Bewegter Moment - Etienne Salomés Kunst der aufgeladenen Ruhe

Wenn er nicht gerade als Bugattis Leiter für Interior Design arbeitet, dann entlädt sich Etienne Salomés Kreativität in der Kunst. Wir waren schon von seiner Skulptur des 57SC Atlantic begeistert, aber zu den jüngsten Werken zählen jetzt „Chronophotographien”, die der Geschwindigkeit huldigen.

Was sind Ihre frühesten Erinnerungen ans Auto?

Ich war jedes Jahr mit meinem Vater bei den 24 Stunden von Le Mans, weil er für eine Firma arbeitete, die das Rennen fürs Fernsehen übertrug. Inmitten dieser Autos auf dem Grid zu stehen oder spät in der Nacht zu erleben, wie sie auf der Hinaudières entlang donnerten, hat eine lebenslange Passion entfacht. 

Könnten Sie uns mehr über Ihren künstlerischen Hintergrund erzählen?

Ich drücke mich mit Zeichnungen aus - es ist meine Form der Kommunikation. Schon sehr früh habe ich an Wettbewerben teilgenommen, gewann Preise und war Teil von Ausstellungen. Ich verspürte immer das große Verlangen, Künstler zu werden, weil es kreative Freiheit ermöglicht. Aber ich habe mich für das Studium des Industriedesigns entschieden damit ich einen Beruf haben würde, mich aber noch trotzdem nebenbei der Kunst widmen könnte - ohne finanziellen oder wirtschaftlichen Druck. Andererseits liegt das Interessante am Design gerade in den Beschränkungen, Kompromissen und Herausforderungen. Man fängt eigentlich nie mit einer leeren Leinwand an.

Von welchen Künstlern werden Sie besonders inspiriert?

Zu meinen Favoriten zählt Robert Delaunay mit seinem unglaublichen Gespür für Geschwindigkeit, wie er Farben einsetzt und seine dynamischen und rhythmischen Formen. Ich schätze Pierre Alechinsky wegen seiner freihändigen, kalligraphischen Malereien und seiner auf Leinwand aufgebrachten Kollagen; Bernar Venet wegen seines mathematisch geprägten künstlerischen Ansatzes und der Schlichtheit der Linienführung. Bei Hans Hartung fasziniert mich sein beeindruckend gestischer abstrakter Stil und, schließlich, bei Pierre Soulages dessen graphische und strukturelle Vorgehensweise.

Wie würden Sie die Kunst beschreiben mit der Sie sich aktuell beschäftigen?

Ich kann nicht bestreiten, dass ich Geschwindigkeit liebe - nicht um ihrer selbst willen, sondern um sie kontrollieren zu können. Aus der Geschwindigkeit erwächst große Verantwortung, denn sie verlangt Konzentration und Respekt. Meine jüngsten Arbeiten verkörpern die Einsicht, dass Fahren - mit Sorgfalt und Präzision ausgeführt - ungemein bereichernd ist.

Für meine zweidimensionalen Werke habe ich mit der Chronophotographie beschäftigt. Diese alte photographische Technik stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und fängt Bewegung im Rahmen einer Bilderserie ein. Diese Drucke kann man entweder wie Animationselemente anordnen oder in einer einzelnen Aufnahme über einander schichten. Es handelt sich hier historisch um einen Vorläufer der Kinematographie und des bewegten Bildes. Meine „Chronospeedometers”-Serie besteht aus 200x200cm-Drucken von 35 ausgewählten legendären Tachometern, die alle zu einem einzigen Bild komprimiert wurden, das sich in einem Augenblick betrachten lässt. Visuell gesprochen, zieht einen dieses Werk an, weil man versucht, den Ursprung dieser bildnerischen Komponenten und Spuren zu enträtseln. Ich mag die Art, wie das Ausgangsmaterial meine eigene Photographie ist und wie ich eine fesselnde aber halbabstrakte Bildsprache durch einen genau definierten Prozess schaffe.

Meine aktuellen Skulpturen verdanken sich dem kalligraphischen Zeichen „ENSO”, das auf Japanisch „Kreis” bedeutet und einen Moment ausdrückt - der Moment, wenn der Geist so frei ist, dass einfach nur der Körper schafft. Das Auto für diese Chronoskulptur ist Porsche 964 RS, der eine unendliche Quelle der Faszination bereithält. Power ist nichts ohne Kontrolle: Diese Skulptur verkörpert die Beschleunigung eines Fahrzeugs beim Übergang in einen Drift. Das ist nicht einfach die Bewegung von A nach B, es ist der Fahrer am Schnittpunkt der Beherrschung. 

Wie fühlt es sich an, einer letzten Franzosen bei Bugatti zu sein?

Ich wurde in Paris geboren, folglich ist es für mich als Franzose eine Ehre, mein Land am Gipfel der Automobilindustrie zu repräsentieren. Heute bin ich sowohl der Direktor des Interior Designs wie auch verantwortlich für das Design unserer lizenzierten Produkte. Mein Büro ist zwar in Wolfsburg, aber ich habe oft die Gelegenheit, zu unserem Stammsitz nach Molsheim zu reisen. Es fühlt sich großartig an, es ist jedes Mal wie eine Heimkehr.

Verändert es die Qualität des Prozesses, wenn Sie für sich statt für einen Hersteller kreativ tätig werden?

Beim Design entwickelt man Produkte, die Menschen, Kunden und künftige Käufer anziehen sollen. Aber Kunst man für sich selbst, egal ob es jemandem gefallen wird oder nicht. Wenn man vor einer Leinwand steht oder sich über ein Skizzenbuch beugt, sich selbst und das, was einem im Innersten bewegt auszudrücken. Es öffnet den Geist. Man kann viel von diesem speziellen Prozess lernen.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen Kunst und Autos beschreiben? Sind sie von einander unterscheidbar?

Die sogenannte „Orphismus”-Bewegung beschrieb Geschwindigkeit mit Hilfe von dynamischen und rhythmischen Formen. Aber es war eine kleine Künstlergruppe, die das gemeinsame Ziel verfolgte, über die konkrete Realität hinaus eine fließende Vision von Gleichzeitigkeit und Flux darzustellen. Exterior Design im Automobilbau verfolgt immer den Ansatz, eine dynamische Skulptur - auch im ruhenden Zustand - zu schaffen. Mit dem Bauhaus und seiner Strenge und dem spezifisch deutschen Ansatz wurden künstlerischer Schöpfungswille und Herstellung neu definiert. Wie dieser revolutionäre Geist in das Autodesign einfließt, sieht man ganz offensichtlich an der ersten Generation des Audi TT. Wir können klar erkennen, das Kunst und Autos eine starke Beziehung verbindet. Ich persönlich bin davon motiviert bis ins kleinste Detail hinein ästhetisch anziehende Dinge zu schaffen wie ein bahnbrechendes und fantastisch zu fahrendes Auto. Bei Bugatti geht es weniger darum, den nächsten Schritt zu entwickeln als um eine Liebe zur Schönheit an sich. Für mich sind Bugattis Kunstwerke. Im kreativen Prozess wird man gezwungen, gegen die Zeit zu kämpfen, denn sie ist der wahre Gegner. Aber die Form bei Bugatti muss ewige Gültigkeit besitzen.

Was dürfen wir in der Zukunft von Etienne Salomé erwarten?

Mein kreativer Output, sei es im Design oder in der Kunst, kommt aus dem Herzen. Hierbei geht es nicht um einen rationalen Vorgang, sondern um einen Akt der Liebe. Leidenschaft treibt mich an - meine nächsten Arbeiten werden sich mit dieser Haltung beschäftigen. Der Gedanke, das jemand über meine Kunst urteilt, „gar nicht mal so schlecht”, lässt mich ausrasten. Für mich gibt es nur das Entwederoder - Liebe oder Hassen!

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Etienne Salomé © 2018

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