Auf Sturmjagd mit dem neuen Lamborghini Huracán

Der Lamborghini Huracán ist stärker, schneller, aber auch komfortabler als sein Vorgänger – und soll die Sportwagenwelt im Sturm erobern. Wir sind mit dem High-Tech-Wirbelwind durch Andalusien gefegt.

Ein sanfter Stier mit Borderline-Tendenzen - kann das gutgehen?

98 Jahre wäre Ferruccio Lamborghini in diesen Tagen geworden – und er hätte wahrlich Grund zum Feiern gehabt. Seiner Marke geht es bestens, trotz weltweiter Absatzflaute verkaufen sich die Sportwagen aus Sant’Agata Bolognese wie frisch geschnittenes Olivenbrot. Der große Lamborghini Aventador ist für die nächsten 12 Monate ausgebucht. Gleichzeitig steht der lang erwartete Zehnzylinder-Nachfolger für den Lamborghini Gallardo – mit 14.022 verkauften Exemplaren in elf Jahren das erfolgreichste Modell der Markengeschichte – in den Startlöchern. Der neue Lamborghini Huracán soll ebenfalls Maßstäbe setzen und den Spagat zwischen radikaler Rennstrecken-Performance und Alltagstauglichkeit weiter dehnen, als je ein Lamborghini zuvor. Ein sanfter Stier mit Borderline-Tendenzen also. Kann das gutgehen?

Mehr Superhelden-Geschoss als Seriensportwagen

Eine kurvige Bergstrasse im Hinterland von Marbella, die Sonne brennt, am Himmel keine Wolke. Doch aus der Ferne klingt Donnergrollen. Erst dumpf und leise, wie Feuerwerk, dann lauter und agressiv, das Knistern eines sich nähernden Waldbrandes. Plötzlich ein grüner Blitz, der durch die Serpentinen zuckt. Und beruhigtes Aufatmen: An Talent für den dramatischen Auftritt scheint es auch dem neuesten Lamborghini nicht zu fehlen. Breit, flach, giftig grün, mit dämonischem Blick und gespannten Muskeln steht er auf dem staubigen Asphalt, mehr Superhelden-Geschoss als Seriensportwagen. Das Designteam um Filippo Perini ist der kompakten Keilform des Gallardo treu geblieben, die Silhouette erinnert nun jedoch auch an den frühen Countach und das scharfkantige, maschinenhaft zerklüftete Heck war in ähnlicher Form an der Carbon-Studie Sesto Elemento zu sehen. Hinzu kommt das Spiel mit geometrischen Formen und kubistischen Überschneidungen, mit dem sich Lamborghini deutlich von der rundlichen Ästhetik des Erzrivalen Ferrari absetzt.

Auf der Brücke eines interstellaren Abfangjägers

Auch das neue Cockpit ist eine gelungene Hommage: Wie beim legendären Lamborghini Marzal von 1967 – die Designstudie brachte Bertone-Designer Marcello Gandini damals den Ruf ein, er leide unter „Hexagonalfieber“ – finden sich im Design des Interieurs zahllose kleine Sechsecke als widerkehrendes Motiv. Ansonsten sitzt man im Lamborghini Huracán wie auf der Brücke eines interstellaren Abfangjägers: Der Startknopf befindet sich unter einer signalroten Klappe, das frei programmierbare 12-Zoll-Hochglanz-Display zeigt Navigations- und Dynamik-Koordinaten an und auf dem Lenkrad sind neuerdings die Schalter für alle wichtigen Waffensysteme, pardon, Fahrfunktionen untergebracht: Blinker, Abblendlicht, Scheibenwischer. Und ein roter Button für „Anima“, den Schlüssel zur Seele des Huracán.

Diagnose: Tripolare Persönlichkeitsspaltung

Tatsächlich profitiert der Lamborghini Huracán von einer tripolaren Persönlichkeitsspaltung. Wählt man den Fahrmodus „Strada“, lässt sich der Zehnzylinder-Aggressor tatsächlich halbwegs zivilisiert bewegen: Unterlegt von sanftem Grollen, gleitet man untertourig durch Kiefernwälder, korrigiert mit Fingerspitzen den Kurs und staunt, wie die Regelsysteme jeder Roll- und Wankbewegung ausradieren. Dank eines neuen Sensorenpakets sammelt der Lamborghini nämlich mehr Daten als die NSA – und gibt die Erkenntnis umgehend an ESP und Allradantrieb weiter. Letzterer drückt bei Bedarf übrigens bis zu 100 Prozent der Kraft auf die Hinterräder. Im Gegensatz zum brachial-störrischen Gallardo mit seinem ungestümen Kraft und der mitunter haarigen Lenkung ist der Huracán ein Sportwagen, mit dem man gerne auch weite Strecken fährt. Bei Ferrari, McLaren und Porsche sind solche Gran-Turismo-Tugenden bereits seit einigen Jahren fester Bestandteil der Strategie. Nun haben auch die ewigen Rauhbeine von Lamborghini die Komfortzone betreten.

Die Quadratur des Stiers

Schaltet mach hoch in „Sport“, sieht die Sache allerdings schon ganz anders aus: Der Charakter des Huracán verändert sich, der V10 beginnt dumpf zu brüllen und man springt bei leichtem Tritt auf’s Gas sofort nervös nach vorn. Die Lenkung ist zackiger, die Gänge knallen einem beim Beschleunigen geradezu um die Ohren, die magneto-rheologischen Dämpfer sind straff gespannt. Man kann die Kraft förmlich spüren: 610 „Bullenstärken“ presst der neue 5,2 Liter V10 Saugmotor auf die Straße – Downsizing durch Turbo-Power ist bei Lamborghini derzeit noch kein Thema, das hohe Drehmoment bei niedrigen Touren gehört schlichtweg zur DNA. Dafür sorgt jetzt ein neues Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe für blitzschnelle Gangwechsel. Das Mehrgewicht wurde durch leichte Carbon-Elemente im Chassis ausgeglichten. Was auf den engen Kurvenstraßen besonders beeindruckt: Wie agil der Wagen am Gas hängt, wie bretthart und steif er an der Ideallinie klebt. Es ist ein wilder Ritt über Berg und Tal. Entfesselt und doch absolut beherrschbar. Die Quadratur des Stiers, sie ist den Ingenieuren gelungen.

Finale auf der Rennstrecke

Fast fliegen wir vorbei an dem unscheinbaren Schild am Rande der Landstraße: Ascari. Auf der privaten Rennstrecke, zwischen sanften Hügeln und Olivenbäumen, haben wir Gelegenheit, in den „Corsa“-Modus zu wechseln. Mit aktivierter „Launch Control“ und abgeschalteten Assistenzsystemen stürmt der Huracán in 3,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Bis Tempo 200 dauert es nur 9,9 Sekunden – und erst bei 325 km/h findet der Vorwärtsdrang seinen Höhepunkt. Dabei bleibt der neue Lamborghini immer leicht und präzise zu dirigieren, auch wenn das Zwischengas-Feuer so laut prasselt und brennt, als würden sich jeden Augenblick die Tore zur Hölle öffnen. Der wilde Stier mag berechenbar geworden sein – anmerken lässt er es sich das jedoch noch lange nicht!

Fotos: Ingo Barenschee

Ausführliche Informationen zum neuen Lamborghini Huracán finden Sie unter lamborghini.com.

Im Classic Driver Markt stehen zahlreiche klassische und moderne Lamborghini zum Verkauf.