Über alle Berge - mit dem Porsche Cayman S

Schon nach unserem ersten Rendezvous in Portugal haben wir dem neuen Porsche Cayman S ewige Liebe geschworen. Jetzt sind wir mit unserem schwäbischen Urlaubsflirt nach Italien durchgebrannt. Allerdings nicht ganz auf direktem Weg...

Die schmale Begrstraße erschien mir steil wie der Himalaya, vor der Mittagssonne schützten ins Fenster geklemmte Handtücher.

Der schönste Tag des Jahres war für mich immer der letzte Schultag vor den Sommerferien: Man warf den Scout-Ranzen in die Ecke, vergaß auf einen Streich alles über’s Jahr mühsam Erlernte und machte sich daran, zwischen Karl May und Lustigem Taschenbuch die richtige Urlaubslektüre auszuwählen. Am nächsten Morgen ging es dann zeitig los in Richtung Mittelmeer – und ich machte es mir auf der Rückbank des hellgelben VW Käfer Cabrios bequem. Oftmals ging es „über den Gotthard“. Die schmale Begrstraße erschien mir steil wie der Himalaya. Oben am Pass wurde Kühlwasser nachgegossen (in die Kehlen der Reisenden, nicht den luftgekühlten Käfer, wohlgemerkt), vor der Mittagssonne schützten ins Fenster geklemmte Handtücher – und wenn ich bei Bellinzona die ersten Palmen entdeckte, war zumindest nach meiner inneren Uhr die erste Urlaubswoche bereits vergangen.

Von Sportkrokodilen und Camper-Karawanen

Wie sehr haben die Zeiten sich doch geändert: Der knallrote Porsche Cayman S, mit dem wir vom Vierwaldstättersee aus die Fahrt ins Tessin antreten, lässt sich weder von den ersten Steigen und Kehren in Richtung der Gotthard-Passhöhe, noch von der sengenden Hochgebirgssonne außer Puste bringen. Der Sechszylinder-Boxer im Rücken schnurrt vor sich hin, die Automatik schaltet nackenschonend-sanft und aus den vorderen Kühlkammern bläst uns eisige Polarluft um die Retro-Sonnenbrillen. Bissige 325 PS haben die Stuttgarter Ingenieure dem Sportkrokodil eingepflanzt, gleichzeitig 30 Kilo heruntertrainiert und noch dazu ein Fahrwerk konzipiert, das wie gemacht ist für Haarnadelkurven nach Gotthard-Art. Wie schön könnte man nun also durch die Serpentinen in Richtung Gipfel brausen – wären da nicht die niederländischen Camper-Karawanen und Reisebusse aus Offenburg, die sich vor uns im Schneckentempo die Straßen hochschnaufen.  

Scheuende Pferde an der Tremola

Ein Picknick auf der Passhöhe mit Tessiner Käse und Salami vom höchstgelegenen Marktstand (sehr empfehlenswert) entschädigt für die rollende Blockade. Dann geht es schon wieder hinab. Auf der Tremola, der historischen Passstraße mit ihren Granitpflastersteinen und gähnenden Abgründen, rollten einst die Postkutschen – und man mag sich kaum ausmahlen, was passierte, wenn eines der Pferde einmal die Lust am Ziehen verlor. Auch unser Mittelmotor-Gespann wird nun, mit gedrückter Sport-Taste und gestrafftem Fahrwerk, etwas unruhig. Wir spielen mit dem Gas, fordern die Bremsen heraus und vermuten schon nach halber Strecke: Wahrscheinlich ist das gar kein „S“ auf dem Heck unseres Cayman, sondern der stilisierte Schwung einer Tremola-Kurve!

Durch's wilde Tessin

Aber auch die langgezogenen Uferstraßen entlang des Lago Maggiore oder die schwungvollen Kurvenkombis durch die dunklen Wälder des Varzascatals sind für den „kleinen Porsche“ wie gemacht. Allerdings wünschen wir uns nun doch eine klassische Schaltung herbei, die wir in Portugal auf der Rennstrecke ausprobieren konnten – mit ihr wirkt der Cayman doch noch ein wenig puristischer. Ein Lob gibt es derweil für den Stauraum: Während unter der Haube das Reisegepäck ruht, lässt sich hinter dem Motor im Heck sogar noch eine Wanderausrüstung unterbringen. Zurück geht es am kommenden Tag wieder über die Berge, dieses Mal allerdings via Passo del Bernardino – einem weitläufigen Pass mit wilden Bergseen und tiefen Wäldern. Eine genauere Begutachtung der Kurven heben wir uns für’s nächste Mal auf – dann mit dem Käfer Cabrio oder dem neuen Cayman R.

Fotos von Jan Baedeker