Direkt zum Inhalt

Magazin

Dieser ikonische Giftzwerg war Renaults erster R5 Turbo Werkswagen

Die hinteren Kotflügelverbreiterungen brachten ihm den Spitznamen „Backenturbo" ein. Mit Jean Ragnotti heizte dieser frühe Werkswagen bei der Tour de France und auf Korsika den favorisierten Stratos mächtig ein. Nun kommt dieser Vorläufer der späteren Gruppe-B-Boliden bei Aguttes unter den Hammer.

Noch lag die alle Grenzen des Rallyesports sprengende Gruppe B ein gutes Jahr in der Zukunft. Doch auch schon diese Gruppe-4-Version des Renault R5 Turbo machte auf dicke Backe. Die Idee, aus dem nicht nur in Frankreich so beliebten „R Cinq" (deutscher Werbeslogan: „Der kleine Freund") einen über die Hinter- statt Vorderräder angetriebenen Rallyesieger zu machen, hatte um 1977 Jan Terramorsi, stellvertretender Direktor der Renault-Produktplanung. Mit längs vor der Hinterachse eingebautem und per Turbo aufgeladenen Vierzylinder, verstärktem Fahrwerk, einer Mischbauweise aus Stahl, Kunststoff und Aluminium sowie einer dramatisch vergrößerten hinteren Spurweite. Schon die von Mitte 1980 bis Ende 1982 gebaute erste Serie der Straßenversion holte aus knapp 1,4 Liter Hubraum 160 PS und nahm es in der Beschleunigung von 0-100 km/h (6,9 Sekunden) sogar mit einem Porsche 911 SC auf. Nur die Höchstgeschwindigkeit war mit 205 km/h eher mau – die Aerodynamik genießt bei Rallyes nun mal keine Priorität.

Dieser am 4. Mai bei der Aguttes „Tour Auto"-Auktion unter den Hammer kommende R5 Turbo wurde am 8. September 1980 zugelassen und war das erste vom Werk nach dem Gruppe-4-Reglement aufgebaute Rallyeauto. Zugleich ist er der letzte noch existierende R5 Turbo in den Farben des französischen Transport- und Logistikunternehmens Calberson. Als Sponsor von in gleicher Optik gestalteten A310 V6, R5 Alpine und einem 1978 bei den 24 Stunden von Le Mans eingesetzten A442 gallischen Motorsport-Fans bestens bekannt. Und es ist der einzige Gruppe 4, der am Sitz des Formel-1-Teams und in denselben Werkstätten wie der Renault-Turbo-Monoposto von Alain Prost entstand. Mit dem französischen Top-Piloten Jean Ragnotti, von den Fans liebevoll „Jeannot" oder „Der Akrobat" genannt, gewann er zum Ende der Saison 1980 zahlreiche Etappen der Tour de France Automobile und heizte auch bei der zur Rallye-WM zählenden Korsika-Rallye auf Asphalt den Favoriten kräftig ein. Nun steht dieser „Backenturbo" am 2. Mai zum Schätzwert von 400.000 bis 600.000 Euro bei der Tour-Auto-Auktion von Aguttes on Wheels zum Verkauf.

Der unter dem wachsamen Auge des legendären Renault-Mechanikers und Renault-Alpine-Spezialisten Alain Coco Prié zusammengebaute und in diesem Exemplar installierte Gruppe-4-Motor entwickelte mit Garrett-Zwangsbeatmung und je nach Veranstaltung zwischen 180 und 220 PS. Chassis #B000036 ist daher technisch wie optisch ein lupenreiner Werkswagen. Was schon das mechanische Rüstzeug belegt: Luft/Wasser-Ladeluftkühler von Chausson, Turbolader ohne integriertes Abblasventil (Wastegate), spezieller Auspuffkrümmer, Trockensumpfschmierung, eng abgestuftes Getriebe, Differential mit 40-prozentiger Sperrwirkung, Pedalbox mit zwei Hauptbremszylindern und eine große Luftmengenmesser-Stauscheibe aus dem Porsche 928.

Der Calberson-R5 Turbo feierte mit Ragnotti und Beifahrer Jean-Marc Andrié bei der vom 17.-20. September 1980 und über 2700 Kilometer führenden Tour de France Automobile Debüt. Gleich auf der ersten Sonderprüfung fuhr Ragnotti eine Bestzeit – trotz eines Drehers bei Tempo 120, nach dem er 200 Meter entgegen der Fahrtrichtung zurücksetzen musste. Es folgten sechs weitere Bestzeiten, unter anderem auf der nebelverhangenen Prüfung „Burzet", auf der er Bernard Darniche im Lancia Stratos über zwei Minuten einschenkte. Am Service in Nimes wechselten die Mechaniker das Getriebe in der Rekordzeit von zwölf Minuten, ehe Probleme mit der Kraftübertragung die Glanzvorstellung sechs Prüfungen vor dem Ziel beendeten. Trotzdem reichte es, bei dieser Premiere den Stratos plötzlich ziemlich alt aussehen zu lassen.

Bei der Korsika-Rallye im Oktober fuhr Ragnotti dank eines weiter verbesserten Ansprechverhaltens des Turbos in den ersten vier Sonderprüfungen wieder jeweils die schnellste Zeit. Ein Plattfuß warf ihn kurz zurück, doch holte er sich die Führung von Darniche zurück und baute sie in der stark verregneten Prüfung „Castagniccia" weiter aus. Mit dem Sieg schon in Sichtweite, riss auf der SP 14 der Lichtmaschinenriemen.

1981 setzte Renault bei der Rallye Monte Carlo einen neuen und an das Farbkleid seiner Formel-1-Modelle (gelb/weiß/schwarz) angepassten R5 Turbo ein. Vor diesem traditionellen Auftakt zur neuen Rallye-WM-Saison führte Ragnotti – der auf einem der neuen R5 Turbo dann auch die „Monte" gewinnen sollte – mit B000036 Reifentests auf Schnee durch. Danach wurde das Auto auf Weisung von Renault Formel-1-Teamchef Jean Sage bei Renault Sport eingelagert und später noch mal für Tests auf Schotter hervorgeholt – wie Fotos zeigen für einen Vergleich mit einem nagelneuen Audi Quattro.

 

Im Mai 1989 wurde dieser R5 Turbo dann an einen Sammler aus der Loire-Region verkauft, ehe er 1997 über den bekannten Auktionator und Rennfahrer Hervé Poulain an einen weiteren Franzosen ging, der ihn bei der Rallye du Var und in den späten 2010er-Jahren der Tour de Corse Historique einsetzte. Wie es der Zufall wollte, kaufte dann dessen Sohn – von jungen Jahren an Bewunderer des Modells – 2022 bei der Monaco-Auktion von RM Sotheby's den Wagen zurück und brachte ihn zur großen Freude zahlreicher Zuschauer und Mitbewerber erneut bei der historischen Tour de Corse an den Start.

46 Jahre nach seiner Fertigstellung präsentiert sich dieser frühe R5 Turbo sowohl optisch wie technisch in einem originalgetreuen Zustand. Das beginnt mit den mechanischen Komponenten (großer Garrett-Turbo vom Typ Tour de Corse, Vierkolben-Bremssättel und seltene 15-Zoll-Magnesiumfelgen von Minilite) und setzt sich über die Calberson-Optik und die Schnellverschlüsse der Haube bis zum mit stimmiger Patina glänzenden roten Interieur mit acht Zusatzinstrumenten und dem seltenen Bordcomputer fort. Einzige Abweichungen zum Original sind eine größere Ladedruckanzeige, ein im hinteren Bereich leicht verstärkter Überrollkäfig und Recaro-Schalensitze inklusive Sabelt-Sicherheitsgurte. Auf der Fronthaube ist noch eine handgeschriebene Signatur Ragnottis erhalten: „Bravo pour mon ancienne voiture! – „Ein Bravo für mein früheres Auto!" Was für eine Liebeserklärung!

 

Watch our latest YouTube videos