Ferrari 355 GTS: Endlich erwachsen

Der Ferrari 355 GTS machte zu Beginn der 90er Jahre das wahr, wovon viele Maranello-Jünger träumten. Ein Ferrari mit der Zuverlässigkeit eines Käfers. Ein spätes Exemplar steht jetzt in der GTS genannten Targa-Version zum Verkauf.

Der Ferrari 348 und der Testarossa leiteten zum Ende der 80er Jahre bei Ferrari eine neue Designlinie ein. Nicht mehr rundliche Casanovaformen waren gefragt, sondern ein neuartiges, sehr technisches Design gab die Linien der zukünftigen Supersportwagen vor. Doch offenbar war die unendliche Deklination der Lüftungsrippen in Flanken, Front und Heck den Designern selbst nicht geheuer, denn mit dem Debüt unseres heutigen Fotomodells, dem Ferrari 355 GTS, verschwanden die Rippchen genauso schnell wieder, wie sie gekommen waren. Der 355 war 1994 als Nachfolger des beim Publikum sehr beliebten 348 präsentiert worden und sollte vor allem mit mehr Qualität und mehr technischer Raffinesse die Kunden begeistern. Wie bei dem vom Händler William Loughran angebotenem Exemplar, war auch diese Baureihe als Targa mit einem herausnehmbaren Dachmittelteil lieferbar. Daneben gab es parallel noch ein Vollcabriolet namens Spider sowie ein Coupé mit der Bezeichnung Berlinetta.
 

Ferrari 355 GTS: Endlich erwachsen
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Doch egal für welche der drei Versionen sich der Kunde entschied, immer mit an Bord war ein deutlich verbesserter V8-Motor. Aus nur 3,5 Litern Hubraum zauberte der erstmals mit Fünfventiltechnik ausgerüstete Leichtmetallmotor immerhin 380 PS. Doch neben dem verbesserten Motor konnte der 355 mit weiteren Werten bei der Kundschaft punkten. Das Fahrwerk und der gesamte Antrieb waren von Ferrari erstmals so entscheidend verbessert worden, dass das Gefühl, ein irgendwie provisorisches Fahrzeug mit zahlreichen Kompromissen zu fahren, endgültig passé war. Der 355 benahm sich im Alltag so lammfromm und problemlos wie ein Golf. Eine elektronisch aus dem Innenraum verstellbare Dämpfung der Stoßdämpfer und eine Hochleistungsbremsanlage samt ABS unter den 18-Zoll-Magnesiumfelgen machten das Auto zudem in jeder Situation beherrschbar. Doch der Hengst konnte auch anders: Wer mochte – und wenn es die Umgebung zuließ –, konnte mit dem Mittelmotorsportwagen einen ordentlichen Tanz auf das Parkett legen – Dreher eingeschlossen, denn ein ESP gab es trotz aller Moderne nicht.
 

Ferrari 355 GTS: Endlich erwachsen
Ferrari 355 GTS: Endlich erwachsen Ferrari 355 GTS: Endlich erwachsen

Doch eigentlich ist der 355 GTS heute für derlei Spielchen zu schade. Vielmehr regt der dominante Sound des Achters im Heck zum Bummeln mit offenem Dach ein. Dabei ist es gleich, welcher Gang in der traditionell aus poliertem Metall ausgeführten Kulisse des Sechsgang-Schaltgetriebes gerade eingelegt ist. Die 380 Nm ziehen den Aluminiumsportler aus jeder Situation zuverlässig voran, bis hin zur Abregelgrenze, die bei 8.500/min liegt. Im Falle des sechsten Ganges sollte dann aber die Autobahn schon sehr wenig befahren sein, läuft der 355 GTS doch immerhin 297 km/h und ist damit ebenso schnell wie der wesentlich stärkere Aston Martin DB7 Vantage.
 

Ferrari 355 GTS: Endlich erwachsen
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Dass natürlich auch dieser Ferrari nicht zum Discountpreis zu fahren ist, liegt auf der Hand. Wenn jedoch, wie bei unserem Fotomodell, sämtliche Services inklusive dem horrend teuren Zahnriemenwechsel (alle drei Jahre fällig) erledigt wurden und der Tank voll ist, kann der Spaß nicht mehr länger warten. Und nach den ersten Kilometern können sie die von William Loughran mitgelieferten Abdeckhauben für das Auto und die Sitze ja bei Ebay verkaufen. Denn längere Standzeiten sind bei diesem Maranello-Renner garantiert ausgeschlossen.


Fotos: William Loughran

 

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