Als die englische Polizei noch mit Tigern auf Verbrecherjagd ging...

Man stelle sich vor: Es ist Mitte der sechziger Jahre und ein junger Don Juan will seiner neuesten Flamme zeigen, wozu ein Jaguar E-Type fähig ist. Doch dann verrät ein kurzer Blick in den Rückspiegel die gefürchtete Ankunft eines Blaulichts.

Instinktiv geht der junge Gentleman vom Gas und hofft, dass er nicht in die Eisen treten muss. Er weiß, dass das Aufflackern der Bremslichter bei seinem Verfolger keinen Zweifel an der geradezu verboten schnellen Fahrt des Jaguars aufkommen lassen wird. Aber es dauert eine kleine Ewigkeit, bis das Polizeiauto aufgeholt hat. Kein Wunder, denn als es endlich nahe genug ist, um erkannt zu werden, stellt sich heraus, dass es sich um einen hoffnungslos unterlegenen Morris Minor handelt. Der junge Mann am Steuer geht das Wagnis ein, dass sein Kennzeichen von den Ordnungshütern noch nicht notiert worden ist, tritt das Gaspedal durch und sucht mit rauchenden Reifen das Weite. 

Es erscheint heute geradezu wie ein Witz, dass Fahrzeuge wie ein Minor, ein Austin 1300, ein Vauxhall Viva und sogar das Basismodell des Minis während der sechziger und siebziger Jahre bei der Verbrecherjagd der britischen Gendarmerie im Einsatz waren. War doch ihre Klientel in Fahrzeugen auf der Flucht, die oftmals viermal soviel Leistung hatten und zweimal schneller waren. Diese frustrierende Situation gab den Polizeikräften im Land allen Grund, ihre Flotten mit mehr Leistung aufzurüsten Die Wahl fiel zunächst auf den eher schwerfälligen Zephyr 6 genauso wie auf den Jaguar MKII, der aber auch bei den Bösewichten beliebt war, und auf denkbar ungeeignete Zweisitzer wie den MGA und den Daimler Dart. Ähnlich untauglich für die Praxis, massige Constables und Festgenommene zu befördern wie auch die umfangreiche Ausrüstung an Bord haben zu müssen, war der Sunbeam Tiger – doch nur wenige Flüchtige konnten es bei einer wilden Verfolgungsjagd mit ihm aufnehmen.

Was man heute kaum noch weiß: Der große Carroll Shelby war an der Entwicklung des Sunbeam beteiligt, denn der Tiger folgte dem Vorbild der Cobra: Man nehme einen attraktiven aber nicht sonderlich herausfordernden britischen Sportwagen wie den Sunbeam Alpine, statte ihn mit dem mächtigen V8 von Ford America aus – und man hat als Resultat einen Roadster, der mühelos bis zu 200 Stundenkilometer erreicht. Im Jensen-Werk in West Bromwich gefertigt, wurden die ersten Modelle 1964 ausgeliefert. Sie waren zunächst nur in den USA erhältlich, ehe sie im folgenden Jahr auch in Großbritannien angeboten wurden. Bis der Tiger MKII 1967 debütierte, galt das Auto aber bereits als reines Exportmodell, doch auch in den Vereinigten Staaten war der MKII mit insgesamt 536 verkauften Exemplaren nur selten auf den Straßen anzutreffen. Für den heimischen britischen Markt liefen zwar keine Serienfahrzeuge vom Band, aber der in Bournemouth basierte Rootes-Händler Hartwell konnte rund ein halbes Dutzend Tiger aus einer Lieferung, die an den Docks von Southampton gestrandet war, retten. Er ließ sie zu Rechtslenkern umbauen, neun wurden für den Export nach Südafrika ausgestattet, vier Stück gingen an verdiente Rootes-Geschäfte und zwei andere wurden als Testwagen für die Presse reserviert.

Aber besonders interessant sind die sechs Exemplare, die speziell für die Metropolitan Police vorgesehen waren, denn sie waren werkseitig ausgerüstete Rechtslenker, die von dem gleichen mächtigen 289 Kubik-V8 bekannt aus dem Mustang und natürlich der Small Block-Cobra angetrieben wurden. Leider ist nicht bekannt, was aus den meisten dieser Polizei-Tiger geworden ist, aber die Historie dieses bemerkenswerten Polizeiautos auf unseren Fotos ist bestens dokumentiert. Es trägt immer noch dasselbe Kennzeichen wie damals, als es am 8. Juni 1967 an die Polizeistation in Wembley mit 29 Meilen auf dem Tacho geliefert wurde. Dem Tiger wurde das Funkrufzeichen „1965” zugeteilt.

Es ist keine Übertreibung festzuhalten, dass dieses Auto jedes investierte Pfund wert war, denn als der Tiger zwei Jahre und vier Monate später außer Dienst gestellt wurde, hatte er im Dienst von Gesetz und Ordnung in der Hatz auf Verbrecher beeindruckende 64.688 Meilen auf der Uhr gesammelt. Vor allem Verkehrsünder, die zu schnell fuhren, waren seine Beute. Wie üblich wurde der Tiger versteigert - vermutlich für einen lächerlichen Betrag, den die meisten britischen Fahrzeuge mit annähernd 70.000 Meilen Laufleistung wären damals nur als Basis für einen Neuaufbau betrachtet worden. Aber genau vier Jahre später - in der ersten Ausgabe des Magazins „Thoroughbred and Classic Car” - erlebte dieser Tiger bei einem direkten Duell mit einem MGB GT V8 ein Comeback. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Fahrzeug sein dienstliches Weiß abgelegt und war rot lackiert worden und die Uhr war schon auf 125.000 Meilen geklettert. Der Tiger gehörte dem berühmten Cobra-Händler Rod Leach, der ihn an die britische Klassikerzeitschrift ausgeliehen hatte, mit der Hoffnung, dass die Publicity einen Käufer anlockte. Ein Jahr sollte noch ins Land gehen, bis der in Kensington wohnende US-Diplomat Casimir Hollack sich als neuer Eigner des Tigers registrieren ließ. Es war der Beginn einer sieben Jahre währenden Partnerschaft, außerdem wurde das Auto wieder umgespritzt - diesmal in blau.

Im Jahr 1980 erwarb ein gewisser William Thatcher das Auto für seinen 20-jährigen Sohn Howard - dieser dürfte in seinem Petrolhead-Kreis für Neid und Begeisterung gesorgt haben. Während dieser Zeit wurde der Tiger, der mittlerweile 150.000 Meilen absolviert hatte, sechs Jahre lang umfassend restauriert und wieder aufgebaut. Und er erhielt wieder die Farbe Rot. Im Dezember 1999 verkaufte ihn Howard Thatcher an einen anderen Briten, in dessen Besitz er bis vor kurze verblieb.

Jetzt, mit einem serienmäßigen 200 PS-Motor, der auf 290 PS ausgebaut wurde mit einer Karosserie, die wieder in Dienstweiß erstrahlt, ist dieses Q-Car so respekteinflößend wie damals vor einem halben Jahrhundert. Und man wäre auch heute ziemlich überrascht, wenn es mit pulsierendem Blaulicht wie aus dem Nichts heranrauschte.

Fotos: Rémi Dargegen für Classic Driver © 2018

Leider steht dieses Tiger Sunbeam-Polizeiauto nicht mehr zum Verkauf bei Albion Motorcars, dafür aber deren kompletter Bestand im Classic Driver Markt, darunter auch ein weißer Sunbeam Tiger.