Beim Anblick dieser Ferrari-Festung traut man seinen Augen nicht

Über die letzten zwölf Jahre hat Simon Furlonger aus Kent (England) über 1000 Sportwagen, in der überwiegenden Mehrheit Ferrari, verkauft. Darunter 275 GTS, 288 GTO und Enzo. Wir besuchten ihn in seiner Spielart von Aladdins Wunderhöhle...

Ein leuchtend violetter Dino pflanzte bei Simon Furlonger den Ferrari-Virus ein – da war er noch ein Hosenmatz. „Mein Vater war Leiter einer Toyota Vertretung und einer seiner Kunden hatte diesen Dino wohl für einen Toyota in Zahlung gegeben, erinnert er sich, während wir durch seinen Händlerbetrieb streifen und uns kaum sattsehen können an außergewöhnlichen Supersportwagen, von Ferrari und Lamborghini bis zu Maserati oder McLaren. „Ich weiß noch, dass das Auto auf der anderen Seite des Gartenzauns stand. Ich ging durch das Tor, und dann parkte da dieses purpurfarbige Raumschiff. So was vergisst du nie!“

Zeitsprung ins Jahr 2019, und nun gilt Furlonger zusammen mit seinem Verkaufsleiter Matthew Honeysett als einer der größten Ferrari-Spezialisten im Vereinigten Königreich. Ihre weiträumigen Räumlichkeiten liegen in einer ruhigen Ecke der Grafschaft Kent, genauer gesagt in Ashford, mit dem Schnellzug nur 30 Minuten von London entfernt und über die M20 auf kurzem Weg an die Kanalhäfen Folkstone und Dover sowie den Eurotunnel angebunden. 

Vor Gründung seines Unternehmens im April 2007 hatte sich Furlonger als Angestellter eines anderen Markenspezialisten durch den erfolgreichen Aufbau einer Verkaufsabteilung einen guten Ruf in der Ferrari-Welt erworben. Doch der Wunsch, sich noch tiefer in die Materie jener Autos, die er schon als Kind bewunderte, zu begeben, ließ ihn den Sprung in die Selbstständigkeit wagen. 

„Ich wollte einfach mal Autos auch für mich haben und sie genießen“, erklärt er. „Also nahm ich einen 360 Modena oder einen F355 zu einem Ferrari Owners’ Club Event mit, pappte einen „For Sale“-Sticker an die Windschutzscheibe und wartete darauf, dass mein Smartphone bimmelte. So fing alles an!“ Es dauerte nicht lange, bis Furlonger Honeysett einstellte, mit dem er schon bei seiner früheren Firma zusammengearbeitet hatte. Zusammen mietete man ein kleines Fabrikgebäude und machte sich ans Werk. 

Honeysett erzählt, wie es weiterging: „Simon und ich lieben beide reinrassige Supersportwagen – wie 288 GTO, F40, Diablo und ähnliche – und es war einfach ein Traum, jeden Tag von ihnen umgeben zu sein. Anfangs gab es noch nicht diesen Zustrom von Händlern aus dem Londoner Raum, und zum Glück herrschte für einen kurzen Zeitraum eine Währungsparität zwischen Pfund und Euro. Darauf strömten die Europäer herein, um Autos zu kaufen. Das verschaffte uns die Motivation, weiterzumachen und dank Simons Reputation und reichlich Mund-zu-Mund-Propaganda wuchsen wir recht schnell.“

Natürlich reichten die erzielten Verkaufspreise vor zehn Jahren nicht annährend an die von heute heran, speziell während der Finanzkrise von 2008. Furlonger erinnert sich, wie er einmal einen F50 nicht zum gleichen Preis (£350.000) verkaufen konnte, zu dem er ihn zuvor erworben hatte. Oder wie er auf für £215.000 angebotene F40 verzichtete. Doch grämt er sich nicht – denn was allein zählte, war das Erlebnis, an solchen Exoten (Furlonger und Honeysett sind beide gelernte Mechaniker) arbeiten zu dürfen. 

Bald schon kamen zur Werkstatt ein hauseigenes Ausbildungsprogramm für Lehrlinge und ein räumlich getrenntes Ersatzteillager hinzu. Und so entwickelte sich mit den Leitlinien Ehrlichkeit und Transparenz Simon Furlonger Specialist Cars organisch zum Händlerbetrieb von heute.

Wenn man auf dem Vorhof ankommt fällt es schwer zu entscheiden, wo man zuerst anfangen soll. Denn da stehen rund 35 moderne Ferrari V8 und V12, zusammen mit einem wunderschönen alten Bultaco Trail-Motorrad, auch ein Gerät, das es dem jungen Furlonger besonders angetan hatte. Doch dann lugt die Schnauze eines F50 hinter einer Tür hervor, die den Zugang zu einer Aladdin Höhle besonderer Art öffnet. 

Der erwähnte F50 wird flankiert von einem Rosso Fuoco599 GTO und einem Enzo. Letzterer beschattet von einem Ex-Colonel Ronnie Hoare 275 GTB und einem Lamborghini Countach LP400. Wir könnten hier glatt eine ganze Woche verbringen, geschweige denn einen Tag.

Die Werkstatt ist ähnlich eindrucksvoll. In einer Ecke steht ein Enzo ohne Heckverkleidung, daneben ein wunderschön komplett hier restaurierter Dino Motor und ein Bugatti EB110 Super Sport, um dessen unendlich komplexen 3,5-Liter-V12 mit vier Turboladern sich ein ruhiger und voll konzentrierter Mechaniker kümmert. 

Wir sind neugierig zu erfahren, wie Furlonger die aktuelle Marktlage einschätzt, speziell mit Blick auf die etwas günstigeren Ferrari-Modelle. „Das letzte Jahr war schwierig für uns, aber in diesem Jahr sind wir gut ausgelastet“, sagt er. „Ich denke, die Leute warten noch ab, bis wir den Brexit aus dem Weg haben. Doch sie werden nicht für immer warten, und es gibt so viele Autos, die nur darauf warten, zum richtigen Preis gekauft zu werden.“ 

„Zwischen 2013 und 2016 schossen Händler wie Pilze aus dem Boden; Investoren schielten nach dem schnellen Gewinn, der Markt wurde regelrecht überflutet“, sagt Honeysett. „Mittlerweile stagniert der Markt ein wenig, und die Leute werden preisbewusster. Sie wollen ihr Auto auch bewegen und nicht drauf warten. Noch vor zwei Jahren haben wir Autos unbesehen verkauft und direkt an die Kundenadresse verschickt – echt ein Jammer.“ 

Kurioserweise stehem in Furlongers persönlicher Garage keine Ferrari, sondern zwei höchst unterschiedliche Lamborghini: ein früher Diablo und ein auf den Namen Luigi getaufter Traktor! Doch die Liebe zu den scharlachroten Rössern aus Maranello ist bei ihm und auch Honeysett fast physisch greifbar. Sie leben und atmen diese Autos. 

Besucher sind immer wieder überrascht, wie zugänglich die Verkaufsräume sind. Honeysett erwähnt, dass Kunden sogar während der Mittagspause aus London rüberkommen, um Autos zu kaufen. Wenn Sie also auf der Suche nach einem gut gepflegten und auch sonst „sauberen“ 348 oder einem rundrestaurierten 250 GT Lusso sind, wird Simon Furlonger Specialist Cars nur zu gerne Ihr automobiler Heiratsvermittler sein. Schließlich haben sie das zuvor bestimmt schon über tausend Mal erfolgreich getan! 

Fotos: Robert Cooper für Classic Driver © 2019