Lego-Erbe Anders Kirk Johansen über die Auto-Begeisterung seiner Familie

Wie viele Kinder und Erwachsene werden wohl zu Weihnachten mit einem Legobausatz beschenkt? Kaum einer wird erahnen, dass hinter den beliebten Bausteinen eine autobegeisterte dänische Familie steckt. Wir verbrachten einen Tag mit dem Enkel des Lego-Gründers und einem speziellen Mercedes-Benz.

Es ist ein nebeliger dänischer Morgen, als sich Anders Kirk Johansen die Zeit nimmt, um mit uns über seine automobilen Leidenschaften zu plaudern. Wie für viele von uns fing er sich den Autovirus in jungen Jahren beim Spielen mit Modellautos ein. Auch beim Anblick eines durchs Kornfeld stiebenden Mähdreschers machte der Miterbe des Lego-Imperiums Freudensprünge. Müßig zu betonen, dass das Interesse an der Materie blieb, wuchs und am Ende Teil seines beruflichen Schaffens wurde. 

Mehr als nur ein Kunststoff-Steinchen

Außerhalb Dänemarks dürfte der Name Anders Kirk Johansen nur wenigen Menschen bekannt sein. Dann schon eher der seines Großvaters Godtfred Christiansen, dem Erfinder jener bunten Plastiksteinchen, die unter dem Namen Lego so vielen großen und kleinen „Kindern“ bis heute Freude machen. Anders hat eine spezielle Verbindung zum Großvater Godtfred – auch, weil der seine Begeisterung für Autos weckte. „Ich liebte alles Maschinelle, und noch heute liebe ich es, bei der Ernte mit den dicken Traktoren über die Felder meines Hofes zu fahren“, berichtet er. „Es ist faszinierend, Maschinen bei der Arbeit zu erleben, egal in welcher Größe. Seien es Traktoren oder Flugzeuge – alle technischen Dinge empfand ich schon als kleiner Junge als magisch.“ 

Charakterbildend 

Johansen beschränkt sich beim Sammeln nicht auf eine bestimmte Epoche oder einen bestimmten Wagentyp. Stattdessen umfasst seine Kollektion Autos mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, die dann auch beim Fahren unterschiedliche Emotionen auslösen. Das Spektrum reicht von einem Cadillac V16 von 1934, seinem persönlichen Favoriten, und einem sehr rustikalen Chevy Pick-up anno 1952 bis zu einer Aston Martin DBS Volante — jeder für sich gut für ein einzigartiges Erlebnis. Doch für dieses Mal wollen wir über jenen Mercedes-Benz W126 380SE sprechen, den sein Großvater 1982 als Neuwagen in der Schweiz erstanden hat. Die Alpenrepublik gehörte zu den wenigen Ländern, welche die Plastikbausteine mit den korrekten Toleranzen und der auch sonst von Lego geforderten Qualität produzieren konnten. 

Zigaretten und Popmusik

Im Jahr 1987 kam der Mercedes nach Dänemark, wo er – wie die wunderschöne Patina verrät – ausgiebig bewegt wurde. Der Metalliclack in Cabernet-Rot hat seinen tiefen Glanz behalten, doch bei genauerer Betrachtung fallen die verblichenen Chromeinlagen in den Stoßfängern und das leicht eingebeulte Nummernschild ins Auge. „Mein Opa hatte nicht immer Zeit, die Autos zu wechseln. Daher blieb das G-Modell mitunter zuhause und die S-Klasse musste für einen Jagdausflug eine Tortur über Stock und Stein und bis in den Wald ertragen.“ Anders hat den Wagen so originalgetreu wie möglich belassen, zusammen mit den Lieblingszigaretten seines Großvaters und deutschen Popmusikkassetten im Handschuhfach – jede für sich verbunden mit einer Erinnerung und einer Geschichte. Es ist eine Freude, mit dem Auto durch die wunderschöne dänische Landschaft zu gleiten. Sein 281 PS starker 3,8-Liter-V8 ist kultiviert und durchzugsstark, hat aber auch erst 75.000 Kilometer auf dem Buckel. 

Rollende Entspannungs-Oase

Einige dieser Kilometer waren für den Lego-Erfinder wichtiger als andere. Der alte Christiansen war bekannt dafür, den Mercedes als seinen persönlichen Rückzugsraum zu betrachten, in dem er wichtige geschäftliche Entscheidungen treffen konnte. Diese Rolle spielt das Auto heute auch für Anders, und es ist leicht zu verstehen, warum der Komfort, die Ruhe und die Solidität der S-Klasse den Kopf des Fahrers frei macht für andere Gedanken als die Straßenbeschaffenheit oder die Wetteraussichten. Im Grunde ist das Auto eine Ausweitung des Büros. Es ist übrigens nicht die einzige S-Klasse in der Lego-Familie: Die beiden Brüder von Anders besitzen noch ältere Exemplare aus dem Besitz des Großvaters. Eine automobile Familienzusammenführung, das wäre jetzt etwas. Doch Anders Begeisterung gilt wie bereits erwähnt nicht nur Maschinen auf vier Rädern. 2013 kaufte er den Motorradhersteller Lauge Jensen, nachdem er ein Jahr zuvor erstmals ein Bike der Marke ausprobiert hatte. Dieses Erlebnis ermunterte ihn dann, zusammen mit seinem Landsmann Henrik Fisker die neue Motorradmarke Viking zu gründen. Das Design ist so auffällig, wie man es von einem Fisker-Entwurf erwarten kann.

Ein zündender Einfall

2015 machte Anders seine Autobegeisterung schließlich zum Geschäft und gründete My Garage, mit Sitz am Außenrand von Veijle, dem Verwaltungssitz der Region Süddänemark. „Auf unserem Grundstück hatte meine Familie eine private Garage errichtet, in der wir unsere Sammlerautosunterbringen konnten. Viele Leute kamen zu Besuch und zeigten großes Interesse an den ausgestellten Modellen. Einige fragten, ob sie nicht ihre eigenen Autos bei uns unterstellen könnten. So wurden sie sozusagen Mitglieder im Club.“ Prompt entstand der Plan einer kommerziellen Garage, in der Besitzer ihre klassischen und exotischen Autos unterstellen konnten und die zugleich öffentlich zugänglich war. In Dänemark ging das Konzept vorzüglich auf, denn extrem hohe Steuern führen dazu, dass man solche Autos nur höchst selten einmal auf der Straße sieht. My Garage gibt Fans die Chance, die Prachtstücke 1:1 in Metall zu sehen. Darüber hinaus fungieren zwei Werkstätten als offizielle und autorisierte Wartungscenter für Ferrari und Porsche. Eine Reihe von Händlern sind ebenfalls schon im Projekt eingebunden, weitere werden erwartet. 

Perfekte Unvollkommenheiten

Was hält die Zukunft für das Auto bereit, so wollen wir von Anders wissen. „Ich denke, dass in Dänemark, wie auch in der übrigen Welt, der Besitz eines alten Autos populärer werden wird. Nicht zwangsläufig ein Vintage-Modell, doch ein Klassiker mit einem attraktiven Charakter. Neue Autos, wie ein Tesla oder ein Audi A8, entfremden uns mit ihren autonomen Fahrfunktionen immer mehr vom realen Verkehrsgeschehen und unverfälschtem Fahrerlebnis. Das wird die Lust darauf, einen Klassiker oder ein Spaßauto zu fahren, nur noch steigern. Mit dem echten Sound des Motors, einem Handschaltgetriebe und einer nicht zu leichten Servolenkung. Der Porsche 911R hat schon gezeigt, dass die Industrie verstärkt solche Modelle anbietet. Je perfekter dein Alltagsauto wird, desto mehr gehst du zurück und suchst nach Unvollkommenheiten – denn du möchtest am Wochenende mehr Spaß und mehr aktives Eingreifen. Das ist genau das, was die Besitzer der in My Garage untergebrachten Autos auch wollen.“ 

Text: Craig Callum / Fotos: Amy Shore für Classic Driver © 2017