Bella Berlina – ist dieser Alfa 6C die schönste Limousine aller Zeiten?

Pinin Farinas Entwurf einer Alfa Romeo 6C Berlina straft das Vorurteil Lügen, Limousinen könnten nicht zugleich elegant und sportlich sein. Sage noch jemand, Viertürer wären spießig...

Auf dem Papier war diese Limousine – oder wie die Italiener sagen „Berlina“ – schon beim Verlassen des Werkes veraltet. Während Alfa Romeo die Großserienproduktion des 1900 vorbereitete, gehörte dieses Modell zu einer Charge von Nachkriegs-Fahrzeugen auf der 6C-Plattform. Und die hatte schon lange vor Ausbruch der Feindseligkeiten ihre Blütezeit erlebt. Was für manch Außenstehenden wie ein Lückenbüßer wirkte, um die Bänder bis 1950 und zur Ankunft der neuen Modelle mit selbsttragender Karosserie am Laufen zu halten, stellt sich heute als Glücksfall heraus. 

Luxusliner

Obwohl er fraglos Alterserscheinungen zeigte – die 2.443 cm3 große Ausführung des Motors erschien 1938, kleinere Versionen reichen bis 1927 zurück – war der 6C während der großen Rennsportjahre Alfa Romeos ein Sieggarant. Der 6C 2500 sollte der letzte Vertreter dieser formidablen Modellfamilie mit Straßenzulassung sein. Die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren zum Einkleiden an Adressen wie Touring und Pinin Farina geschickten Chassis markierten denn auch einen würdigen Schwanengesang. Diese sündhaft teuren (über 3,5 Millionen Lire in 1950) Alfa Romeo 6C Sport Berlina waren wahre Luxusliner – opulent ausgeschlagen mit Leder, Oberflächen aus gedrehten Materialien und Aluminium-Applikationen. Doch über allem thronte die wunderschöne „Quattroporte“ Karosserie, eindeutig inspiriert vom Prototypen des Bentley Mk VI Cresta Coupés, den Pinin Farina 1948 fertiggestellt hatte. 

Geglückte Designtransfusion

Irgendwie brachten es die Turiner fertig, die beim Fastback Coupé Cresta so geglückte Synthese aus Eleganz und Sportlichkeit auf eine viertürige Limousinen-Architektur zu übertragen. Wir können uns jedenfalls an keinen anderen Fall erinnern, bei dem ein traditionelles Dreibox-Format so anmutig und wohl ausbalanciert umgesetzt wurde. Und zwar vorher noch nachher. Vielmehr wurde die Sport Berlina ein stilistisches Vorbild für zahlreiche Familienwagen der 1950er-Jahre, bis hin zu großen Wolseleys und Rileys aus jener Zeit. „Der Wagen gewann 1950 verdientermaßen den großen Ehrenpreis beim Concorso d’Eleganza am Lido von Venedig“, sagte uns Paulo Pininfarina. „Er ist ein perfektes Beispiel für die Kunst Pininfarinas, das Thema Sportlimousine auf klassische, simple und zurückhaltene Weise zu interpretieren. Ich denke in diesem Zusammenhang auch an Limousinen wie den Alfa Romeo 164 von 1987 oder – aus jüngerer Vergangenheit – den Maserati Quattroporte von 2003.”

Platz für die ganze Familie 

Die Kombination aus einem aerodynamisch beeinflussten Design, der ultimativen Evolutionsstufe eines im Rennsport gestählten Motors und der heute vergessenen Kunst, eine maßgefertigte Karosserie auf ein Fahrgestell samt Rahmen zu setzen, machen diese Alfa Romeo 2500 Sport Berlina von 1950 zu einem so verlockenden Angebot. Man nehme dazu die große Seltenheit – bekannt sind noch 17 existierende Exemplaren – und die hervorragenden Erfolgsaussichten bei den Concours d’Elegance. Die große Originalität dieses speziellen Modells macht es zum Favoriten für die in letzter Zeit immer beliebter gewordene „Preservation Class“, die jedoch jedes Jahr aufs Neue an Teilnehmerschwund leidet. Und nicht zu vergessen – notfalls kann auch die ganze Familie mit anreisen.

Fotos: Rémi Dargegen for Classic Driver © 2016