Art Basel 2012: Someone is getting rich

Die Art Basel ist die wichtigste Kunstmesse der Welt – an diesem Wochenende gewährt sie zum 43. Mal vielfältige Einblicke in einen Millionen-Markt. Während die großen Galerien aus London, Peking und New York auf Rekordpreis-Garanten setzen, erlebt man bei den Satelitenschauen noch Überraschungen.

Art Basel

Art Basel 2012: Someone is getting rich

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Mehr als 300 Galerien aus 36 Ländern, über 60.000 erwartete Besucher und Kunst für vielstellige Millionensummen: Mit feingeistigen Vorstellungen von der Welt der schönen Künste hat die Art Basel nicht viel zu tun. Hier geht es ums Geschäft – und das scheint trotz oder gerade wegen der Wirtschaftskrise zu boomen. Am Preview-Tag drängten die Sammler am Messe-Eingang wie Woolworth-Kundinnen im Schnäppchenrausch. Dabei sind es vor allem die etablierten Künstler des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, die man auf beiden Etagen des Messe-Rondells entdeckt. Picasso, Warhol, Richter, Hirst schmücken dekorativ-bunt bis wahllos gemischt die Trennwände der internationalen Galerien – oft ist das verbindende Element wohl nur die Zahl der Nullen im Kaufpreis. Nachdem der „Schrei“ von Edvard Munch im Mai für 120 Millionen Dollar versteigert wurde, ist die Branche im Höhenflug. An den ersten Tagen der Art Basel verkaufte sich bereits ein Gerhard Richter für rund 20 Millionen Euro – und auch das orangefarben leuchtende Werk „Untitled, 1954“ von Mark Rothko dürfte trotz eines Preises von 78 Millionen US-Dollar schnell einen Käufer finden.

Art Basel 2012: Someone is getting rich

Nach einem mehrstündigen Rundgang über die Messe muss man feststellen: Es verkauft sich, was dekorativ oder zumindest auffällig ist. Denn in Basel wird primär für’s Wohnzimmer geshoppt – wenn auch auf höchstem Niveau. Sperrige, konzeptionelle, politische Kunst ist kaum zu finden. Auch Videokunst und die digitalen Medien können in ihrem Statuswert nicht mit Öl, Fotografie und Skulptur mithalten. Und ein bisschen Provokation gehört natürlich auch dazu – dass Marina Abramovic mit zwei nackten, in einer Nische positionierten Menschen noch immer für offene Münder sorgt, ist fast rührend. Ob der Neon-Schriftzug "Someone is getting rich" von Claire Fontaine einen ironiebegabten Käufer finden wird, bleibt abzuwarten. Wer nach dem Formenflimmern ein nachhaltigeres Kunsterlebnis sucht, kann eines der hervorragenden Basler Museen besuchen – oder einfach der Choreografie der Bauarbeiter beiwohnen, die in Sichtweite die neuen, von Herzog & de Meuron entworfenen Messehallen in den Himmel wachsen lassen. Mit einem Ende des Kunst-Booms scheinen zumindest die Organisatoren der Art Basel nicht zu rechnen.


 

Art Unlimited

Art Basel 2012: Someone is getting rich
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Fast hört man es aus dem rosaroten, raumfüllenden „Gekröse“ des österreichischen Künstlers Franz West rumoren: „Die Kunst verdaut sich selbst“. Auf der Art Unlimited, dem Nebenschauplatz für jüngere Kunst und Galerien, findet man die selbstreferenziellen Spielarten der Zeitgenössischen Kunst in souveräner Ausführung, aber wenig wirklich neue Ideen. Ausnahme: Die Fiberglas-Karosserie eines falschen Porsche 550 Spyder im Angesicht des bevorstehenden Todes. Der Künstler Michael Sailstorfer hat den James-Dean-Sportwagen für seine Installation „If I Should Die in a Car Crash, It Was Meant to Be a Sculpture“ in eine Crash-Test-Anlage eingespannt und im Cockpit einen roten Start-Button installiert, den es zu Drücken einen in den Fingern juckt. Dem Wunsch nach einem Künstler im Schaffensrausch entspricht derweil der Isländer Ragnar Kjartansson – bei der Kunstbiennale 2009 in Venedig malte er 144 Selbstporträts, die jetzt in Basel zu sehen sind.

Art Basel 2012: Someone is getting rich

Dass der Kunstbetrieb mittlerweile kaum mehr von den Celebrity-Welten Hollywoods zu unterscheiden ist, zeigt der Videoclip „First Point“ von Richard Phillips, in dem sich Lindsay Lohan erst auf einem Surfbrett räkelt und dann zum Bedrohungssoundtrack von Thomas „Daft Punk“ Bangalter derart hilflos und verstört durch die Dunkelheit taumelt, als hätte David Lynch persönlich die Kamera gehalten. Etwas gehaltvollere Cineasten-Kost ist dagegen der Kurzfilm „Belle Comme le Jour“ von Dominique Gonzales-Foerster & Tristan Bera, der sich als Prequel zu Luis Buñuels „Belle de Jour“ begreift.


 

Design Miami / Basel

Art Basel 2012: Someone is getting rich
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Wer hätte gedacht, dass man ausgrechenet auf der Design-Schwestermesse der Art Basel die interessantesten Entdeckungen machen kann – und das ein Großteil aus dem 20. Jahrhundert stammt? Gleich am Eingang steht Jean Prouvés Maison Métropole von 1949 – das patinierte Aluminium des Fertighauses für urbane Nomaden hat bereits einen Sammler überzeugt: „Bereits verkauft“ lächelt die Pariser Galeristin von Patrick Seguin entschuldigend. Doch es gibt noch zwei weitere Prouvés – aus Platzgründen vertreten durch ihre filigranen Stahlträger. Auch bei den Möbeln gehen die Preise für Klassiker der Moderne steil nach oben – die Chrom- und Schaumstoff-Sessel des TGV-Designers Roger Tallon hatte man lange Zeit gar nicht mehr auf dem Radar, nun möchte plötzlich jeder ein Stück besitzen. Auch die skandinavische Schule ist noch nicht abgegrast, bei Jacksons aus Stockholm kann man einen Wegner-Sessel von 1953 für 125.000 Euro erstehen. Auch Galerien wie Dansk Møbelkunst aus Kopenhagen oder Hostler Burrows aus New York sind nordische Teak- und Korb-Finessen zu hohen Preisen zu finden.

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Eindrucksvoll auch die Sammlung von Rudolf-Steiner-Möbeln – die kubischen Schränke, Stühle und Tische aus dem Bannkreis des Anthropologen sind eine wohltuende Abwechslung im ewigen Gleichstrom der Bauhaus-Klassiker, die man sonst bei Messen und Auktionen vorzugsweise angeboten bekommt. Und natürlich gibt es bei der Design Miami/Basel auch Zeitgenössisches zu sehen: Mit seinen LED-Naturskopien transportiert Noé Duchaufour-Lawrance natürliche Licht-Phänomene in den digitalen Raum, das Design-Duo Emanuelsson/Bischoff schaltet Analog-Uhren in Reihe und Fendi präsentiert mit dem italienischen Designstudio Formafantasma eine Kollektion aus hangemachten Leder-Accessoires, die auch aus dem Strandhaus eines Robinson Crusoe stammen könnte. Die Bandbreite und Präsentation des Design-Kosmos in Halle 5 sollte man sich bei einem Basel-Besuch nicht entgehen lassen.


Fotos: Jan Baedeker