Bonhams startet Europa-Saison 2016 in französischem Ambiente

Passend zur Kulisse ging gestern Nachmittag bei Bonhams im Grand Palais ein blaues Auto als teuerstes Stück der Auktion durchs Ziel. James Knight ließ seinen Hammer für den Ferrari 275 GTB bei 1,8 Millionen Euro fallen. Über den Rest der Auktion lässt sich weniger Erfreuliches berichten.

Es gibt wohl kaum eine stilgerechtere Bühne für eine Auktion klassischer Automobile als das Grand Palais in Paris. Das gleich neben der Seine liegende Gebäude ist in Architektur und Charakter durch und durch französisch und harmoniert perfekt mit den ausgestellten Klassikern. Leider schien die Location die eigentliche Auktion fast in den Schatten zu stellen. Nach der bereits nur mittelprächtig verlaufenen Versteigerung von RM Sotheby’s am Abend zuvor kam auch bei Bonhams keine rechte Stimmung auf – was sich dann auch ziemlich eindeutig in den Ergebnissen widerspiegelte.

Schwarz und Weiß

Die Zahlen sprechen für sich: Nur 75 der 130 der angebotenen Fahrzeuge wurden vom Auktionator James Knight weggehämmert – und nur sehr wenige oberhalb ihrer Schätzwerte verkauft. Die Auktion bestätigt den aktuellen Trend, nach dem Käufer nicht bereit sind, für durchschnittliche und nicht seltene Modelle übertarifliche Preise zu bezahlen. Das zeigt besonders gut das Beispiel des Ferrari Testarossa: Von drei angebotenen Exemplaren fand nur eines einen neuen Besitzer – und das auch nur zu einem Preis von 130.000 Euro, deutlich unter dem Schätzwert. 

Marktkorrektur

Nur einige wenige Fahrzeuge verkauften sich gut. Wie der Aston Martin V8 Series 3 von 1974, der mit 110.000 Euro immerhin 30.000 Euro über dem oberen Schätzwert blieb. Der kaum gefahrene Maserati Sebring kletterte mit 200.000 Euro auch über sein auf 180.000 Euro taxiertes oberes Limit. Der Ferrari 599 GTO erzielte 370.00 Euro – ein starkes, gleichwohl knapp unterhalb des Schätzwertes verharrendes Ergebnis.

Gute Deals waren möglich

Der Anblick der dunkelgrünen Ferrari 550 Barchetta war umwerfend – der glückliche Käufer aus Großbritannien erwarb sie für 15.000 Euro unter dem Schätzpreis von 435.000 Euro. Mit Matching Numbers, Classifiche-Zertifikaten und „Torque tube“-Antrieb präsentierte sich auch der eingangs erwähnte Ferrari 275 GTB als Traummodell. Doch seine vielleicht nicht originale Farbkombination ließ den Hammerpreis bei 1,8 Millionen Euro gefrieren – satte 700.000 Euro unter dem niedrigen Schätzpreis. Ein guter Kauf? Für den Moment ja, doch ist es schwierig vorauszusagen, wohin sich der Markt für diese 60er-Jahre-Ferrari bewegen wird. Auch versierten Interessenten anderer Marken boten sich bei Bonhams gute Gelegenheiten. Knight verkaufte den Mercedes-Benz SLR McLaren Roadster von 2009 für 310.000 Euro und damit 40.000 Euro unter Estimate. Spezielle GT-Modelle wie dieses dürften künftig im Wert noch steigen. Trotz hoher Laufleistung waren auch die 140.000 Euro (40.000 Euro unter Schätzpreis) für den Ferrari 308 Vetroresina ein guter Deal.

Stehengeblieben

Zu den verschmähten Objekten gehörten der Mercedes-Benz CLK GTR AMG, die beiden Coda Ronda und Code Tronca Alfa Romeo Giuliettas, der Ferrari F40 und der Porsche Carrera GT, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Der Porsche-Fall ist insofern bemerkenswert, als Gooding & Co in Scottsdale ein solches Modell für 980.000 US-Dollar (inklusive Premium) verkaufen konnte. Allerdings ist ein Carrera GT in den USA auch deutlich seltener anzutreffen als in Europa. 

Wissen ist Macht

Diese Ergebnisse zeigen, dass die Kunden weiser und fachkundiger geworden sind - Durchschnitt wird nicht mehr so einfach akzeptiert. Doch ein „erzogener“ Markt ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. „Wissen ist Macht“, lautet nicht umsonst ein altes Sprichwort. Angesichts des ganzen Trubels um den Verkauf des Ferrari 335S und des besonders attraktiven Katalogs sind wir gespannt, wie sich Artcurial heute Nachmittag schlagen wird. Kann das französische Auktionshaus auf heimischem Terrain dem Trend trotzen oder wird es dasselbe Schicksal erleiden? Schauen Sie bei Classic Driver nach, wie es ausgegangen ist.

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2016

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