Nehmen Sie Platz bei Meistersattler für Porsche in Frankreich

Die Werkstatt von Jean-Philippe Duval liegt einen Katzensprung entfernt von der L’Avenue de Champagne in Épernay – dank Millionen von Flaschen, die im Untergrund Staub ansammeln, eine der teuersten Straßen der Welt. Seit über 30 Jahren verfeinert der Meistersattler sein ebenso luxuriöses Handwerk

Wie kamen Sie darauf, Sattler zu werden?

Mein Vater kannte einen Sattler in Épernayund Samstags durften mein Bruder und ich ihn oft besuchen. In seiner Werkstatt herrschte ein ziemliches Chaos, aber er schuf darin unglaubliche Dinge quasi aus dem Nichts – diese Erlebnisse haben mich fraglos sehr beeinflusst. Automechanik und Karosseriebau haben mich nicht wirklich interessiert, aber die Sattlerei schon, weil die Projekte nicht allzu zeitraubend sind, viel Spaß machen und man eng mit seinen Kunden zusammenarbeitet. Manche Menschen bitten mich um komplette Neuanfertigungen, andere benötigen von mir nur kleinere Reparaturen. Aber meistens beauftragen mich Kunden die Interieurs ihrer Automobile umfassend mit neuen Materialien und Farben zu restaurieren. Das finde ich besonders faszinierend. Zugleich muss ich auch sagen, dass ich noch nie Klienten hatte, die verstimmt waren, weil sie viel Geld in ihre Autos investieren mussten.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Mit 15 Jahren bin ich den „Compagnons du Devoir et du Tour de France” beigetreten, einem französischer Verband für Handwerker und Kunsthandwerker, der zurück bis ins Mittelalter datiert. Zur traditionellen und fachlichen Ausbildung gehört eine Tour durch Frankreich, bei der man bei verschiedenen Meistern in die Lehre geht. Ich wollte von Stadt zu Stadt reisen, um mir die unterschiedlichen Methoden und Techniken anzueignen. Ich zeichne immer noch die Umrisse mit Kreide und schneide das Leder mit jener Schere zu, die im damals im Alter von 15 Jahren gekauft habe. Ich mache das so, weil jedes meiner Projekte spezifisch und einzigartig ist.

Warum bevorzugen Sie klassische Porsche?

Ich habe eine ausgesprochene Passion für diese Automobile – vor allem für den Porsche 356. Ich habe meinen ersten 356 gekauft, als ich 25 Jahre alt war. Mit dem Porsche Club France war ich bei Rallyes dabei und hatte stets einen neu aufgebauten Sitz sowie Ledermuster und Fotos auf der Rückbank liegen, um für meinen Service zu werben. Seinerzeit gab es Spezialisten für die Karosserie und für die Technik des Porsche 356, deswegen wollte ich das Gleiche für die Sattlerarbeiten im Auto anbieten. Es ist schon spannend, sich mit nur einem Modell zu beschäftigen: Über die Jahre war meine Werkstatt immer voll mit jenen Autos, die ich wirklich liebe.

Wie hat sich Ihr Geschäftsmodell weiterentwickelt?

Heute arbeite ich fast ausschließlich an klassischen Porsche, um sie teilweise oder komplett zu restaurieren. Immer häufiger wollen Kunden ihr Auto in den Originalzustand zurückversetzen und so viele ursprüngliche Komponenten wie möglich erhalten. Also überarbeite ich 50 Jahre altes Leder oder fertige ganze Innenräume aus alten Teppichen oder Sitzen. Manchmal muss ich auch künstlich Patina erzeugen, damit die Interieurs homogen erscheinen. Aber der größte Teil meiner Arbeit besteht nach wie vor in Restaurierungsaufträgen von privaten oder professionellen Kunden, die jemanden suchen, der wie ich diese Automobile in- und auswendig kennt. 

Wie finden Sie die richtigen Materialienund Vorlagen für Ihre Projekte?

Durch das Zusammentragen von Dokumentationen, Büchern, Zierelementen und Blenden von Autos an denen ich gearbeitet habe. So kann ich exakt feststellen, wie sie ursprünglich gebaut wurden und darauf basierend meine eigenen Vorlagen anfertigen. Aber es ist immer wieder schwierig genug, Autos zu finden, die noch nie auseinandergebaut oder modifiziert wurden – vor allem bei den frühen Porsche 356 A und den Vor-A-Exemplaren. Jedes Mal, wenn ich neu aufgebaute Teile an ein Auto montiere, muss ich meine Vorlagen anpassen und verfeinern. So habe ich es für alle Modelle inklusive der späteren Porsche 911 gehalten. Es gibt beispielsweise einen subtilen Unterschied zwischen einem 911 2.0 von 1967 und einem Exemplar von 1968 – es ist diese Differenz, die mich fasziniert. Außerdem verfüge ich über die besten Zulieferer, die mich mit besonders authentischen Materialien versorgen. Für meine sogenannten à la carteProjekte habe ich spezielle Farb- und Materialschaubilder entworfen, denn manchmal ist die intensive Abstimmung mit einem Kunden, um das bestmögliche Resultat zu erzielen, ganz nah an der Innenarchitektur. 

Haben Sie ein Lieblingsmaterial oder ein Element, mit dem Sie bevorzugt arbeiten?

Ich liebe Herausforderungen, und dazu zählt ganz sicher, ein Softtop für einen Porsche 356 zu konstruieren. Man muss enorm viel entwickeln und anpassen, damit das Dach nicht nur schön aussieht, sondern luft- und wasserdicht ist und sich gut zusammenfalten lässt. Außerdem braucht es einen Dachhimmel, um die Streben zu kaschieren und eine Matte zwischen dem Himmel und dem Cabriodach, um das Interieur akustisch zu isolieren. Mit einem „nackten” Auto loszulegen  ist wie einen Maßanzug zu schneidern – man muss seine Bemühungen an dieses spezifische Auto anpassen. Folgen nehmen sich nur wenige Sattler so ein Softtop vor. 

Was war bisher Ihr Lieblingsprojekt?

Als ich 17 oder 18 Jahre alt war, habe ich gemeinsam mit meinem Vater, der Automobile restaurierte, an einem Projekt gearbeitet. Ich hatte zwar damals noch keine eigene Werkstatt, aber wir bauten zusammen einen sehr schönen Lorraine-Dietrich auf. Meine Aufgaben waren das Interieur, das Softtop und die Heckpartie des Autos. Am Fahrzeug fehlte soviel, dass wir viel nach Teilen suchen oder sie gleich selbst fertigen mussten. Es war zugleich mein erster großer Sattlerauftrag und unvergesslich, weil ich an der Seite meines Vaters arbeiten konnte. 

Schätzen Sie eher Sonderanfertigungen oder folgen lieber den ursprünglichen Spezifikationen?

Autos nach den ursprünglichen Merkmalen aufzubauen, ist gerade bei den besonders seltenen Modellen interessant, weil den Eignern dieser Aspekt sehr am Herzen liegt und weil als Folge auch der Fahrzeugwert steigen kann. Aber Sonderanfertigungen oder „Outlaw”-Projekte machen ebenfalls viel Spaß, weil man einfach experimentieren darf. Die Projekte, auf die ich mich am meisten freue, sind jene, für die ich viel recherchieren muss. Ich behandle jedes Auto, als wäre es mein eigenes. Selbst nach 30 Jahren fesseln mich diese Aufgaben. Ich liebe jedes Element, das ich fertige. Und ich fertige alle Teile nach dem exakten Standard, den ich mir vorgebe – egal, ob es mehr Zeit kostet oder ich ein paar Anläufe dafür brauche. 

Was hält die Zukunft für Sie bereit?

Da ich alleine hier arbeite, wünsche ich mir einen Partner, mit dem ich mein Wissen und meine Expertise teilen könnte. Ich träume auch davon, die Werkstatt um Mechanik und Karosseriebau zu erweitern: Dann könnte ich Automobile umfassend restaurieren, statt mich ausschließlich auf die Sattlerei zu konzentrieren. Wenn man diese Autos so gut kennt wie ich, dann ist es einfach faszinierend, sich auf jedes noch so kleine Detail einer Restaurierung einlassen zu können. Ich möchte in Zukunft meinen Kunden eine noch größere Fülle an authentischen und überzeugenden Lösungen anbieten können.

Fotos: Mathieu Bonnevie für Classic Driver © 2018