Sichere Kunst für unsichere Zeiten bei der Art Basel 2016

Wie reagiert der Kunstmarkt auf die „globale Gefährungslage“? Bei der Art Basel kann man es in dieser Woche beobachten. Wir haben uns während der Preview-Tage auf der Messe umgesehen.

Flucht in die Moderne

ISIS-Terror, Flüchtlingskrise, Brexit, Donald Trump – während die zeitgenössische Kunst die globalen Krisen und Unsicherheiten derzeit vielerorts zum Thema macht, reagiert der Kunstmarkt auf seine Weise. Bei der Art Basel zeigen sich die 286 ausstellenden Galerien aus 33 Ländern ungewohnt konservativ. Statt greller Aufmerksamkeitsmagneten und provokanter Arbeiten junger Wilder gibt es in diesem Jahr auf der wichtigsten Verkaufsmesse des globalen Kunstbetriebs vor allem große Namen und Werke der klassischen Moderne und der Nachkriegskunst zu sehen. Die Sammler scheinen sich verlässliche Werte zu wünschen – die Galerien reagieren. Dass die großen Sommerauktionen von Christie’s, Sotheby’s und Phillips, die in den Tagen um die Abstimmung der Briten über ihren Austritt aus der EU in London stattfinden, in diesem Jahr mit deutlich weniger Losen und geringeren Schätzpreisen aufmachen, trägt ebensowenig zur Risikofreude der Sammler bei, wie die ausführlichen Sicherheitskontrollen am Eingang der Messe.

Natürlich lässt sich für derartige Schwarzmalerei auch allerorts auf der Art Basel ein grellbuntes Gegenbeispiel finden. In Halle 2.1 findet man noch immer schrille Skulpturen und Skurrilitäten, Schaufensterpuppen mit Brett im Kopf inklusive. Doch bei den großen Galerie-Flaggschiffen wie Gagosian, David Zwirner oder Hauser & Wirth werden vor allem „Flachwaren“ historisch relevanter angeboten: Sigmar Polke, Ed Ruscha, Gerhard Richter und Lucian Freud, geschmackvoll kombiniert mit einem von der Decke schwebenden Mobile von Alexander Calder. „In unsicheren Zeiten braucht man starke Kunst“, hatte Art Basel-Direktor Marc Spiegler bei der Eröffnung betont. Dass die Galerien einen bedeutenden Teil ihrer Verkäufe auf Messen wie der Art Basel abwickeln und mitunter mehrere Hunderttausend Euro in ihre Stände, den Transport und die Ausstattung investieren, erhöht den Druck, verkäufliche Kunst anzubieten, die nicht nur den Salon eines Townhouses schmückt, sondern auch als Investment keine allzu großen Risiken birgt.

Große Formate und brisante Themen

Während in Halle 2 an den Preview-Tagen das Milliarden-Geschäft abgewickelt wird, zeigen die Galerien nebenan im Sektor „Unlimited“ in Halle 1 jene Werke, die den Rahmen der Messestände sprengen würden: großformatige Gemälde und Installationen, raumfüllende Skulpturen, Performances und Videoarbeiten. Wurden diese Arbeiten früher hauptsächlich von Museen erworben, kaufen sich mittlerweile auch immer mehr private Sammler, die sich eine überdimensionale Skulptur ins entsprechend großzügige Industrial-Wohnzimmer stellen – oder gleich ein eigenes Museum eröffnen. Zu den Hinguckern – und meistgeteilten Selfie-Kulissen auf Instagram – gehören in diesem Jahr ein auf gläsernen Kugeln thronender Tempel von Ai Wei Wei und Hans Op de Beecks „Collector’s House“, eine mysteriöse, neoklassizistische Wunderkammer, die vollständig mit grauer Farbe übertüncht wurde und an die Ruinen von Pompeij erinnert.

Der „Unlimited“-Sektor ist auch einer der wenigen Orte der Art Basel, an denen man politische Kunst und Kommentare zum aktuellen Weltgeschehen findet. Kader Attias Werk „The Culture of Fear: An Invention of Evil“ spürt der medialen Tradition, nicht-westliche Kulturen als Bedrohung darzustellen, bis ins 19. Jahrhundert nach. Im „Zoom Pavilion“ von Rafael Lozano-Hemmer und Krzysztof Wodiczko kann man derweil die Entwicklungsstand der Überwachungs- und Gesichtserkennungssoftware am eigenen Leib erfahren – am beunruhigensten an der Installation ist allerdings die Tatsache, dass wir von zahllosen Kameras im öffentlichen Raum bereits auf ähnliche Weise erfasst und vermessen werden. Auch die sechs „Holzköpfe“ in Tony Ourslers Installation „template/variant/friend/stranger“ thematisiert die Arbeitsweisen der aktuellen Überwachungstechnologie. Der in Hong Kong geborene Künstler Samson Young, Gewinner der BMW Art Journey im vergangenen Jahr, schwebt schließlich mit einer gewaltigen Ultraschallkanone über der „Unlimited“, mit der nicht nur auf Spatzen, sondern in totalitären Regimen auch auf unliebsame Protestler und Demonstranten geschossen wird.

Mein Prouvé-Haus, mein Jacobsen-Stuhl, mein Lamborghini

Das unangenehme Piepen von Samson Youngs „Canon“ klingt einem noch eine Weile im Ohr – auch wenn man einige Schritte weiter in den Hallen der Design Miami Basel schon längst wieder die Sphären des Konsums betreten hat. In gedämpftem Licht werden hier traditionell moderne und zeitgenössische Möbel und Objekte angeboten. Der Kanon der Galerien unterscheidet sich kaum vom Angebot des Vorjahres: Prouvé-Stühle und Fertighäuser, seltene Mid-Century-Möbel und dänische Teakholz-Designklassiker versprechen weiterhin uneingeschränkte Kompatibilität mit den traditionellen Werken der Art Basel. Eine Überraschung ist höchstens, dass nach den Vintage-Uhren nun auch die Automobil- und Motorradklassiker in der Design Miami Einzug halten: Hess Classic aus Frankreich hat sechs Ikonen des italienischen Designs von Lamborghini, Ferrari, Bizzarrini und Ducati nach Basel gebracht. Eine logische Ergänzung. 

Auf der Suche nach der geologischen Zeit

 

Die Art Basel ist nicht nur ein vielfältiger Marktplatz, auf dem neben der Kunst auch immer mehr Luxusgüter Einzug halten, sondern auch eine Bühne – wer sich hier wie UBS, BMW oder Ruinart präsentiert, hofft darauf, dass zumindest ein wenig vom Glamour der Kunstwelt auf seine Marke abstrahlt. Uhrensponsor Audemars Piguet gelang es in der exklusiven Collectors Lounge derweil tatsächlich, die sonst so schnell verstreichende Art-Basel-Zeit zumindest für einen Moment anzuhalten: Der chilenische Designer Sebastian hatte mit reichlich Plexiglas einen schmelzenden Eispalast geschaffen, der an die Abgeschiedenheit des Valée de Joux erinnert, wo die Uhren der Manufaktur traditionell gefertigt werden. Noch tiefer in die Topographie des Jura-Gebirges, das südwestliche von Basel seine Ausläufer hat, tauchte der britische Fotograf Dan Holdsworth: Seine monochromen Vermessungsarbeiten auf der Suche nach der geologische Zeit, die im Auftrag von Audemars Piguet entstanden sind, haben doch etwas zutiefst Beruhigendes. Wer wird sich in 100.000 Jahren schließlich noch an Donald Trump, den Brexit oder die Ergebnisse der Londoner Sommerauktionen von 2016 erinnern?

Fotos: Jan Baedeker / Art Basel / Audemars Piguet