

Der vom damaligen Bertone-Designchef Marc Deschamps – er starb am 5. Oktober 2026 im Alter von 82 Jahren im Krankenhaus von Rivoli bei Turin – entworfene MX-81 Aria war zwar nicht das erste Mazda-Concept-Car, aber der erste Mazda mit dem Kürzel MX. Es stand für Mazda „eXperimental“ und sollte Modellen vorbehalten bleiben, die Konventionen infrage stellen und so neue Werte schaffen. Und genau das tat der MX-81 – und wie!
Das goldfarbene Coupé mit zwei Türen und vier Sitzen basierte auf der Technik des Mazda 323 der zweiten Generation und war Sinnbild einer Designepoche, in der bis zur umlaufenden Gürtellinie heruntergezogene Seitenscheiben en vogue waren. Mit nur 3,94 Meter Länge war es dabei frappant kompakt. Auch die Heckscheibe fiel besonders groß aus – die üppige Verglasung erklärt den Beinamen „Aria“ (italienisch für „Luft“). Die vertikalen, in die C-Säule integrierten Rückleuchten waren für Anfang der 80er-Jahre ebenfalls progressiv. Wie bei dem von ihm gezeichneten Citroën XM und der wegweisenden Studie Citroën GS Camargue favorisierte der Franzose Deschamps kantige, glatt geschliffene Oberflächen mit wenigen, dafür klar definierten Linien und einer betont zugespitzten Front.


Die Camargue von 1972 war übrigens sein erstes eigenes Concept Car bei Bertone – und verdankte sich einem Zufall: Deschamps hatte sich kurz nach seinem Einstieg in Turin einen Citroën GS gekauft und schlug Nuccio Bertone kurzerhand vor, auf dieser Plattform eine Studie aufzubauen. Bertone willigte sofort ein, und von den ersten Skizzen bis zur fertigen Karosserie vergingen gerade einmal fünf Wochen. Beim MX-81 Aria sind zudem Parallelen zur Bertone-Studie Volvo Tundra von 1979 nicht zu übersehen, die noch Deschamps’ Vorgänger Marcello Gandini verantwortet hatte. Deren Formensprache fand schon 1982 im – ebenfalls von Gandini gezeichneten – Citroën BX den Weg in die Großserie.

Die Keilform hingegen war längst in der DNA der Carrozzeria Bertone verwurzelt. Als positiver Nebeneffekt ergab sich beim MX-81 Aria ein cW-Wert von 0,29 – möglich gemacht auch durch die bündig in die Karosserie eingelassenen Fenster, die Klappscheinwerfer (sie gingen 1989 in sehr ähnlicher Form beim 323 F in Serie) und die versenkbaren Scheibenwischer. Um den Zugang zu den Rücksitzen zu erleichtern, ließen sich die Vordersitze zur Seite drehen. Trotz des knappen Grundrisses fanden vier Personen ausreichend Platz.
Schon bei früheren Studien hatte sich Bertone an teils revolutionären Lösungen für die Instrumente versucht. Im MX-81 Aria blickte der Fahrer auf einen direkt vor ihm platzierten Röhrenbildschirm in der Optik eines Mini-Fernsehers, auf dem nach dem Einschalten der Zündung alle wichtigen Anzeigen erschienen. Auf seinem massiven rechteckigen Rahmen waren etliche Bedientasten gruppiert, darunter die für die Hupe. Anders als ein herkömmliches Lenkrad drehte sich die Lenkeinheit selbst nicht. Stattdessen lief ein mit schwarzen Gumminoppen besetztes und mit Stoff bezogenes Gliederband in einer Führung um das Instrumentengehäuse herum. Das Konzept dahinter war durchaus schlüssig, da die Bedienelemente in der zentralen Nabe an Ort und Stelle blieben; das tatsächliche Lenken des Aria dürfte jedoch – gelinde gesagt – eine knifflige Angelegenheit gewesen sein.


Nach der Tokyo Motor Show 1981 verbrachte der MX-81 Aria die folgenden fast 40 Jahre sicher, aber vergessen in einem Mazda-Lagerhaus im Hiroshimaer Bezirk Fuchizaki. Dort setzte er Staub an, bis der frühere MX-5-Projektleiter Nobuhiro Yamamoto – angestoßen durch eine Anfrage von Mazda Italia – am Valentinstag 2020 auf den goldfarbenen Schatz stieß. Feuchtigkeit hatte dem Fundstück etwas zugesetzt, größere Schäden gab es aber nicht. In der Mazda-Zentrale folgte eine gründliche Bestandsaufnahme, bei der vor allem der Motor – ein 1,5-Liter-Turbobenziner mit 130 PS – im Fokus stand. Er wurde vollständig zerlegt; anschließend nahmen sich die Mechaniker sämtliche Komponenten vor, vom Kühler über die Wasserpumpe bis zu Batterie und Tank. Auch Bremsen, Lenkung und Elektrik wurden aufgefrischt. Als das Triebwerk nach 39 Jahren wieder lief, fiel die Entscheidung, das Auto für die Restaurierung von Karosserie und Innenraum dorthin zu schicken, wo es einst entworfen worden war. Im März 2020 hieß es für den MX-81 Aria deshalb: Going home!


In Turin wartete bereits das 2015 gegründete Unternehmen SuperStile auf die Fracht aus Fernost. Die sonst auf Messefahrzeuge, Prototypen und Modelle spezialisierten Handwerker wollten möglichst viel Originalsubstanz erhalten. Lack und Außenflächen erstrahlen seitdem wieder wie 1981; im Innenraum galt es vor allem, die Feuchtigkeitsspuren von den Lederflächen zu beseitigen. Zudem wurden die Scheinwerfergläser erneuert und der Klappmechanismus wieder gangbar gemacht. Als alles picobello fertig war, ließ es sich Mazda nicht nehmen, den MX-81 Aria zusammen mit dem damals neuen Kompakt-SUV MX-30 – dem ersten vollelektrischen Serienmodell der Marke – auf der Mailänder Piazza del Duomo abzulichten, genau dort, wo er schon 1981 für die Pressefotos posiert hatte.


Seit Juli 2021 steht diese Symbiose aus italienischer Designkunst und japanischem Erfindergeist im Mazda Classic – Automobil Museum Frey in Augsburg. Marc Deschamps wurde am 13. Oktober auf dem Friedhof von Caprie im Val di Susa beigesetzt – dem Ort, an dem auch das Bertone-Designzentrum seinen Sitz hatte, aus dem so viele fantastische Studien und Serienmodelle hervorgingen.
Fotos: Mazda














































