Down Under Diaries - Erinnerungen eines australischen Land Rovers

Jahrzehntelang diente dieser Land Rover auf einer australischen Farm als treues Arbeitspferd. Nun ist dieser ungemein originalgetreue Serie 1-Landy zurück in der Heimat. Wir nahmen das „Old Green Girl“ mit auf eine Sightseeing-Tour durch London...

„Wenn wir uns einen Land Rover kaufen, dann muss er auch 60 Jahre halten“, sprach F. B. Burton, dessen handgeschriebener Name samt Name seiner Farm in New South Wales (Australien) noch heute auf dem rechten Kotflügel prangt. „Und genau das hat er dann auch geschafft“, sagt Richard Burton, Sohn des Erstbesitzers dieses einmaligen 86“ Serie 1. 1955 war das Urviech als CKD-Bausatz (Completely Knocked Down) an eine der für die Montage von Land Rover in Australien ausgewählten Firmen geliefert worden. In diesem Fall Grenville Motors in Sydney, wo von aus das Auto an Burton Snr. ausgeliefert wurde. Der den britischen Alleskönner dann auf seiner Farm in Jindabyne in Dienst stellte.  

Arbeitspferd und Familienmitglied

„Wir erledigten fast alles mit dem ‚Old Green Girl,” sagt Richard, der schöne Kindheitserinnerungen an das Auto hütet. „Wir gingen damit auf Kaninchenjagd oder zum Fischen an den Lake Jindabyne. Für den Fall, dass ‚Dad’ ein Kaninchen oder etwas Anderes sah, lag immer ein Gewehr unter der Frontscheibe griffbereit.“ Heute steckt als Reminiszenz an diese Zeiten noch immer eine 22er-Patrone in einer Halterung am Armaturenbrett. Die Knarre ist sicherheitshalber abgenommen, um die Londoner Ordnungshüter nicht zu irritieren. 

„Eine Heizung gab es im Grunde nicht“, erinnert sich Richard. „Im Winter zog man daher einfach nach dem Zwiebel-Prinzip eine zusätzliche Lage Kleidung drüber, und ab ging’s. Meine Schwester und ich kamen zusammen mit den Hunden nach hinten, während mein jüngerer Brüder vorn zwischen Mum und Dad Platz nehmen durfte. Manchmal hatten wir im Winter einen Meter Schnee – doch der kleine Landy schob wie ein Räumfahrzeug alles mit seinem Stoßfänger weg – er kam einfach überall durch.“ Das gleiche Auto, das die Kinder nach ihrer Geburt sicher vom Krankenhaus nach Hause transportierte, diente ihnen später auch als erster Fahrschulwagen. „Wir brauchten Kissen, um besser an die Pedale zu kommen“, sagt Richard.  So wurde das treue Arbeitspferd mehr und mehr zu einem Mitglied der Familie. 

Blankes Blech ohne eine Spur von Rost

Zwei Jahrzehnte, eine Handvoll weiterer Besitzer (in England) und 17.000 Kilometer Luftlinie später stehen wir mitten in London vor dem verblüffend originalgetreu gebliebenen Land Rover. Lichtjahre entfernt von der Sonne und drückenden Hitze Australiens. Doch fährt der Landy genauso stoisch durch die Großstadt wie früher über staubige Weiden – er dient seinem jetzigen Besitzer zum gelegentlichen Einkauf in Chelsea und zur Fahrt in den Sommerurlaub mit Familie nach Norfolk. 

Ein Landy ist mehr als nur ein Auto

Zum Fototermin haben wir passenderweise eine genau 60 Jahre ältere Defender Heritage Edition von 2015 mitgebracht. Trotz des großen Altersunterschieds sind die gemeinsamen Gene unverkennbar – speziell in Gestalt der steil stehenden Windschutzscheibe und des Verlaufs der Dachpartien, die beim 55er-Modell allerdings nur aus einer Plane besteht. Bis auf eine Überholung des Motors und – sehr zum Kummer des aktuellen Besitzers – ein nicht korrektes Hinterrad ist der Serie 1 absolut authentisch. Der Lack ist an vielen Stellen abgeblättert bis aufs blanke Blech, doch nirgendwo findet sich eine Spur von Rost. Beleg für eine stets gute Wartung und das trockene australische Klima. 

Writing history

Egal, ob man nun einen Artikel über einen der „neuen“ von Land Rover zum Verkauf angebotenen Serie 1 schreibt oder den Fall eines Autos wie dieses für eine Geschichte heranzieht: Ein Land Rover ist einfach viel mehr als nur ein Auto. Daher zögerte Richard auch lange, sich vom alten grünen Mädchen zu trennen. „Wir liebten dieses Auto. Als Mum und Dad die Farm verkauften, wollte ich den Land Rover zunächst nicht abgeben“, sagt er. „Warum willst Du dieses blöde alte Ding behalten?“, kam die unsentimentale Antwort seines Vaters. „Mein Vater starb vor fast acht Jahren, doch die Erinnerungen an dieses Auto blieben in der Familie. Als ich meiner Mutter letztens sagte: 'Du erinnerst Dich doch an das alte grüne Mädchen? Sie ist nun in England, und es wird gut für sie gesorgt', brach sie in Tränen aus. Als sie und Dad gerade frisch verheiratet waren, war das Auto ihre einzige Form der Fortbewegung.“

Wir können nur erahnen, wie Richards Mutter reagiert, wenn sie diese wunderschönen Bilder des „Green Old Girl“ vor der Royal Albert Hall oder bei der Fahrt durch den Hyde Park zu sehen bekommt. Wer weit reist, der kann auch was erzählen....

Fotos: Amy Shore für Classic Driver © 2016