühen 1990er-Jahre einer der führenden Köpfe im französischen Motorsport. Die meisten werden ihn noch als Renndirektor des Renault-Formel-1-Teams in Erinnerung haben. Doch hatte er nach seiner Zeit an der Spitze von Renault Sport, die von 1977 bis 1985 währte, eine intensive Liebesbeziehung zu einer Marke, die ihm schon immer besonders viel bedeutete: Ferrari.
Der im schönen Annecy geborene Sage kam im zarten Alter von 19 Jahren als Beifahrer eines von André Simon bei der Rallye Mont Blanc gesteuerten Ferrari 250 GT erstmals in Kontakt zum Motorsport. Danach versuchte er sich als Pilot in der Formel 3, doch als die erhofften Resultate ausblieben, wechselte er die Seiten, um sein wahres Talent im Aufbau und in der Organisation eines neuen Rennteams zu zeigen. 1973 gründete er zusammen mit dem da schon sehr bekannten Sportwagen- und Rallyepiloten Gérard Larrousse sowie einem Schweizer Mercedes-Händler namens Paul Archambeaud die Écurie Elf.


Erfolge stellten sich schnell ein – schon im dritten Jahr holte Jean-Pierre Jabouille auf einem Elf 2 den Meistertitel in der Formel-2-Europameisterschaft. Als Larrousse Ende 1976 ein Angebot von Renault annahm, nahm er Sage mit, um ihn als Leiter des neu gegründeten Formel-1-Rennstalls zu installieren. Nach einer steilen Lernkurve mit dem anfangs hoffnungslos unterlegenen Turbo-Motor schrieb die Renault-Truppe 1979 dann Motorsportgeschichte: mit dem ersten Sieg eines turbogeladenen Formel 1 beim GP von Frankreich in Dijon.
Nach dem Weggang von Renault zum Ende der Saison 1985 heuerte Sage – schon seit jeher ein Bewunderer und Sammler von Ferrari – 1989 bei Ferrari France (Charles Pozzi S.A.) an. Von dort organisierte er ein Programm für einen in der amerikanischen IMSA-Serie unter der Bewerbung von Ferrari France eingesetzten Ferrari F40. Besetzt mit französischen Star-Piloten wie Jabouille, Jean-Louis Schlesser und sogar Jean Alesi. Bei zehn Starts sprangen bis Ende der Saison 1990 fünf Podiumsplätze heraus. Auch wenn das Programm danach keine Fortsetzung fand, kannte Sage den F40 nun in- und auswendig – und dessen Potenzial steigerte seinen Appetit auf mehr.


Vorhang auf für Chassis 84642 – ein F40 Modelljahr 1989, den Sage für private Zwecke über seinen Arbeitgeber Charles Pozzi bezog. Ausgewiesen als „non-cat, non-adjust"-Modell (ohne Katalysator, ohne einstellbares Fahrwerk), wurde er im Mai 1990 auf seine Adresse in Annecy zugelassen. Sage legte bis 1994 vermutlich genussvoll über 16.200 Kilometer in diesem F40 zurück, als er sich mit dem Wunsch nach umfangreichen Tuningmaßnahmen an Michelotto wandte. Mit der Einschränkung, dabei die Straßenzulassung nicht zu gefährden. Zu dieser Zeit hatte Michelotto schon 18 F40 in F40 LM-Modelle umgebaut – wie das Akronym suggerierte – für Einsätze bei den 24 Stunden von Le Mans.
Ganz oben auf der Job-Liste standen Maßnahmen zur Gewichtseinsparung und Leistungssteigerung sowie Verbesserungen am Fahrwerk und an den Bremsen. Michelotto machte sich forsch ans Werk, verpasste dem originalen V8 zwei I.H.I. type-B52 Turbos und eine leichtere Auspuffanlage von Chabord. Das steigerte die Leistung auf 527 PS (ein Plus von 49 PS) bei einem Drehmoment-Gipfel von knapp 850 Nm (ein Plus von satten 270 Nm). 30 Kilo wurden allein durch leichtere Front- und Heckhauben, Schiebefenster aus Plexiglas, den Ausbau der Klimaanlage und vom F40 LM adaptierte, mit rotem Stoff bezogene Kohlefasersitze eingespart. Als das Auto die Werkstatt verließ, ergab die Waage sogar eine Gewichtsabnahme von in Summe 136 Kilo – damit war dieser F40 'Jean Sage' by Michelotto nicht nur stärker, sondern auch leichter als der F40-Nachfolger F50.


Schon damals wies die Ausstattungsliste von Michelotto den flexiblen Einsatz des F40 auf Straße wie Rennstrecke aus – möglich gemacht durch weitere umfangreiche Maßnahmen am Fahrwerk. Sie umfassten neue OZ Racing-Monoblock-Felgen im Format 17 Zoll, einstellbare Aluminium-Stoßdämpfer von Koni, das Bremssystem des F40 LM, einen im Cockpit angebrachten Schalter zum Verstellen der Bremskraftverteilung und Lüftungsschächte für die vorderen und hinteren Bremsen. Ein größerer Frontspoiler sollte den Abtrieb auf der Vorderachse erhöhen.
Jean Sage fuhr diesen galaktischen F40 weiter auf öffentlichen Straßen, doch weisen die Unterlagen auch zwei Ausflüge auf Rennstrecken aus. Im Oktober 1994 lieh er das Auto dem Pozzi-Manager Daniel Marin für die Teilnahme am Finale zur Ferrari 348 Challenge. Und im März 1995 nahm das Auto in Le Castellet an Trainingssitzungen für den Lauf zur BPR GT-Endurance-Rennserie teil – wo seine Rundenzeit nur sechs Sekunden hinter der des schnellsten, von Aldix Racing eingesetzten F40 LM lag. Nicht schlecht für einen F40 mit Straßenzulassung.
Auch in seinem späteren Leben blieb Sage, der mit nur 69 Jahren einen Kampf gegen Krebs verlor, ein aktiver Ferrari-Sammler und Teilnehmer an klassischen Rennsport-Events. Er behielt den F40 bis 1996, ehe er ihn im Oktober jenes Jahres an seinen zweiten Besitzer (im Vereinigten Königreich) verkaufte. Um das Fahren auf öffentlichen Straßen etwas angenehmer zu machen, wurden im Zuge des Verkaufs der Chabord-Auspuff und die Kugellager der Turbos ausgebaut.


Zum Zeitpunkt der Aufnahme in den Auktionskatalog von RM Sotheby's hatte dieses Cavallino Rampante mit seiner unter der Haut nur mühsam gezähmten Rennsport-DNA 22.699 Kilometer zurückgelegt. Bei der Inspektion wurde die Echtheit von Motor und Getriebe (matching numbers) bestätigt. Der aktuelle Auspuff ist von Tubi, weiterhin fehlt eine Klimaanlage, dafür behielt der F40 sein Feuerlöschsystem, die Kohlefaser-Sitze und die Koni-Dämpfer. Ebenso die Bremsen, die Pedalbox, den Frontsplitter und die OZ-Rennsportfelgen.
Jean Sage galt als Autorität in allen Fragen über Ferrari, ein echter Enthusiast, der für von ihm organisierte Treffen immer nach den besten Exemplaren Ausschau hielt. Der Ferrari F40 'Jean Sage' by Michelotto ragt aus der Masse serienmäßiger F40 heraus; seine überlegene Performance und sein prominenter Vorbesitzer machen ihn besonders begehrenswert. Auf Auktionen erzielen Ferrari F40 regelmäßig Ergebnisse von um die 2,0 Millionen Dollar (2,3 Millionen Euro); dass RM Sotheby's für das Ex-Sage-Exemplar ein Estimate zwischen 3,55 und 4,23 Millionen Dollar (3,1 bis 3,7 Millionen Euro) aufruft, zeigt, wie hochkarätig dieses Einzelstück taxiert wird. Wir können es kaum erwarten, wie dieser vielleicht radikalste F40 mit Straßenlizenz am 8. Juli bei der RM Sotheby's Woodcote Park-Auktion abschneiden wird.
Fotos: Ashley Border für RM Sotheby's



















































