Wie nennt man einen deutsch-französischen Laubbläser?

Wer in den Achtzigern auffallen wollte, wählte einen Alpine A310 V6 mit diesem eigenwilligen gallischen Flair. Wer noch eine Spur exzentrischer sein und zugleich die Entente cordiale verkörpern lassen wollte, schickte sein Auto dann zum deutschen Veredler Fleischmann.

Ich lebe in der einstmals berühmten englischen Küstenstadt Brighton und bin folglich, was Verrücktheiten angeht, abgehärtet. Damit Sie verstehen, was ich meine, sollte ich erklären, dass ich nicht von hier bin, denn, was woanders vielleicht als kurios beurteilt werden würde, gilt hier als normal, geradezu alltäglich.

Um Aufmerksamkeit buhlen

Sie könnten zum Beispiel Ihre Hauskatze an die Leine nehmen und mit ihr durch West London flanieren und im Nu fänden Sie sich in den Social Media wieder. Aber in Brighton  gibt es diese Dame, die jeden Tag mit ihrem Papagei zur Strandpromenade schlendert, wo sie ein Päckchen Nüsse teilen und sich unterhalten. Mit einander. Das ist eigentlich schon normales Verhalten. Sie wird aber von einem Gentleman übertroffen, der beim Sonnenbad sein Chamäleon an der Kette mitführt. Er wird eigentlich nicht beachtet.

Sie verstehen also, weshalb ich Brighton verlassen musste, um ein wenig Zeit mit diesem Renault Alpine A310 Fleischmann GR4 zu verbringen, der dort schlicht übersehen worden wäre. 

Erfolgreiche Wiederbelebung

 

Der Renault Alpine A310 wurde 1971 als Nachfolger des erfolgreichen A110 eingeführt, der außerdem noch Weltmeister geworden war. Zur Markteinführung wurde der A130 mit einem 1600 Kubik-Vierzylinder von Gordini ausgestattet, der zwar überzeugte, aber ein wenig außer Atem geriet. Später wurde der Motor des A310 1976 mit einem 2.7-Liter-V6, der über 150 PS leistete, neu konfiguriert. Dieser Antrieb passte nicht nur viel besser zur Charakteristik, er verwandelte den Renault komplett. Mit nur 980 Kilo Gewicht dank beeindruckendem Leichtbaudesign und dem kräftigeren Triebwerk, erreichte das Auto über 225 Stundenkilometer.

Gruppe 4 für die Strasse

Auch der A310 sollte wie sein Vorgänger Erfolge im Motorsport einfahren, nur hatte er weniger Glück. Ein bemerkenswerter Triumph war aber der Sieg 1977 bei der französischen Rallyemeisterschaft der Gruppe 4. Kurz danach begann die deutsche, im Südwesten beheimatete Firma Fleischmann Tuning Bodykits und Tuning-Komponenten für den A310 anzubieten, die am dominanten Auftritt und der Leistung der Gruppe 4-Autos angelehnt war. Zum Look gehörten auch die mit drei Bolzen befestigten Deep Dish-Räder  von Gotti. Im Interieur verführte der geraffte weiche Stoff der anschmiegenden Sitze dazu, sofort die Ärmel der Lederjacke hochzukrempeln, die Sonnenbrille aufzusetzen und einen Power-Song zu zünden.

Cool, reloaded

In der malerischen herbstlichen Landschaft zog der Alpine überall sofort alle Blicke auf sich: ein ziemlich starkes Indiz dafür, dass sich für diese Epoche der getunten Autos quasi der Kreis wieder schließt. Sie sind nach Jahren des Desinteresses wieder cool. In einer Zeit, in der die Aftermarket-Ausstattungen beinahe allgegenwärtig sind, belegt dieser Alpine was hohe Qualität und ein behutsamer Umgang mit Design bewirken können. Bei meiner Rückkehr nach Brighton habe ich entdeckt, dass ich einen neuen Nachbarn habe, der vier pinkfarbene Flamingos in sein Fenster gestellt hat. Meine Entscheidung, nicht mit diesem eigenwilligen Alpine in meiner Stadt unterwegs zu sein, war richtig.

Text & Fotos: Alex Lawrence / The Whitewall für Classic Driver © 2016