Dieser Lagonda LG6 Rapide nahm die Herzen der Hautevolee im Sturm

Stellen Sie sich vor: Sie stehen vor einer Sammlung von 48 Automobil-Klassikern von Weltrang und dürfen nun ein Exemplar für eine Ausfahrt aussuchen. Wir hatten vergangene Woche in Dänemark in der Frederiksen Collection die Qual der Wahl – und haben uns für diesen einzigartigen Lagonda entschieden.

„Ich muss zugeben, dass ich nie die Gelegenheit hatte, diesen Wagen zu fahren“, sagt Henrik Frederiksen zu unserer großen Überraschung, als wir aus den 48 Klassikern, die im September von Bonhams versteigert werden, einen von nur sechs gebauten Lagonda LG6 Rapide Drophead von 1939 auswählen. „So ist das eben, wenn man zu viele Autos besitzt.“ Ein Luxusproblem, sicherlich, aber ein nachvollziehbares. Denn die Qualität seiner Sammlung ist einzigartig und auch uns fällt es schwer, auf Anhieb den begehrenswertesten Klassiker für unsere Spritztour auszusuchen. Den Ausschlag gibt für uns die Geschichte – denn der Lagonda LG6 Rapide ist nicht nur unglaublich schön, er wurde zu seiner Zeit auch von der Presse in den höchsten Tönen für seine Qualität, seinen Luxus und seine Beschleunigung gelobt. Denn im Vergleich zu vielen Zeitgenossen war der Lagonda recht komfortabel auf Geschwindigkeiten jenseits von 100 Meilen pro Stunde zu bringen. 

Das Werk von W.O. Bentley

Das Geheimnis seiner Souveränität findet sich unter der Haube in Form eines Meadows-Motors, der seine Qualitäten bereits mit einem Le-Mans-Sieg unter Beweis gestellt hatte, bevor er von W.O. Bentley verfeinert wurde, nachdem dieser seine eigene Marke an Rolls-Royce angetreten hatte. Zu den Veränderungen, die Bentley am 4,5 Liter Sechszylinder-Motor und dem Antriebskonzept durchführte, gehörte die Einführung einer flexiblen Motoraufhängung sowie eines Synchrongetriebes, was zu einer spürbaren Verbesserung des Fahrerlebnisses führte. Zur selben Zeit arbeitete in der hauseigenen Karosseriewerkstatt von Lagonda ein junger Designer namens Frank Feeley an einem neuen Projekt: Ungewöhnlich leicht, fast französisch wirkte sein neuester Entwurf mit seinen eleganten Flügeln, der schwungvollen Gürtellinie und dem lasziv ausgestellten Hinterrad. 

Ein Geschenk des Himmels

Der Lagonda LG6 Rapide war ein Geschenk des Himmels – doch Europa war Ende der 1930er Jahre kein Ort, an dem Träume war wurden. So kommt es, dass nur sechs Exemplare des wunderbaren Sportwagens gebaut wurden, bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach und die Produktion bei Lagonda zum Erliegen kam. Auch nach Ende des Krieges kehrte der LG6 nicht mehr auf die Straße zurück. Das himmelblaue Drophead aus der Sammlung von Henrik Frederiksen stand derweil noch 1940 auf dem Stand eines amerikanischen Importeurs bei der New York Auto Show. Kurz darauf gelangte der Lagonda zu seinem ersten Besitzer – einem erfolgreichen Geschäftsmann und Vorstandsmitglied des legendären New York Yacht Club, der für das extravagante Cabriolet seinen Rolls-Royce P1 in Zahlung gab. Er taufte den Wagen auf den Namen „The Green Hornet“ – die grüne Hornisse – und segelte fortan mit offenem Verdeck zwischen seinen Anwesen auf Long Island und in Maine hin- und her. 

Himmelblau statt Traktorengrün

Der nächste Besitzer parkte den Lagonda standesgemäß neben seinem LG45 Rapide von 1936 sowie einem V12 Saloon von 1932. Er sollte ihn 46 Jahre lang sein Eigen nennen und schließlich an Skip Barber, den Gründer des gleichnamigen Rennteams.  Barbers Erinnerungen stimmen im Wesentlichen mit den Berichten der Presse überein: „Statt eines minimalen Sportwagen-Cockpits überrascht dich der Wagen mit komfortablen Sesseln, viel Raum und auch sonst allerhand Komfort.“ Nicht ganz so begeistert war Barber von der ursprünglichen grünen Lackierung, die er mit Verweis auf die berühmten amerikanischen Traktoren als „John Deere Green“ verhöhnte. Den blauen Lack, den Barber wählte, sowie das cognacfarbene Interieur, ein sandfarbenes Verdeck und die Holzintarsien im Innenraum trägt der Lagonda noch heute. 

Eine gekrönte Schönheit

Im Jahr 2007 wurde der Wagen umfassend, aber äußerst vorsichtig restauriert – seine über die Jahrzehnte gereifte Patina wurde dabei glücklicherweise erhalten. 2008 konnte man das Ergebnis der Arbeiten dann bereits beim Pebble Beach Concours d’Elegance bewundern. Der Lagonda gewann zwei Trophäen – einen zweiten Klassenpreis und, wahrscheinlich noch wichtiger, den Beaulieu Cup als wichtigstes englisches Automobil im Aufgebot des Concours.

Auch als sich unsere Zeit mit dem eleganten Rennwagen nach einer herrlichen Ausfahrt durch dänische Hügellandschaften und Wälder zum Ende neigt, können wir uns freuen, die richtige Wahl getroffen zu haben: Dieser Lagonda ist wirklich so schön wie historisch signifikant – und sicherlich eines der begehrenswertesten Stücke aus der Frederiksen Collection. Zudem ist der der Rapide einer der letzten Lagonda, die gebaut wurden, bevor Aston Martin die Marke nach dem Krieg übernahm. Vielleicht hat die britische Schönheit ja damals auch Sir David Brown bezirzt. 

Photos: © Amy Shore for Classic Driver