Auf Raumpatrouille mit dem fantastischen Lancia Sibilo

Von allen Konzeptautos, die Marcello Gandini im Auftrag von Bertone entwickelte, ist der Lancia Sibilo von 1978 wohl die seltsamste Kreatur. Sammler Corrado Lopresto hat uns zu einem Testflug mit dem braun-goldene UFO durch die Mailänder Peripherie eingeladen.

Der unglaubliche Lancia Sibilo

Niemand würde in dem unscheinbaren Hinterhof am industriellen Rande von Mailand einen Kulturschatz vermuten. Und doch sind die Autos, die der Architekt und Sammler Corrado Lopresto hier in einer schlichten Halle zusammengebracht hat, für die italienischen Automobilgeschichte von beträchtlichem Wert. Lopresto wird in der Szene für seinen eklektischen Geschmack und seine Spürnase für seltene, kaum bekannte Autos geschätzt – und immer wieder mit Concours-Trophäen belohnt. Doch eine Karosserie sticht selbst aus Loprestos Ruhmeshalle der Karosseriekunst heraus: der unglaubliche Lancia Sibilo.

Der nächste Stratos

Ende der 1970er Jahre war die italienische Automobilindustrie im Umbruch: Die Ölkrise hatte vor allem die Sportwagenmarken schwer getroffen. Immer neue Sicherheitsvorschriften dämmten die Kreativität und auch der ästhetische Aufbruchsgeist, den Designer wie Marcello Gandini und Giorgetto Giugiaro seit den späten 1960er Jahren mit ihren keilförmigen Sportwagen angestoßen hatten, war verflogen. Doch das Leben ging weiter: Als Chefstylist bei Bertone hatte Gandini den Auftrag erhalten, einen Nachfolger für den Lancia Stratos zu entwickeln. Als technische Basis für den Prototypen dienten der 190 PS starke Sechszylinder, der ursprünglich aus dem Ferrari Dino stammte, und das Chassis des siegreichen Rallyesportlers – das allerdings um zehn Zentimeter gestreckt wurde.

Aus dem Orbit

Nachdem Marcello Gandini Anfang des Jahrzehnts mit dem Lamborghini Countach und dem Lancia Stratos die Prototypen des minimalistischen Kantenkeils entworfen hatte, war sein Stil über die Jahre nochmals experimentierfreudiger geworden: Der 1976 gezeigte Alfa Romeo Navajo erinnerte mehr an einen brutalistischen Bungalow oder ein Gefährt aus einem sowjetischen Science-Fiction-Film als an ein straßentaugliches Automobil. Mit dem Lancia Sibilo, der im Frühjahr 1978 die Besucher des Turiner Salons verblüffte, verließ Gandini engültig den Orbit industrieller Serientauglichkeit.

Alles aus einem Guß

Gandinis Ziel bei der Umsetzung war es gewesen, die Illusion einer nahtlosen Karosserieskulptur zu erzeugen und den von Hand aus Stahlblechen gedengelten Lancia Sibilo „wie aus einem Guß“ erscheinen zu lassen. Allerdings waren die technischen Mittel zu dieser Zeit noch recht begrenzt und viele Lösungen haben, ganz ähnlich den Science-Fiction-Filmen dieser Zeit, etwas rührend Selbstgebasteltes an sich. Der Eindruck, Haube und Türen würden ungebrochen in die Scheiben übergehen, wurde durch handgesprühte Farbverläufe erzeugt, während grellorangefarbene Linien die Stoßstangen als eigenständige geometrische Elemente markterten. Statt versenkbaren Fenstern gab es ein rundes Bullauge, das sich nur mit viel Fingerspitzengefühl aufschieben ließ. Die goldenen Felgen wurden aus nicht gerade rallyetauglichem Holz gefertigt. Und die Türen bestanden der Legende nach nur deshalb aus Plexiglas, weil der Glaslieferant die Deadline nicht einhalten konnte.

Die totale Erinnerung

So wenig die Umsetzung aus heutiger Sicht überzeugt, so eindrucksvoll ist der ungebremste Ideenreichtum der Studie: Die seltsame Grundform – halb UFO, halb Schnabeltier – inspirierte sogar noch ein Jahrzehnt später die Ausstatter des dystopischen Weltraum-Blockbusters „Total Recall“ zu ihren Zukunftsautos. Fast noch seltsamer erscheint jedoch der Innenraum mit seiner Kombination von schokoladenbraunen Clubsesseln und der Frühform eines Multifunktionslenkrades, das laut Bertone besonders ergonimisch sein sollte – mit seinem runden Knöpfen jedoch eher an einen Intelligenztest für Kleinkinder erinnert. 

Das UFO fährt!

Den verblüffendsten Aspekt des Lancia Sibilo demonstriert uns jedoch sein Besitzer Corrado Lopresto. Das UFO fährt! Und lässt sich mit etwas Übung auch im Tiefflug durch die Mailänder Peripherie dirigieren. Der Sechszylinder des Dino knattert und dröhnt, wie man es angesichts der antroposophisch-entrückten Form kaum erwartet hätte – und auch der Joystick in der Mittelkonsole gehört ganz klassisch zu einer manuellen Fünfgangschaltung. Durch die Einlässe im Dach pfeift der Fahrtwind direkt in die Weber-Vergaser. Das Fahrwerk holpert über jede Spurrille. Und die sehr zurückhaltend greifenden Scheibenbremsen erinnern einen daran, dass die Automobiltechnik sich seit den 1970er-Jahren doch radikal verbessert hat – auch wenn man sich das Design der Zukunft damals sicherlich weniger langweilig erträumt hätte.   

Stratos trifft Stratos

Der Lancia Sibilo war übrigens nicht der letzte Stratos-Nachfolger aus Marcello Gandinis Feder: Im Jahr 2001 zeigte das Designstudio Stola auf dem Turiner Salon den S81 Stratos – ein kompaktes signalrotes Concept Car, das mit seiner umlaufenden Windschutzscheibe und dem kurzen Heck stark an den Stratos von 1971 erinnerte. Dass beide Autos heute gemeinsam in Corrado Loprestos Sammlung in Mailand stehen, tröstet zumindest ein wenig darüber hinweg, dass der Stratos nie einen offziellen Nachfolger erhalten hat – und angesichts des desolaten Zustands der einst stolzen Marke Lancia auch nicht mehr erhalten wird.

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2017

Unser Dank gilt Corrado Lopresto und Michele P. Casiraghi, die uns diese erinnerungswürdige Ausfahrt ermöglicht haben.

Den Lancia Sibilo – und die hier gezeigten Fotos von Rémi Dargegen – finden Sie übrigens auch in unserem neuen Buch Fast Forward: Autos für die Zukunft, die Zukunft des Autos. Der Bildband ist im Webshop von Gestalten und im Classic Driver Markt erhältlich. International wird das Buch Mitte Oktober 2017 verfügbar sein. Classic Drivers Chefredakteur Jan Baedeker hat Maximilian Funk und Robert Klanten vom Gestalten-Verlag als Mitherausgeber bei der Buchkonzeption und Entwicklung unterstützt.

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